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Von Chelsea Manning bis Silikonöl gegen Blähungen

Die digitale Zukunft, die angeblich viele überfordert, ist das Thema der Konferenz re:publica. Die wiederum ist auch so umfassend, dass es einen überfordern kann. Unser Autor fasst mal aus seiner Sicht zusammen – Teil 1

  • Boot Time eines Commodore 64
re:publica: Chelsea Manning

Einst als „Bloggerkonferenz“ gegründet, ist die re:publica heute Treffpunkt der Macherinnen und Macher einer digitalisierten Gesellschaft. Seit Mittwoch läuft sie wieder in Berlin. Tausende Menschen sind gekommen, um drei Tage lang über die digitale Gegenwart und Zukunft zu reden – auf 20 Bühnen und abends beim Feierabendbier.    

Die großen Themen sind dieses Jahr: Wie kann man mit Rechtspopulisten im Netz umgehen? Wie lässt sich die Polarisierung der Debatten in der digitalen Kommunikation aufhalten? Können wir die Macht der Algorithmen erfassen und im Zaum halten? Oder kürzer: Wie bekommen wir die Kontrolle zurück?

Darüber hinaus geht es in knapp 500 Veranstaltungen aber auch um Dinge wie Verhütungsmittel für den Mann, um Computerspiele, um Blockchain-Technologie und um das Weltklima. Weil das viel zu viel ist, um hier alles wiederzugeben, hat sich unser Autor mal ein bisschen für euch umgeschaut. Das waren seine wichtigsten Erkenntnisse:

1. Nerdhumor muss präzise bleiben

„Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag hatte ich so viele Trolle in meinem Postfach, ich hätte ‚Der Herr der Ringe‘ nachspielen können“, sagt die Autorin und Schauspielerin Samira El Ouassil bei der Podiumsdiskussion „Die Revolution disst ihre Kinder“. Eine Frau neben mir erwidert leise: „Orks. Bei ‚Der Herr der Ringe‘ sind es Orks, keine Trolle. Herrgott!“

Das Panel versucht einen Bogen zu schlagen von der Protestkultur der 68er zu den heutigen Entwicklungen, bei denen sich Rechtspopulisten als Widerstandskämpfer gegen den Mainstream inszenieren – ein Thema, das nach dem Wahlerfolg der AfD noch mehr Dringlichkeit erhalten hat und auf der re:publica in zahlreichen Veranstaltungen verhandelt wird. Die Diskussion krankt zwar etwas daran, dass alle auf der Bühne einer Meinung sind (ein typisches re:publica-Problem), ist aber dennoch tiefgründig. Das kann man sich gut mal beim Abwaschen anhören. Und zwar hier:

2. Fireside ist gar kein Video-Chatprogramm

Wie jedes Festival hat auch die re:publica ihre Headliner, prominente Speaker*innen als Aushängeschilder für die Medien und als Ankerpunkte im sonst so kleinteiligen Programm. Diesmal ganz vorn dabei: die Whistleblowerin Chelsea Manning, die nach der Weitergabe von Dokumenten zum US-amerikanischen Irak- und Afghanistankrieg an Wikileaks von 2010 bis 2017 in den USA in Haft war.

„Fireside Chat with Chelsea Manning“ heißt die Veranstaltung, und ich bin mir hundertprozentig sicher, dass wir Chelsea nur auf einer Leinwand sehen werden, zugeschaltet mit einem Chatprogramm namens Fireside, ähnlich wie vor zwei Jahren  Edward Snowden oder in diesem Jahr Jan Böhmermann. Doch nein: Manning ist ja nun endlich frei und auch nach Berlin gekommen.

Zum „Kamingespräch“ ohne Kamin wird sie mit viel Applaus empfangen und erzählt dann unter anderem davon, wie es ist, wenn man nach sieben Jahren in Haft quasi keine Online-Identität mehr hat. Sie warnt davor, dass die Welt immer autoritärer werde. Ähnlich wie direkt davor Danah Boyd in ihrer Auftaktrede ruft Manning Programmierer*innen dazu auf, mehr Verantwortung zu übernehmen und sich nicht nur hinter der Technik zu verstecken. „Wir brauchen ethische Standards wie bei Ärzten.“

3. Datenarmbänder sollen die Pilgerfahrt nach Mekka sicherer machen

Zu den wichtigsten Dingen im Leben eines gläubigen Moslems gehört die Pilgerfahrt nach Mekka, und zwar möglichst an fünf ganz bestimmten Tagen im islamischen Kalender. Und so kommt es, dass sich zum Hadsch über zwei Millionen Gäste in der saudi-arabischen Stadt aufhalten und an mehreren Stationen Rituale vollziehen. Das ist eine riesige logistische Herausforderung, wie die Islamwissenschaftlerin Miriam Seyffahrt, die selbst zwei Jahre in Saudi-Arabien gelebt hat, in ihrem Vortrag darlegt.

