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So werden Abtreibungen in Serien gezeigt

Immer mehr Serien bauen Schwangerschaftsabbrüche in ihre Plots ein. Nicht immer gelingt das

Shrill

Abtreibungen schaut sich niemand freiwillig an. Blut, Leid und Trauma: Das sind die Bilder, die die Filmgeschichte oft genutzt hat, auch wenn die Realität vieler Menschen bei einem Schwangerschaftsabbruch anders aussehen kann. In jüngster Zeit wagen sich aber immer mehr Regisseurinnen und Serienproduzenten an das Thema und bauen Abtreibungsgeschichten in ihre Plots ein. Die Filmemacherin Franzis Kabisch hat viel Empowerndes, aber auch ziemlich viel Müll gesehen – und eine Typologie in fünf Serien zusammengestellt.

Die langweilige Abtreibung
(„Shrill“)

Die US-amerikanische Serie „Shrill“ dreht sich um das turbulente Leben von Annie (s. Titelbild), einer jungen Frau mit unbefriedigendem Job und unzuverlässigem Lover. Mit wachsendem Selbstbewusstsein meistert sie die Herausforderungen ihres Alltags. Schon in der ersten Episode wird sie ungewollt schwanger. Sie berät sich mit ihrer besten Freundin, nimmt sie mit zum Abtreibungstermin, liegt kurz darauf auf dem Behandlungsstuhl und fertig. Nach einer Minute ist alles vorbei.

„Eine Abtreibung ohne Drama wird von Sendern meistens aus dem Drehbuch gestrichen“

Die Einfachheit dieser Szene spricht Bände: Die Abtreibung ist nicht dramatisch und kompliziert, sondern ein routinierter, sicherer und vor allem schneller Eingriff. „Das grenzt an langweiliges Fernsehen“, sagt die Autorin Lindy West, die selbst am Drehbuch mitgeschrieben hat. Darzustellen, dass Schwangerschaftsabbrüche eher unaufregend und Teil des Alltags sein können, war ihr besonders wichtig – auch wenn das gegen die Logik vieler Fernsehnarrative spricht, nach denen es Konflikte und Hindernisse geben muss, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen zu halten. Eine Abtreibung ohne Drama werde von Sendern meist aus dem Drehbuch gestrichen. Aber, so Lindy West, „diese Erfahrung hat auch Berechtigung. Eine, die man nicht oft im Fernsehen sieht.“

Die No-Shame-No-Blame-Abtreibung
(„Claws“)

Inmitten des bunten Treibens eines Nagelstudios, das eigentlich illegale Geldwäscherei für eine dubiose Schmerzklinik nebenan betreibt, stellt die Mitarbeiterin Virginia fest, dass sie ungeplant schwanger ist. Ein dummer Unfall: Weil die Pille ihre Füße anschwellen ließ und sie damit keine High Heels mehr anziehen konnte, hatte sie sie einfach abgesetzt. Genauso wenig beschämen lässt sie sich bei ihrem Entschluss, die Schwangerschaft nicht fortzusetzen: „Wir sind noch nicht bereit für ein Kind.“ Punkt. Zur Abtreibungsklinik begleiten sie ihr Freund und eine Freundin aus dem Salon. Kurz vor dem Termin hat Virginia doch Angst vor der Verurteilung anderer. Sie fragt ihre Freundin, was die Frauen im Salon über sie denken werden.

Was folgt, ist eine Szene zum Niederknien: In einer abstrakten Montage tauschen sich die Frauen über ihre eigenen Abtreibungsgeheimnisse aus. Die eine sagt: „Ich hatte zwei und hab nie wieder drüber nachgedacht.“ Eine andere: „Zumindest kann sie eine bekommen. Damals in Texas waren sie illegal. Ich musste für meine zu der netten Frau im Imbiss gehen.“ Eine sehr besondere Szene, weil sie Frauen offen und schamlos über ungewollte Schwangerschaften reden lässt und Virginia damit den Rücken stärkt.

Die kühle Abtreibung
(„Dear White People“)

Die Serie „Dear White People“ zeigt das Leben auf einem US-Campus aus der Perspektive unterschiedlicher Schwarzer Studierender. Im Zentrum steht die titelgebende Radiosendung der Studentin Sam, in der sie die Diskriminierung durch ihre weißen Mitstudierenden anprangert.

Dear White People (Foto: Netflix)

Nicht cool: Die Bilder von „Dear White People“ sind warm – bis es in die Abtreibungsklinik geht

(Foto: Netflix)

Auch das Thema Abtreibung wird in der Serie behandelt. Die mit 19 ungeplant schwangere, sehr ehrgeizige Studentin Coco wird absolut bedingungslos von ihrer Mitbewohnerin Kelsey unterstützt, und auch ihr innerer Konflikt ist nicht unrealistisch. Bei der Abtreibung selbst dominieren negative Darstellungen. So traut sich Coco kaum, das Wort „Abtreibung“ auszusprechen. Statt der sonst eher warmen Bilder der Folgen sind die Szenen in der Klinik in kühles blaues Licht getaucht. Es gibt keine Beratung, keine freundlichen Mitarbeiter*innen. Nur das ungemütliche Wartezimmer, in dem Coco von einem rosigen Leben mit Tochter tagträumt, das sie aber am liebsten sofort wieder verlassen würde.

