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Böses Blut

Die Blutkonserven in Deutschland sind knapp. Sind wir bei den Blutspender*innen zu wählerisch?

Diskriminierung bei der Blutspende

Das Risiko, sich durch eine Blutspende mit HIV zu infizieren, liegt in Deutschland bei eins zu zehn Millionen. Damit sich das nicht ändert, dürfen Drogenkonsument*innen, Sexarbeiter*innen oder homosexuell aktive Männer hierzulande nicht oder nur unter Auflagen spenden – genauso wie eine gewisse Gruppe von England-Reisenden.

Daran änderte selbst die momentane Blutarmut nichts: Durch die Corona-Einschränkungen werden die Blutreserven in Deutschland immer wieder knapp. Drei Gründe mehr, sich die Blutspende-Blacklist genau anzusehen. Auf ihr stehen …

Männer, die Sex mit Männern haben

Weil die sogenannte „Aids-Krise“ Tausende US-Amerikaner tötete, wurde 1983 ein Generalverbot für homosexuelle und bisexuelle Spender erlassen. HIV betrifft homosexuelle Männer bis heute stark: Laut Robert Koch-Institut machen sie etwa zwei Drittel aller HIV-Infektionen aus, aber nur drei bis fünf Prozent der Bevölkerung (je nach Schätzung).

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In Deutschland gibt es laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI), dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, jährlich um die 100 Spender*innen, die mit HIV infiziert sind. Knapp die Hälfte sind demnach Männer, die schwulen Sex haben, den sie aber auf dem Fragebogen vor der Blutspende verschweigen. Hinter dem Ausschluss stand also der Gedanke, auf wenige potenzielle Blutspender*innen, aber gleichzeitig die größte HIV-Risikogruppe zu verzichten.

Nur verstößt der Ausschluss gegen die Grundrechte und das Diskriminierungsverbot, urteilte der Europäische Gerichtshof 2015. In Deutschland wurden die Regeln daraufhin gelockert: Heute dürfen alle Männer spenden, wenn sie mindestens ein Jahr lang auf gleichgeschlechtlichen Sex verzichtet haben (und das auf dem Spendefragebogen bestätigen).

Diese Zeitspanne soll garantieren, dass eine HIV-Infektion zweifelsfrei nachzuweisen ist. Verbände und Ärzt*innen kritisieren die Sperrfrist aber als willkürlich und medizinisch nicht plausibel. Björn Beck, der Vorstand der Deutschen Aidshilfe, nennt die Regelung eine „Unverschämtheit“. Auch für Jana Aulenkamp, die als Ärztin und Speakerin für Gesundheitspolitik arbeitet, erklärt sich die lange Sperrzeit nicht medizinisch. „Schaut man auf die Studien zu HIV-Infektionen, scheint die Frist eher eine politische Entscheidung zu sein.“

„Um die Sicherheit der Blutspende zu gewährleisten, ist es notwendig, Menschen auszuschließen“

Das PEI bestreitet das nicht. Die Pressesprecherin Susanne Stöcker bestätigt auf fluter.de-Anfrage, dass neben medizinischen auch statistische Erkenntnisse relevant seien – nach denen Männer, die regelmäßig Sex mit Männern haben, nun mal häufiger von HIV betroffen sind. „Um die Sicherheit der Blutprodukte zu gewährleisten, ist es notwendig, Menschen auszuschließen“, sagt Stöcker. Wieso das PEI der zwölfmonatigen Sperrfrist folgt, beantwortet sie nicht.

Auch die Bundesärztekammer, die die deutschen Blutspenderichtlinien gemeinsam mit dem PEI verantwortet, ließ diese Anfrage unbeantwortet. Ihr Pressesprecher Samir Rabbata merkt aber an, dass die Regelung in keiner Weise diskriminierend gemeint sei: Die offizielle Formulierung, dass Männer ausgeschlossen seien, „die Sexualverkehr mit Männern haben“, stelle das Verhalten der potenziellen Spender in den Mittelpunkt, nicht ihre sexuelle Orientierung.

