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Auf der re:publica noch durchblicken

Unser Reporter war nochmal auf der Berliner Digitalkonferenz und liefert hier den zweiten Teil seiner wichtigsten Erkenntnisse – unter anderem mit Open Schufa, Verhütung für Männer und Pränataldiagnostik an Apfelbäumen

  • Boot Time der ersten iMac-Generation
re:publica Best-of

Auch gestern haben wir schon von der re:publica berichtet, die mal als „Bloggerkonferenz“ gegründet wurde und heute Treffpunkt der Macherinnen und Macher einer digitalisierten Gesellschaft ist. Die großen Themen sind dieses Jahr: Wie soll man mit Rechtspopulisten im Netz umgehen? Wie lässt sich die Polarisierung der Debatten in der digitalen Kommunikation aufhalten? Können wir die Macht der Algorithmen erfassen und im Zaum halten? Wie bekommen wir die Kontrolle über sich scheinbar immer mehr verselbstständigende Prozesse der Netzwelt zurück?

Aber im Detail ist das Themenspektrum der Konferenz noch viel größer. Gestern reichte es von Chelsea Manning bis Silikonöl gegen Blähungen. Und heute? Hier die wichtigsten Erkenntnisse von unserem Reporter Michael Brake:

1. Der Schufa-Score muss keine Blackbox bleiben

Alle reden darüber, dass heute undurchschaubare Algorithmen unser Leben bestimmen. Dabei gibt es das ja schon länger. Zum Beispiel bei der Schufa: Die sammelt Daten von fast allen Deutschen, um daraus den Schufa-Score zu ermitteln, der die Kreditwürdigkeit ausdrückt. Ist der Score schlecht, kann es schwierig werden, wenn man einen Bankkredit, eine Versicherung, einen Miet- oder auch nur einen Mobilfunkvertrag braucht.

Dass es so etwas wie die Schufa gibt, ist nicht das Problem. Dass die Schufa nicht offenlegt, wie sie ihren Score bestimmt, ist für ihre Kritiker durchaus ein Problem. Haben der Familienname oder der Wohnort etwa einen Einfluss? Ist nicht bekannt. Das Projekt OpenSchufa will deshalb den Score-Algorithmus entschlüsseln und hat bei der re:publica sein Vorgehen und seine Absichten vorgestellt.

2. Eine Verhütungsmethode für Männer ist möglich

Pille, Diaphragma, Hormonpflaster … Es gibt diverse Arten der Schwangerschaftsverhütung, die im Frauenkörper passieren, oft mit fiesen hormonellen Nebenwirkungen. Für Männer kommt nur die Vasektomie, die Durchtrennung der Samenleiter, infrage. Das ist zwar sicherer als alle anderen Verfahren zusammen, aber auch: eine Entscheidung fürs Leben. Unsinn, dachte sich Clemens Bimek, ein gelernter Möbeltischlermeister, vor rund 25 Jahren und entwickelte in jahrelanger Arbeit ein Samenleiterventil. Es ist so groß wie eine Büroklammer und soll mittels eines Schalters den Samenzufluss aus dem Hodensack unterbrechen – und ihn auch wieder erlauben können.

Zur re:publica hat Dirk Baranek diese Geschichte mitgebracht, der mit seiner Agentur für die Öffentlichkeitsarbeit des Samenleiterventils zuständig ist. Denn im Herbst 2015 wurden 50 Freiwillige und eine Million Euro benötigt für klinische Studien. Baranek erzählt also, wie das Thema Samenleiterventil viral ging – und wie die Leute im Internet reagierten. Erst gab es nur ein paar Berichte in deutschen Medien, dann kam „Spiegel Online“, dann schrieben englische Boulevardmedien vom „Sperm Switch“, und schließlich ging die Geschichte um die Welt.