Denn der größte Teil der Pilger kommt aus anderen Ländern und spricht nicht Arabisch. Es sind viele alte Menschen dabei und auch Analphabeten. Wo so viele Menschen aus aller Welt zusammenkommen, verbreiten sich schnell Krankheiten. Auch Vermisste gibt es jedes Jahr, vor allem Kinder. In regelmäßigen Abständen kommt es sogar zu Massenpaniken. Zuletzt starben 2015 über 2.000 Menschen.

Viele Probleme, zu deren Lösung auch Technik beitragen soll. Das saudi-arabische Hadsch-Ministerium (ja, es gibt eines nur dafür) bietet bereits eine App an. Auch verpflichtende elektronische Armbänder sollen helfen, die Risiken zu minimieren und den Hadsch für die Pilger so einfach wie möglich zu machen. Sie sollen die Identitätsdaten ihrer Träger*innen speichern, aber auch gesundheitliche Informationen, außerdem Übersetzungshilfe leisten und dank GPS Orientierung bieten. Dass all das datenschutzrechtlich problematisch ist, ist dabei vermutlich eine ziemlich deutsche Sicht auf die Dinge, ebenso die Angst vor Identitätsdiebstahl.

Übrigens sollen die Armbänder auch Antworten auf wichtige spirituelle Fragen geben. Zum Beispiel: In welche Richtung muss man sich eigentlich wenden, wenn man sich bereits in Mekka befindet?

4. Silikonöl hilft gegen Blähungen

Jedenfalls das Silikonöl Polydimethylsiloxan (PDMS), das hat nämlich schaumhemmende Eigenschaften, und ungiftig ist es auch. Es hilft außerdem gegen Kopfläuse, indem es sie erstickt. Auch Kondome sind mit PDMS beschichtet, und dann ist es auch noch ein Bestandteil von kinetischem Sand: Sand, der besonders gut zu modellieren ist. Diesen kinetischen Sand kann ich bei der re:publica selber herstellen, am Stand von Deutschlandfunk Nova, dem Heimatsender der Sendung  „Netzbasteln“.

Denn auch das gehört zur re:publica: eine traditionell starke Anbindung an die Do-it-yourself- und Maker-Szene. Die wirbt dafür, nicht ständig fertige Produkte zu kaufen, sondern mehr Dinge selbst zu basteln, zu bauen, zu stricken, zu löten, in 3-D zu drucken, zu heimwerken und zu reparieren – und so die Dinge besser zu verstehen. Ich sitze also auf einem kleinen Stuhl und rühre mit einem Löffel Sand an. Allerdings aus Quarzsand, Spüli und Wasser, denn mit dem Silikonöl stimmt was nicht. Am Ende des Tages trage ich einen Gefrierbeutel voller Sand mit mir herum, und mein Rucksack riecht nach Seife. Ich bin gespannt, ob es was geworden ist.

5. Eis war im 19. Jahrhundert das wichtigste Exportgut der USA

Bis nach Indien wurde das Eis aus den Seen Neuenglands verschifft. Bis die Erfindung und Verbreitung des Kühlschranks die Eisindustrie in kurzer Zeit überflüssig machte. Das ist eine von vielen griffigen Anekdoten, mit denen Ranga Yogeshwar – genau, der Fernsehmoderator – seinen Vortrag garniert. Sein Thema: Wie die rasant fortschreitende Digitalisierung, speziell das Smartphone, die Welt bis hin zu unserer DNA verändert, zum Guten wie zum Schlechten.

Yogeshwar spricht von einer „veränderten Grammatik“, etwa vom produkt- zum prozessorientierten Denken: Früher war man etwa zum Essen zu Gast und sah die Küche der Gastgeber nicht. Heute gibt es Wohnküchen, und man trifft sich zum Kochen. Auch bewegen wir uns weg von „Strukturen der Autorität“, wie etwa Massenmedien oder Taxizentralen. „Ich würde auch keine Wette darauf eingehen, dass wir noch Banken brauchen“, sagt Yogeshwar, der mehrfach auch die deutsche Autoindustrie für ihre Starrheit kritisiert.

Yogeshwars Beispiele mögen alten re:publica-Hasen größtenteils bekannt sein, der Vortrag ist eher einsteigerfreundlich – aber einfach so mitreißend gehalten, dass er Freude macht. Erklärbär Ranga könnt ihr hier zugucken:

6. Der kleine Maulwurf ist gar nicht klein

Der war nämlich auch da. Hier ist das Beweisfoto. Vielleicht sind auf der re:publica aber auch nur sehr kleine Menschen unterwegs? Wer weiß!

Titelbild: Dominik Butzmann / laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Szeneprinz
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04.05.2018-05:05

Ob schlechter Witz oder tatsächliche Bildungslücke kann ich dem Text leider nicht entnehmen. Allerdings wäre in diesem Fall eine Erklärung, oder wenigstens ein Link auf den Wikipedia-Artikel ( https://de.wikipedia.org/wiki/Kamingespr%C3%A4ch ) angebracht.