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Wie war das bei dir?

Mehr als 30 Jahre liegen zwischen den Coming-outs von Elmar Kraushaar und Oliver Noffke. Merkt man das an ihren Erfahrungen? Ein Gespräch

Mehr als 30 Jahre liegen zwischen den Coming-outs von Elmar Kraushaar und Oliver Noffke. Merkt man das an ihren Erfahrungen? Ein Gespräch
(Foto: privat)

Elmar Kraushaar, 69, gilt als „Chronist der Schwulenbewegung“. Er hat mehrere Bücher geschrieben („Schwule Lyrik – schwule Prosa“ und „Männer, Liebe“ zum Beispiel), 20 Jahre lang die „taz“-Kolumne „Der homosexuelle Mann“ und auch sonst sehr viel, etwa für den „Spiegel“ oder die Berliner Schwulenzeitschrift „Siegessäule“.

Oliver Noffke, 37, ist freier Journalist und schreibt am liebsten über Menschen, die gegen ungerechte Zustände etwas unternehmen. „Schwulsein hat definitiv seine Vorteile“, sagte einmal ein Freund zu ihm. Er hatte gerade erfahren, dass er ungeplant Vater würde.

Oliver Noffke: Das Dümmste, das man mir jemals ins Gesicht gesagt hat, war: „Du bist zwar schwul, aber trotzdem total okay.“ Ich kann mir vorstellen, dass du dir früher ganz andere Sachen hast anhören müssen.

Elmar Kraushaar: Geht eigentlich. Oft war es so was in die Richtung: „Du siehst ja gar nicht schwul aus.“ Jeder hat offenbar seine Vorstellungen, wie Homosexuelle auszusehen haben. Ich fand das jedes Mal beleidigend. Insbesondere weil das von Leuten kam, die sich selbst für liberal und fortschrittlich hielten. Schlimmer fand ich aber – und das kam früher vielleicht häufiger vor als heute –, wenn Leute gar nichts mehr gesagt und sich komplett zurückgezogen haben. 

Du hast einmal Leute interviewt, um herauszufinden, ob es generelle Unterschiede beim Coming-out zwischen den Generationen gibt. Was kam da raus?

Dass es – im Großen und Ganzen – eigentlich keine Unterschiede gibt. Zumindest was in einem selber vorgeht, ist, glaube ich, bei jeder Generation ähnlich. Nämlich die Angst davor, was passiert, wenn Leute erfahren, dass man anders ist als sie. Die Angst davor, sie zu verlieren. Das Drumherum macht aber natürlich schon auch immer einen Unterschied.

Ich bin in einem kleinen Dorf in Thüringen aufgewachsen. Dort habe ich eigentlich immer eine latente Homophobie wahrgenommen – nicht Hass, eher Ekel, der jedes Mal mitschwang, wenn Leute über Schwule gesprochen haben. Dass sie mich damit beleidigen, war ihnen nicht klar.

Eines Abends nahmen mich seine Eltern zur Seite und meinten: „Das Verhältnis zwischen unserem Sohn und dir ist doch homosexuell.“

Was hat das mit dir gemacht?

Es hat mich nachhaltig verstört. Ich habe versucht, alle Gefühle wegzuschließen. Und habe mich dann auch noch schuldig gefühlt, weil ich nicht den Mut hatte, für mich einzustehen. Dabei habe ich eigentlich schon mit 13 gewusst, was los war. Spätestens als in der Schule die Pornoheftchen rumgegangen sind.

Bei mir war das anders. Ich war circa 13, da haben zwei Jungs auf dem Schulhof „Schwuler“ zu mir gesagt. Ich musste schlucken, weil sich das böse angehört hat. Ich wusste nicht, was es heißt. Ich habe dann einen Klassenkameraden gefragt, was das sein soll. „Schwul ist, wenn sich zwei Männer in den Arsch ficken“, hat er gesagt. Mich können die also nicht meinen, habe ich mir gedacht. Das war meine erste Begegnung damit. Später hatte ich all das durchlebt, was bei den meisten eben so in der Jugend ansteht: Freundin und Petting, erster Sex mit einem Mädchen und darüber mit Freunden reden.

Wie war das bei dir / Coming out / Kraushaar

Ein Foto Elmar Kraushaars Jugend. (Foto: privat)

„Das Erste, was ich gemacht habe, war, zu meinen Eltern zu fahren und loszusprudeln: Ich muss euch was erzählen: Ich habe einen Mann kennengelernt. Ich bin verliebt. Das ist ganz großartig.“

(Foto: privat)

Wie war das bei dir / Coming Out / Oliver Noffke

Ein Foto von Oliver Noffke in Hasenkostüm. (Foto: privat)

„Das Foto ist von der Party, auf der meine Tante meinen Freund kennengelernt hat. 'Darauf ein Schnäpschen?', war ihre Reaktion.“

(Foto: privat)

Hast du auch Nähe zu Jungen gesucht?

