Thema – Berlinale

ABO
Mediathek

„Wir wollen juicy sein“

Ein guter Film ist wie ein Popsong, findet der junge Hildesheimer Regisseur Faraz Shariat. Ein Gespräch über seinen Debütfilm „Futur Drei“ und postmigrantisches Leben in Deutschland

Futur Drei, Berlinale / Foto: Edition Salzgeber / Jünglinge Film

fluter.de: Die Geschichte von „Futur Drei“ hat einen persönlichen Hintergrund. Auf welchen realen Erlebnissen beruht der Film?

Faraz Shariat: Im Sommer 2015 ist mir das Gleiche wie dem Protagonisten passiert: Ich wurde beim Klauen erwischt und musste Sozialstunden ableisten in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Die Geschichte meiner Eltern, die 1979 aus dem Iran geflohen sind, und meine Position als zweite Generation in Deutschland waren mir da schon bewusst. Trotzdem hat es mich verändert, als ich plötzlich vor Leuten stand, die in einem hegemonialen deutschen Blick ähnlich aussehen wie ich, aber de facto in einer ganz anderen Situation sind. Einige dieser Erfahrungen haben wir dann für den Film fiktionalisiert.

Gratulation!

„Futur Drei“ wurde im Rahmen der Berlinale mit dem Teddy Award für den besten queeren Spielfilm ausgezeichnet.

Die Eltern von Parvis werden von deinen tatsächlichen Eltern gespielt.

Meine Eltern haben schon in einigen meiner Kurzfilme mitgespielt. Mittlerweile habe ich mich ein bisschen verliebt in das Spiel meiner Mutter. Sie ist vor der Kamera einfach genauso wie sonst.

Die Szenen mit der Mutter zeigen einen Konflikt zwischen erster und zweiter Generation in einer eingewanderten Familie. Ist das für dich ein repräsentativer Konflikt?

Ich glaube, dass die zweite Generation manchmal das Gefühl hat, Verantwortung für das Leben der Eltern zu tragen. Wir sollen die bestmögliche Version von uns selbst sein, damit sich die Mühen der ersten Generation gelohnt haben. Darüber spricht Parvis im Film, wenn er zu seiner Schwester sagt, dass er nur eine Erinnerung an den Schmerz seiner Eltern sei. Dieses Schuldgefühl prägt das Leben von vielen Menschen, die in zweiter Generation in Deutschland aufwachsen. Es ist aber ein innerer Konflikt, kein Generationskonflikt.

Parvis freundet sich im Film mit zwei geflüchteten Geschwistern an: Amon hat als schwuler Mann eine Bleibeperspektive, seiner Schwester Banafshe droht die Abschiebung. Kann man diese Figuren als intersektionales Trio verstehen?

Intersektionale Ansätze, also die Faktoren race, class und gender zusammenzudenken, haben uns definitiv beeinflusst. Bewusst haben wir die Figuren aber nicht so angelegt. „Futur Drei“ soll vor allem Empowerment sein. Der geflüchtete Körper wird oft stigmatisiert, medial und in Filmerzählungen. Uns war wichtig, dass der Film die katastrophalen Umstände der Figuren reflektiert, ihnen aber zugleich auch Momente der Schönheit und Hoffnung schenkt.

„Gute Popsongs haben die Qualität, Menschen mit unterschiedlichen Identitäten und Lebenserfahrungen zu verbinden.“

„Futur Drei“ spielt in Hildesheim, ein ungewöhnlicher Schauplatz für einen queeren Film aus Deutschland. Man sieht von der Stadt vor allem Reihenhäuser, Supermarkt-Parkplätze, Ü30-Partys …

Genau. Hildesheim ist eine ziemlich durchschnittliche Stadt, und so wollten wir sie auch darstellen. Wir zeigen aber, dass sich junge Menschen heute übers Internet auch in der Provinz ihre eigene Welt einrichten können. Nur wenn Parvis zu seinem Online-Date geht, fährt er halt in die Großstadt, nach Hannover.

faraz_shariat.jpg

Faraz Shariat  (Foto: privat)

Faraz Shariat, 26, hat Szenische Künste an der Universität Hildesheim studiert. Sein Spielfilmdebüt „Futur Drei“ feierte auf der Berlinale Premiere

(Foto: privat)

Welche Rolle spielt die Musik für den Film?

Es gibt im Film einen musikalischen Dialog zwischen drei Ebenen: die iranische Musik steht für die Eltern, dann die Songs von Säye Skye, und Parvis ist 100 Prozent Pop. Wenn wir die Lizenzrechte hätten bezahlen können, wären sicher Songs von Rihanna, Coldplay oder Frank Ocean im Film gelandet. Jetzt sind Nena und der Titelsong von „Sailor Moon“ drin, auch gut. Besonders „Sailor Moon“ war mir wichtig, weil er das Ende des Films gewissermaßen umdeutet und ihm ein positives, fast utopisches Gefühl verleiht.

Hinter dem Film steht das Kollektiv „Jünglinge“, das du mit Paulina Lorenz und Raquel Molt in Hildesheim gegründet hast. Ihr beschreibt euch mit dem Slogan: „We create Juice“. Was hat es damit auf sich?

Das ist Slang aus dem Englischen, wir benutzen das Wort, wenn wir etwas fresh oder geschmackvoll finden. Wir haben unser Kollektiv gegründet, als wir 19 oder 20 waren. Einerseits haben wir eine politische Agenda, die antirassistisch, feministisch und queer ist; andererseits wollen wir aber auch juicy sein. Wenn man Spielfilme mit einer Haltung macht, sollten sie gleichzeitig auch cool und unterhaltsam sein.

„Juice“ steht hier also für die Ästhetik des Films? Für die genau komponierten Bilder, die bunte Farbgebung, die Popsongs …

Ja, aber ein guter Saft schmeckt nicht nur, sondern besteht auch aus gesunden Zutaten. Ehrlich gesagt, ein bisschen klingt das nach Werbeagentur … Aber das ist okay. Pop war wichtig für den Film. Gute Popsongs haben die Qualität, Menschen mit unterschiedlichen Identitäten und Lebenserfahrungen zu verbinden. Das ist genau das Gefühl, das wir mit dem Film herstellen wollten.

Titelbild: Edition Salzgeber / Jünglinge Film

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

0 Kommentare
Meine Meinung dazu...
Die Angabe eines Namens ist freiwillig. Ich willige mit "Speichern" ein, dass die bpb den ggf. angegebenen Namen zum Zweck der Prüfung und Veröffentlichung meines Kommentars verarbeitet. Sie können diese Einwilligung jederzeit widerrufen. Ausführliche Informationen zu Datenschutz und Betroffenenrechten finden Sie hier: Datenschutzerklärung