Andere Länder wie die USA haben ihre Fristen für homosexuelle Männer bereits auf drei Monate reduziert. Die Deutsche Aidshilfe fordert, dass sich der Zeitraum auch in Deutschland am „diagnostischen Fenster“ orientieren soll – also der Zeit zwischen Infektion und dem Zeitpunkt, an dem man eine Infektion sicher nachweisen kann. Aktuell sind das sechs bis zwölf Wochen, sogar nur ein bis zwei Wochen bei PCR-Tests (die auch bei Corona-Tests zum neuen Standard werden könnten).

Menschen, die im Gefängnis sind oder waren

Insass*innen sind während und für vier Monate nach ihrer Haft vom Blutspenden ausgeschlossen. Früher durfte sogar nie wieder spenden, wer einmal eingesessen hat. 1984 wurde das mit den schlechten hygienischen Bedingungen und dem hohen Ansteckungsrisiko in Justizvollzugsanstalten begründet.

Häftlinge haben ein bedeutend höheres Risiko, sich mit HIV und Hepatitis-C zu infizieren

Diese Zustände mögen historisch klingen, aber in deutschen Gefängnissen gibt es bis heute bedeutend mehr HIV- und Hepatitis-C-Infizierte als im Rest der Bevölkerung (5- bis 24-mal mehr HIV-Infizierte und sogar 17- bis 100-mal so viele Hepatitis-C-Infizierte). Kondome oder Utensilien für den sicheren Drogenkonsum stellen die Haftanstalten kaum zur Verfügung. Steriles Spritzbesteck wird lediglich in einer deutschen Justizvollzugsanstalt angeboten, dem Frauengefängnis Berlin-Lichtenberg.

Wieso Männer, die Sex mit Männern haben, oder Drogenkonsument*innen (siehe unten) so viel länger für Blutspenden gesperrt sind als Inhaftierte, wollte kein Institut genauer beantworten. Aus dem PEI hieß es lediglich, die Regelung folge „epidemiologischen Erkenntnissen und den daraus abgeleiteten unterschiedlichen Risikoannahmen“.

Menschen, die trans* sind

Während bei Homosexuellen zwischen Schwulen und Lesben unterschieden wird – weil das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, für Frauen deutlich geringer ist –, gelten trans* Menschen als homogene Spender*innengruppe. Für trans* Frauen und trans* Männer gelten dieselben Regeln: Sie müssen vor der Blutspende ein Jahr auf Sex verzichten.

Aktuelle Studien geben dieser Einschätzung zunächst recht: Trans* Personen haben demnach ein 49-fach höheres Risiko, sich mit HIV zu infizieren, als die Allgemeinbevölkerung. Das liegt zum einen an der überproportional häufigeren Tätigkeit in der Sexarbeit, zum anderen aber am Design vieler Studien zur HIV-Prävention: Sie führten trans* Personen über Jahre fälschlicherweise pauschal als Männer, die gleichgeschlechtlichen Sex haben. „Medizinisch macht der Ausschluss keinen Sinn“, meint die Ärztin Jana Aulenkamp.

trans* Personen fühlen sich von ihrem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht nicht (vollständig) beschrieben. Manche streben eine körperliche (z.B. durch Hormone oder Operationen) und/oder soziale Angleichung an das gefühlte Geschlecht an (etwa durch einen neuen Vornamen). Das Gegenteil von trans* ist cis.

Ein Vorschlag, der die Spende für trans* Personen erleichtern soll, betrifft den Fragebogen vor der Spende: Der könnte künftig nicht mehr die Spender*innengruppe, sondern das tatsächliche sexuelle Risikoverhalten erfragen: Ein trans* Mann in einer Beziehung mit einer cis Frau hat zwar statistisch kein nennenswertes HIV-Risiko, wird aber in der jetzigen Spendepraxis trotzdem zur Person mit sexuellem Risikoverhalten. PEI-Pressesprecherin Susanne Stöcker verteidigt die momentane Regelung: Entscheidend sei am Ende die Sicherheit des Arzneimittels, die Diskriminierung potenzieller Spender*innen müsse dabei in Kauf genommen werden.

