Kultur

Suchen Newsletter ABO Mediathek

Eine Woche Politik spielen

Demokratische Debatte lernen, aber bitte stets bedeckt und in Begleitung: Der Dokumentarfilm „Girls State“ zeigt, wie Mädchen in den USA nach politischer Macht streben – und von einem sexistischen System kleingehalten werden

  • 6 Min.
Girls State

Emily ist frustriert. Gelangweilt blickt sie auf ein Mädchen, das ihrer Freundin Maddie die Haare flicht. „Ich habe das Gefühl, die Jungs machen in diesem Moment richtige politische Erfahrungen.“ Maddie nickt zustimmend. „Ich bin echt genervt von dem Ganzen Trara.“

Emily und Maddie nehmen an einem Projekt namens Girls State Missouri teil, ein Programm, das sich an Highschool-Schülerinnen richtet. Das Ziel: Mädchen ermächtigen und ihnen zeigen, wie „zivilgesellschaftliches Engagement, Führung und Dienst“ für die USA aussehen können. Dafür können sich Mädchen, die ihr drittes Highschool-Jahr abgeschlossen und noch mindestens ein Semester vor sich haben, bewerben. Sie sind dann in der Regel zwischen 16 und 18 Jahre alt. Die Kosten übernimmt die gemeinnützige Organisation American Legion Auxiliary, die Girls State ausrichtet.

Zu Beginn fädeln die Mädchen Armbänder und dekorieren Cupcakes – ganz anders als die Jungs

Während des einwöchigen Programms in den Sommerferien werden die Teilnehmerinnen auf zwei fiktive Parteien aufgeteilt. Anschließend simulieren sie, wie es ist, für eines der höchsten politischen Ämter im Bundesstaat Missouri zu kandidieren: als Gouverneurin, Generalstaatsanwältin, als Richterin am Obersten Gerichtshof oder als Abgeordnete im Kongress. Das Filmteam um Amanda McBaine und Jesse Moss begleitete die Mädchen im Sommer 2022 bei diesem Experiment. 2020 hatten die beiden schon einen Dokumentarfilm über das Programm Boys State veröffentlicht – die gleiche Simulation, nur mit Jungen.

In Missouri fand 2022 das erste Mal Boys und Girls State auf demselben Gelände statt, in der Vorstadt von St. Louis auf dem Campus der Lindenwood University. In den ersten Tagen fädeln die rund 500 Mädchen Armbänder und dekorieren Cupcakes. Sie basteln Wahlplakate. Doch um politische Themen wie das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, Waffengesetze oder Klimaschutz geht es weniger. Derweil bekommen die Mädchen von befreundeten Jungs bei Boys State mit, wie diese bereits Unterschriften sammeln, um sich als Gouverneur wählen zu lassen.

Bei Girls State reden konservative mit liberal eingestellten Jugendlichen 

Auch Emily will im Girls State-Programm Gouverneurin werden. Als überzeugte konservative Christin fühlt sie sich auf dem Campus etwas verloren: Die meisten Teilnehmerinnen scheinen eher links zu sein. Emily sucht trotzdem das Gespräch, diskutiert über restriktivere Waffengesetze und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Mit Maddie, deren politische Ansichten nicht gegensätzlicher sein könnten, freundet sie sich sogar an. Neben Emily und Maddie stehen noch fünf andere Mädchen im Fokus der Doku: Nisha, Tochi, Faith, Brooke und Cecilia. Ihre Biografien sind ganz unterschiedlich: Während Tochi nigerianische Wurzeln hat, kommt Faith aus einem rechten Elternhaus, von dem sie sich emanzipiert hat. Manche sind in der Großstadt aufgewachsen, andere auf dem Land. Die Filmemacher:innen zeigen die sieben in Interaktion mit anderen und in Einzelinterviews. Im Verlauf des Films lernt man nicht nur ihre politischen Ambitionen kennen, sondern versteht zudem, warum Frauen in der US-Politik unterrepräsentiert sind – derzeit machen sie 28 Prozent im Kongress aus, Kamala Harris wurde 2021 als erste Frau Vizepräsidentin.

tochi_ihekona.jpg

Tochi Ihekona
Der Film begleitet sieben Teilnehmerinnen des Girls-States-Programms, Tochi Ihekona ist eine von ihnen