Ein Erklärvideo von „Now This“ sammelte Millionen Likes auf Facebook und 60.000 Kommentare. Eine Analyse dieser Kommentare zeigte, dass Frauen positiver auf die Meldung als Männer reagierten. Sie erzählt aber auch von Männerängsten (wollen keine Roboter sein, Angst vor Schmerzen, „blue balls“, „penis explosion“), von Männerhoffnungen (endlich unbegrenzt Sex, endlich Kontrolle über die Verhütung) und von Männerfragen („Geht das auch mit Bluetooth?“). Letztlich kamen 1.500 Probanden zusammen. Geldgeber für die Studien werden aber weiterhin gesucht. Sonst bleibt das Samenleiterventil nicht mehr als ein Prototyp.

3. Nägel lackieren ist gar nicht so einfach

Ein Bekannter hat neongrünen Nagellack auf die re:publica mitgebracht und bietet mir auch welchen an. Ich habe das noch nie gemacht und pinsele am kleinen Finger und Ringfinger meiner linken Hand herum. Das Ergebnis ist eine Mondlandschaft – glatt und gleichmäßig geht anders. Aber grün ist es.

Aber warum überhaupt grüne Fingernägel? Grün ist die Farbe der diesjährigen re:publica, der Bühnenhintergrund ist grün, die Festivalbändchen, die Dekoeelemente, die Taschen sind grün, ja sogar das obligatorische Bällebad ist grün. Der Clou: Es ist der Farbton, der auch für Greenscreen-Filmaufnahmen eingesetzt wird. Und mit einer Extra-App kann man nun eigene Fotos und Videos auf alles projizieren, das grün genug ist. Auch auf meine Fingernägel. Ein großer Spaß!

4. Roboter machen Pränataldiagnostik an Apfelbäumen

Ist euch schon mal aufgefallen, dass im Supermarkt nur runde, schön gefärbte Äpfel liegen? Klar – alle anderen werden vorher aussortiert, auf denen bleiben die Apfelbauern sitzen. Damit das nicht passiert, werden beim Anbau inzwischen Maschinen eingesetzt, die schon die Apfelblüten scannen und vorselektieren.

Das ist nur eine Methode, wie digitale Technologien die Landwirtschaft verändern, vorgestellt in Michael Kizils Vortrag „Digital Farming 1980–2050“. So helfen zum Beispiel Drohnen, Sturm- und Hagelschäden schneller zu erfassen – aus der Luft sieht man das besser, als wenn man erst alle Felder abfahren muss. Augmented Reality hilft beim Reparieren von Landmaschinen: Der Landwirt hat eine Datenbrille auf, die Zusatzinformationen einblendet, ein Techniker gibt telefonisch Anweisungen. Selbstfahrende Mähdrescher gibt es eh schon, und irgendwann können sie mittels Big-Data-Wetteranalysen vielleicht auch autonom entscheiden, den Erntestart ein paar Tage nach vorne oder nach hinten zu verlegen.

Als wichtigste Innovationen für die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte nennt Michael Kizil allerdings „Vertical Farming“ und die Erzeugung von künstlichem Fleisch aus dem Bioreaktor. Und das muss auch nicht mehr auf dem Bauernhof passieren, die Farmen der Zukunft könnten auch mitten in der Stadt entstehen: In Parkhäusern zum Beispiel.

5. Auf den Philippinen wird das Social Web sauber gehalten

Zehntausende Menschen arbeiten dort als „Content Moderators“ und schauen sich im Auftrag von Facebook und anderen Anbietern Bilder an, die im Verdacht stehen, gewaltverherrlichend, pornografisch, terroristisch oder auf andere Weise unzumutbar zu sein. Es sind mitunter krasse Aufnahmen dabei, von Hinrichtungen oder Kindesmissbrauch, aber auch Satire und Kunst. Von diesen Menschen und ihrer Arbeit handelt der Dokumentarfilm „The Cleaners“ von Hans Block and Moritz Riesewieck, der auf der re:publica seine Deutschland-Premiere feiert. Im Mittelpunkt stehen die philippinischen Content-Moderator*innen, der Film stellt aber auch die Frage nach der Verantwortung, die Facebook und Co. für die Inhalte auf ihren Plattformen haben – auch wenn die Firmen sich gerne hinter dem Argument verstecken, sie würden doch nur die Technologie bereitstellen. Am 17. Mai kommt „The Cleaners“ ins Kino.

Titelbild: Jens Kalaene / dpa

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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