Die traumatische Abtreibung
(„Euphoria“)

Die Serie „Euphoria“ wird von vielen gefeiert – für ihren offenen Umgang mit psychischen Problemen, die vielen queeren Charaktere, die tolle Kameraführung und fantastischen Make-up-Looks. Aus der Perspektive der drogenabhängigen 17-jährigen Protagonistin Rue blicken wir auf eine Highschool-Welt voller Gewalt, Sexualisierung, Missbrauch, Manipulation und schönem Schein, hinter dem all das versteckt wird. Die jungen Frauen sind in der Serie selbstbewusst und schlagfertig, die meisten bleiben aber trotzdem machtlos und passen damit zur frauenfeindlichen Grundstimmung in der Highschool. So auch der Teenager Cassie, der mit seiner ungeplanten Schwangerschaft größtenteils alleingelassen wird: das Klischee der gängigen Abtreibungsdarstellungen. Ihre Freund*innen hören Cassie nicht richtig zu, ihr Freund schiebt Panik und ihre Eltern sind nicht die richtigen Ansprechpersonen.

Eine ungeplante Schwangerschaft: Irgendwas Traumatisches muss dem weiblichen Charakter ja widerfahren

Der einzige empowernde Moment für Cassie – sie stellt sich während des Eingriffs als starke und selbstbestimmte Eiskunstläuferin vor – ist untermalt mit einem dramatischen Song, der das Gegenteil von Empowerment vermuten lässt: Arcade Fires „My Body Is a Cage“. Klar können Abtreibungen aus verschiedenen Gründen Traumata hinterlassen, aber in dieser Serie wird die ungeplante Schwangerschaft höchst dramatisch dafür genutzt, Cassies Charakter etwas Unheilvolles anzudichten. Einfach weil in dieser Serie jedem weiblichen Charakter etwas Traumatisches widerfahren muss.

Die humorvolle Abtreibung
(„Please Like Me“)

Ein Juwel unter den Abtreibungsszenen in Serien findet sich in der australischen Produktion „Please Like Me“. Sie zeigt das Zusammenleben der Freund*innen Josh, Tom und Claire und ihren humorvollen Umgang mit Coming-out, Beziehungsleben und Familiendramen. In der Serie wird eine medikamentöse Abtreibung gezeigt, die in Filmen und Serien eher unterrepräsentiert ist, obwohl sich in vielen Ländern der Großteil der ungewollt Schwangeren für diese Methode entscheidet.

In der dritten Staffel begleitet Josh seine beste Freundin Claire bei allen Schritten ihrer Abtreibung. Er geht mit ihr zur Beratung in die Klinik, unterhält sie während der 30-minütigen Wirkzeit der Tablette, harrt vor der Badezimmertür aus, als die Krämpfe bei ihr einsetzen, und kümmert sich danach mit frittiertem Hühnchen und Gesellschaft um sie. Dann schlägt er vor, dass jetzt beide ihre Gefühle ohne Urteil äußern dürfen: „Ich bin neidisch, weil du schwanger werden kannst“, sagt er. Claire erwidert: „Ich habe mich für die Klinik schick gemacht. Ich wollte nicht, dass sie denken, ich sei wie die anderen Mädchen.“ Besonders Claire nimmt Humor als Strategie, um mit der Abtreibung klarzukommen. Als sie den abgestoßenen Fruchtsack im Klo sieht, fragt sie Josh: „Soll ich ein Foto machen und es den Leuten zeigen, wenn sie mir Fotos ihrer Kinder zeigen?“ Please Like Me – yes, I do!

Schwangerschaften dürfen in Deutschland bis zur zwölften Woche abgebrochen werden, wenn vorher an einem Beratungsgespräch teilgenommen wurde oder eine kriminologische Indikation vorliegt, zum Beispiel bei einer Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung. Nach diesem Zeitraum ist eine Abtreibung rechtswidrig. Es sei denn, der Abbruch wird aufgrund einer medizinischen Indikation vorgenommen, wenn also etwa bei Risiken für die Gesundheit der Frau infolge der Schwangerschaft zu hoch sind.

Franzis Kabisch ist Filmemacherin und Kulturwissenschaftlerin in Berlin und Wien. Aktuell forscht sie zur Darstellung von Abtreibungen in Filmen und Serien. Ihr Ergebnisse teilt sie nicht nur in der Uni, sondern auch auf dem Insta-Kanal @abortion.tv.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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