Während in McBaines und Moss’ Dokumentarfilm „Boys State“ Jungs gezeigt werden, die – nach dem „Vorbild“ derzeitiger Politiker – kompetitiv, verbissen und schmutzig um ihre Posten kämpfen, erklären die Betreuerinnen den Mädchen bei Girls State: „Ihr müsst andere Mädchen empowern! Ihr dürft sie nicht auf Fehler hinweisen!“ So funktioniert aber politischer Wettbewerb nicht. Denn da gehört es dazu, dass man sich über unterschiedliche politische Positionen streitet und auch mal die Fehltritte politischer Gegner:innen thematisiert. Als wäre das nicht schlimm genug, wird den Mädchen eingeschärft, nirgendwo alleine hinzugehen und auf keinen Fall bauchfrei zu tragen. Die Mädchen werfen sich verständnislose Blicke zu oder rollen mit den Augen, während die Betreuerinnen ihnen die Regeln einbläuen. Im Nachbargebäude laufen die Jungs oberkörperfrei rum.

„Girls State“ macht klar, dass Mädchen mit politischen Ambitionen in den USA kleingehalten werden

Dass Boys State und Girls State getrennt voneinander sind, liegt in der Tradition der Programme: Boys State wird von der American Legion organisiert, einer Interessenvertretung für Veteran:innen. Hinter Girls State steht die American Legion Auxiliary. Dort engagieren sich vor allem Ehefrauen, Mütter und Schwestern von Soldaten. Boys State entstand 1935, Girls State folgte drei Jahre später – als Antwort auf den Faschismus in Europa und um die Demokratie in den USA zu stärken. Mittlerweile gibt es Girls State in 50 Staaten der USA – Boys State in 49. Kalifornien hat Boys und Girls State als einziger Bundesstaat 2023 zusammengeführt.

Der Film macht eindrucksvoll deutlich, dass Mädchen mit politischen Ambitionen in den USA kleingehalten werden. „Mit 17 sind wir so sozialisiert, dass wir nicht über Politik reden sollen“, sagt Cecilia. Gleichzeitig spürt man den Druck, der auf denen lastet, die Karriere machen wollen. Statt Mädchen politisch weiterzubilden, werden sie bei Girls State von ehrlicher politischer Debatte ferngehalten. Was bei den Jungs wie ein politisches Bootcamp scheint, wirkt bei den Mädchen wie eine Klassenfahrt, bei der Politik gespielt wird.

cecilia_bartin.jpg

Cecilia Bartin
„Mit 17 sind wir so sozialisiert, dass wir nicht über Politik reden sollen,“ sagt Cecilia Bartin in der Dokumentation

Diese Ungerechtigkeiten ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. McBaine und Moss scheinen diese Erzählung bewusst gewählt zu haben, um die Diskrepanz zwischen beiden Programmen deutlich zu machen. Das funktioniert auch deswegen gut, weil sich die Protagonistinnen dieser Ungerechtigkeiten früh bewusst werden und es zum täglichen Gesprächsthema untereinander machen. Ihren Frust darüber tragen sie nach außen: sei es Emily, die darüber einen Artikel für die Girls- und Boys-State-Zeitung schreibt, oder Cecilia, die bei ihrer Wahlrede das scheinheilige System von Girls State anprangert.

Der simulierte Oberste Gerichtshof berät – genau wie der echte – über Schwangerschaftsabbrüche

Und so scheint ab und zu im Film doch durch, wie junge Frauen politische Debatten führen können: sachlich, engagiert, ruhig und respektvoll. So berät der simulierte Oberste Gerichtshof darüber, ob die verpflichtende Beratung vor einem Schwangerschaftsabbruch gegen die Privatsphäre verstößt. Dass die Mädchen gerade über dieses Thema diskutieren, ist kein Zufall: Kurz zuvor war öffentlich geworden, dass das echte Oberste Gericht in den USA plant, „Roe vs. Wade“ aufzuheben – das Gesetz, das seit 1973 das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in der US-Verfassung verankert. Sechs Tage nach Ende von Girls State kippte das Gericht im Juni 2022 das Gesetz. Seither haben 21 Staaten Schwangerschaftsabbrüche eingeschränkt.

Und Emily? Die hat bei Girls State neben ihren politischen Ambitionen auch ihre journalistische Leidenschaft vertiefen können. Inzwischen studiert sie Journalismus an der Lindenwood University. 2040 will sie Präsidentin werden.

„Girls State“ läuft auf Apple TV+, wo auch „Boys State“ abrufbar ist.

Fotos:  Apple TV+

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.