Menschen, die Drogen nehmen

Der Drogenkonsum über Spritzen ist einer der häufigsten Gründe für eine HIV-Infektion. Durch einen besseren Zugang zu sterilen Einmalspritzen und Spritzenaustauschprogramme konnten die HIV-Neuinfektionen in Deutschland zwar reduziert werden, aber trotzdem entstehen immer noch rund fünf Prozent der Infektionen durch intravenöse oder intramuskuläre Drogeneinnahme. Wer sich einmal gespritzt hat, darf in Deutschland deshalb nie wieder Blut spenden – selbst wenn er nachweislich HIV-negativ ist.

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Konsument*innen anderer Drogen (nasal, oral, aber auch trockene Alkoholkranke) dürfen ein Jahr nach dem Konsum spenden, werden vor der Abgabe aber von Ärzt*innen auf ihre Spendetauglichkeit überprüft.

Bei Cannabis sind die Regeln lockerer: Manche Ärzt*innen bitten um einen konsumfreien Monat vor der Blutspende, anderen ist es egal. Die Qualität der Spende beeinträchtigen Cannabisrückstände nicht. Zu befürchten haben Kiffer auch nichts: Das Blut wird nach der Spende lediglich auf die Blutgruppe und Krankheiten wie HIV geprüft.

Menschen, die Sexarbeit verrichten

Auch Sexarbeiter*innen müssen ein Jahr vor der Blutspende abstinent bleiben – schwierig für Menschen, die ihr Leben mit Sexverkauf finanzieren. Aber genau wie bei trans* Personen oder schwulen Männern wird die lange Sperrfrist mit dem Gebot der sicheren Blutspende erklärt. Laut PEI-Pressesprecherin Susanne Stöcker liegt bei Sexarbeiter*innen eine „außergewöhnliche Kombination von Risikofaktoren“ vor: häufig wechselnde Partner*innen, häufiger Drogenkonsum, risikoreicher Sex.

Dass diese Faktoren die Spenden unsicherer machen, ist unbestritten. Viele kritisieren aber, dass Sexarbeiter*innen pauschal der langen Sperrfrist unterliegen: Vor der Blutabgabe werden Spender*innen explizit gefragt, ob sie in der Sexarbeit tätig sind – und nicht, ob sie Risikosex hatten. Auch dieser Gruppe käme eine Korrektur des Fragebogens also zugute.

Menschen, die zwischen 1980 und 1996 in Großbritannien waren

In der 1980er- und 1990er-Jahren wütete in Großbritannien der BSE-Erreger. Tausende Rinder wurde notgeschlachtet – und auch Menschen starben an der Creutzfeld-Jakob-Krankheit, die wahrscheinlich durch den Verzehr BSE-infizierter Rinderprodukte ausgelöst wurde. Tests, um den Erreger nachzuweisen, sind bis heute nicht marktreif. Wer damals länger als sechs Monate in Großbritannien war, ist deshalb in Deutschland bis heute von Blutspenden ausgeschlossen – also auch Menschen, die damals nur ein Auslandssemester gemacht haben, und sogar Vegetarier*innen.

Illustration: Frank Höhne

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Fluli
  ·  
22.09.2020-07:09

Interessant ist auch, dass seltenst darüber gesprochen wird, dass man auch vom Blutspenden ausgeschlossen wird, wenn man innerhalb der letzten vier Monate mit mehr als einer Person Sexualverkehr hatte. Ob es sich dabei um mit Kondom verhüteten Sex handelt oder nicht, ist für dir Zulassung irrelevant. Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll.