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Die Entdeckung des Patriarchats

Mundgeruch, Todesgedanken, Cellulite: Greta Gerwigs „Barbie“ will ein Film darüber sein, was es heißen kann, eine Frau zu sein – in der echten Welt

  • 5 Min.
Barbie

Greta Gerwig macht einen Film über Barbie. Als die Nachricht die Runde machte, war das eine so unglaubliche Schlagzeile wie „Wes Anderson verfilmt Benjamin Blümchen“ oder „Tim Burton plant ein Musical über *NSYNC“: Gerwig war für nachdenkliche Coming-of-Age-Filme bekannt. Damit nicht nur Filmfans hellhörig werden, rollte eine Marketingmaschinerie los: überall knallpinke Werbetafeln, Klamotten, Rollerblades, Xbox-Controller, ein echtes Malibu Dream House auf Airbnb. Das Werbebudget schien endlos, die Memes und Trends kamen gratis hinterher.

Natürlich ist der Film ein knapp zweistündiger Werbespot für Mattels beliebtestes Produkt geworden. Aber eben auch viel mehr als das. Gerwig konstruiert eine pinke Plastikwelt, in der das Matriarchat herrscht: Das „Barbieland“ wird von den Barbies regiert. Sie sind Präsidentinnen, Ärztinnen und Journalistinnen. Und die Kens? Fungieren vor allem als Beiwerk, oder wie es im Film ausgedrückt wird: „Barbie has a great day every day, but Ken only has a great day if Barbie looks at him.“

Ken (Foto: Warner Bros/Entertainment Pictures/zumapress.com/picture alliance)
Ken (Ryan Gosling, mittig) folgt Barbie ungefragt in die reale Welt – in der er dann ziemlich gefragt ist (Foto: Warner Bros/Entertainment Pictures/zumapress.com/picture alliance)

Bis nach wenigen Filmminuten die Welt von Barbie (Margot Robbie) aus den Fugen gerät, denn die Realität schleicht sich ein: Plötzlich sind ihre Füße platt, Barbie riecht aus dem Mund, denkt über den Tod nach – und das Schlimmste: Sie hat Cellulite. Um die alte Ordnung wiederherzustellen, wird sie auf Mission in die echte Welt geschickt. Die konfrontiert sie mit einem Konzept, das Barbie desillusioniert: das Patriarchat.

Ihre Reisebegleitung Ken (Ryan Gosling) dagegen hat hier eine super Zeit. Sein Selbstbewusstsein schießt in schwindelerregende Höhen, weil ihm an jeder Ecke dieser Echtwelt Respekt gezollt wird – einfach nur, weil er ein Mann ist. Diese filmische Umkehrung der Machtverhältnisse ist keine neue Idee, sorgt in „Barbie“ aber für zähneknirschende Lacher. Und macht klar: „Barbie“ will erzählen, was es heißt, eine Frau zu sein – in der echten Welt.

 

Dabei arbeitet sich der Film auch an den Kurven des Barbieversums ab, die das reale Dasein als Frau so gar nicht repräsentieren. Unerreichbare Schönheitsstandards, kapitalistische Verwertungslogiken und Barbies unfeministische Glattgebügeltheit thematisiert der Film – mal mehr, mal weniger souverän. Einmal wird Barbie von einer Gruppe aufgeklärter Teenager als Faschistin beschimpft, woraufhin sie schluchzend entgegnet: „I don’t control the railways or the flow of commerce!“

 

Der Spagat zwischen Gesellschaftskritik und pinkem Fun

Die Frage, ob Barbie eigentlich feministisch ist, begleitet das Franchise. Vermutlich seit 1959, als Ruth Handler für ihre Firma Mattel die erste Barbiepuppe produzieren ließ. (Benannt übrigens nach ihrer Tochter Barbara.) „Barbie“ war die erste explizit an Mädchen vermarktete Puppe, die kein Baby darstellte und ihnen damit keine Mutterrolle aufdrängte. „Barbie always represented the fact that a woman has choices“, sagte Ruth Handler mal. Diese Freiheit sorgte in der patriarchalen Welt der 1960-er Jahre auch für Unbehagen, aber nicht in der Zielgruppe selbst: Barbie wurde auf Anhieb Mattels Bestseller.

Seitdem hatte die Puppe über 200 Karrieren, hat mehrfach als Präsidentin kandidiert und war im Weltraum. Ein bisschen langsamer war Mattel, als es darum ging, nicht nur schlanken, weißen Mädchen ohne Behinderungen eine Identifikationsfläche zu bieten. Die erste nicht-weiße Puppe erschien noch in den 1960ern, die erste Barbie im Rollstuhl dafür erst gut 30 Jahre später. Einen Körperbau, mit dem sie in der Realität lebensfähig wäre, erhielt die Puppe erst 2016 – unter dem Namen „Curvy Barbie“. Rechnet man die Maße um, trägt sie Größe 36. Immerhin: Inzwischen gibt es Barbies in allen möglichen Ausführungen.

Barbie (Foto: Warner Bros/Entertainment Pictures/zumapress.com/picture alliance)
Barbie lebt im knallrosa, bestens ausgeleuchteten Barbieland. Jeder Tag dort ist der beste überhaupt (Foto: Warner Bros/Entertainment Pictures/zumapress.com/picture alliance)

Zur Zeit ihrer Entstehung war Barbie eine ziemlich emanzipierte Frau. Die Frage, ob sie dieser Deutung auch heute standhält, stellt sich auch Gerwigs Film. Konfrontiert mit den Machtstrukturen der echten Welt sackt Barbie zunächst zusammen. Das Patriarchat – repräsentiert von einer trotteligen Horde Anzugträger von Mattel in der einen und einer trotteligen Horde Kens in Short Shorts in der anderen Welt – ist drauf und dran, sie zu brechen. Um mit ihm fertig zu werden, braucht Barbie die Hilfe anderer Frauen aus der echten Welt: Die sind, wie es im Film heißt, bereits „immunisiert“ gegen die männlichen Machtstrukturen. Eine Metapher für das Erwachsenwerden als Frau und die Konfrontation mit einer Welt, in der Barbies Slogan „You can be anything!“ nur für wenige Frauen gilt.

„Barbie“ ist vieles. In erster Linie sehr, sehr lustig (besonders Ryan Gosling und Michael Cera), überraschend vielschichtig, optisch beeindruckend, teilweise rührend, teilweise empowernd, teilweise aber auch Mattel-Markenkitsch, der einen unsanft auf den Boden der kapitalistischen Tatsachen holt: Mattel gehört zu den Koproduzenten des Films.

In dem funktionieren nicht alle Dialoge, die Verknüpfung zwischen Barbie- und Echtwelt geht nicht immer auf, die Diversität im Cast wirkt stellenweise aufgesetzt, alles bewegt sich im Rahmen einer recht heteronormativen Welt. Und trotzdem: „Barbie“ übertrifft die meisten der Erwartungen, die man an den Film hätte haben können. Der Spagat zwischen Plastikspielzeugwelt und Gesellschaftskritik gelingt – wenn auch mühevoller, als man es von einer Barbie erwarten würde. Aber wir leben ja schließlich auch in der echten Welt.

„Barbie“ läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Titelbild: Warner Bros/ASSOCIATED PRESS/picture alliance

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.