Kurz vor dem Abitur hatte ich viel mit einem Jungen zu tun, Stefan. Eines Abends nahmen mich seine Eltern zur Seite und meinten: „Das Verhältnis zwischen unserem Sohn und dir ist doch homosexuell.“ Ich bin aus allen Wolken gefallen. Wir haben uns danach nur noch einmal getroffen. Da hat mir Stefan gesagt, dass er mich gern küssen würde. Und er hat seine Hose aufgemacht und mir seinen Schwanz gezeigt. Ich habe ihn weder geküsst, noch habe ich mir seinen Schwanz angeguckt. Das war zu viel für mich. Ich wusste einfach nicht, was los war.

Und dann?

Kurz vor dem Studium hatte ich eine feste Freundin. Meine und ihre Eltern sprachen schon von Heirat. Ich wusste aber irgendwie, dass ich nie mit einer Frau zusammenleben will. Deswegen wollte ich, glaube ich, auch unbedingt nach Berlin – um so weit weg wie möglich zu sein. Sie wollte nach Marburg zum Studium. Und damit war die Beziehung beendet.

Wenn mich jemand gefragt hat: „Wie geht’s deiner Freundin?“ Hab’ ich geantwortet: „Dem geht’s gut.“

Wann ging es mit den Männern los?

1971, an der Freien Universität in Berlin, kam ein Kommilitone auf mich zu und sagte, dass er sich in mich verliebt hätte. Nach der Vorlesung gingen wir eine Pizza essen, und es kam zum Kuss. Danach wollte ich wissen, was mit mir los ist. Ich habe eine Schwulengruppe ausfindig gemacht, die hatten eine Fabriketage in Schöneberg. Es waren bestimmt 150 Leute dort – und alle sahen aus wie ich: bärtig, langhaarig und irgendwie sichtlich links orientiert. Ich wusste sofort: Hier bin ich richtig. Dort habe ich mich in einen Mann verliebt. Es war der Erste, mit dem ich Sex und eine Beziehung hatte.

Hast du es deiner Familie erzählt?

Das Erste, was ich gemacht habe, war, zu meinen Eltern zu fahren und loszusprudeln: „Ich muss euch was erzählen: Ich habe einen Mann kennengelernt. Ich bin verliebt. Das ist ganz großartig.“

Ich habe auch erst in eine Stadt ziehen müssen und aus meinem Umfeld ausbrechen, um frei darüber nachdenken zu können, wer ich bin. Während eines Praktikums in Berlin hatte ich dann meinen ersten Freund. Da habe ich beschlossen: Jetzt oute ich mich.

Wie lief das ab?

In meinem Kopf habe ich eine kleine Liste gemacht mit Leuten, denen ich es persönlich sagen wollte: ein paar Freunde, meinen Geschwistern und meinen Eltern. Ich habe ein unglaublich gutes Feedback bekommen und bin ein halbes Jahr lang auf Wolken geschwebt. Als wäre ich unverwundbar. Wenn mich jemand gefragt hat: „Wie geht’s deiner Freundin?“, hab ich geantwortet: „Dem geht’s gut.“ Dann sind sie entweder verstört weggelaufen, oder es kam zu den lustigsten Gesprächen.

War es für dein Coming-out wichtig, dass da ein Freund war?

Ja. Vorher war ich immer der, der keine Freundin hatte. Es war mir zwar früh klar, was los ist. Ich hatte aber überhaupt keinen Mut, so ganz alleine. Es gab in meinem Dorf keine Vorbilder, wenn, dann nur im Fernsehen. Und dort waren Homosexuelle meist Außenseiter und galten als Opfer oder Gestörte. Ziemlich deprimierend. Wirklich aufgeblüht bin ich erst, als ich meinen jetzigen Partner kennengelernt habe, mit Anfang 20. Der hat dann auch relativ schnell meine Familie getroffen.

Meine Eltern haben versucht, meine Freundin zu animieren, mich wieder auf die „richtige Spur“ zu bringen.

Wie sind die damit umgegangen?

Die meisten waren sofort begeistert, bei einigen hat es aber auch etwas gedauert, bis sie damit klargekommen sind. Heute fragt meine Oma zuerst, wie es ihm geht, und danach erst, was ich so treibe. Wie war dein erster Familienbesuch mit Freund?

Meine Eltern fanden den Typ gleich sehr nett. Was er auch wirklich war: freundlich, charmant und gut erzogen. Von ihm habe ich viel gelernt, weil er sehr viel offener mit sich und seiner Homosexualität umgegangen ist. Mir gegenüber haben sich meine Eltern liberal gezeigt. Nachdem wir weg waren, haben sie aber meinen Bruder angerufen und ihn gefragt: „Haben wir etwas falsch gemacht? Wie wird man schwul?“ Danach haben sie versucht, meine Freundin, die ja eigentlich meine Frau werden sollte, zu animieren, mich wieder auf die „richtige Spur“ zu bringen.

Daraus wurde aber natürlich nichts.

Nein. Mein Vater hat mich aber später öfters in Berlin besucht und mir dann irgendwann gesagt, dass er es toll findet, dass ich so lebe, wie ich bin. Das hat mich umgehauen. Es hat mir mehr Stärke gegeben. Und meine Mutter hat mir später mal einen Leserbrief gezeigt, den sie an eine Frauenzeitschrift geschickt hat, nachdem dort ein Artikel über Homosexualität veröffentlicht worden war. Sie hat der Redaktion geschrieben, wie großartig es ist, einen schwulen Sohn zu haben, und wie stolz sie auf mich ist.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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