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Geschlossene Gesellschaft

Der Roman „Arkadien” zeigt eine Hippie-Kommune, deren Ideale verpuffen, als sie sich für einen Geflüchteten öffnen soll

  • 4 Min.
Kommune

Eine ihrer ersten Erinnerungen hat Farah an das Intimpiercing ihrer Großmutter. Die alternde Vollblutnudistin spaziert gerade mal wieder nackt durch die Wohnung, als die damals dreijährige Farah zwischen Omas Beinen das glänzende Objekt entdeckt – das zu verlockend ist, um nicht daran zu ziehen. Familienstreit vorprogrammiert.

Solche extravaganten Verwandtschaften werden Farahs Leben prägen. Ihre Eltern sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie sich groß um die Erziehung kümmern könnten. Farahs Mutter trägt Nikab – nicht als religiöses Bekenntnis, sondern als Schutz vor Mobilfunkstrahlen, Aluminiumsalz, Parabene, Umwelthormone und Elektrosmog. Die Gefahr, lernt Farah, lauert überall. An ein normales Leben in der Stadt ist nicht zu denken.

Ob alt, jung, dick, dünn, attraktiv oder nicht: In „Arkadien“ werden alle begehrt

Also flieht die Familie aufs Land, in eine südfranzösische Kommune. Mobilfunknetz und Internet kennen sie im „Liberty House“ nicht, dafür Gemeinsinn und freie Liebe. Gegründet hat die Gemeinschaft Arcady. Seinen Namen entleiht die Autorin Emmanuelle Bayamack-Tam, die als Lehrerin in einer Pariser Banlieue arbeitet, der griechischen Mythologie: „Arkadien“ beschreibt einen Ort der Idylle und Glückseligkeit. Bayamack-Tam spiegelt diesen sagenhaften Raum im Roman: Das „Liberty House“ ist ein Auffangbecken für die Empfindsamen, die an der Welt Gescheiterten, für alle, die sich nicht fügen, weil sie psychisch auffällig sind, senil, fett oder einfach nicht daran interessiert, den Rollen, Normen und Härten der Mehrheitsgesellschaft zu entsprechen.

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Das Cover des Romans „Arkadien“

„Arkadien“ erscheint in deutscher Übersetzung am 21. Juni im Secession Verlag

Arcady, sagte Baymack-Tam nach Erscheinen des französischen Originals, ist ein Sinnbild für die Lust: Der Guru liebt alle im „Liberty House“, auch und gerade körperlich. Ob alt, jung, dick, dünn, attraktiv oder nicht, Arcady gibt allen das Gefühl, aufgehoben zu sein und begehrt zu werden.

Mit dieser Freizügigkeit wird die Kommune auch für Farah zum Zuhause: Sie, die immer glaubte, ein Mädchen zu sein, beobachtet während der Pubertät, wie sich ihr Körper zunehmend vermännlicht. Farahs Intersexualität wird zu einem wichtigen, aber nicht zum bestimmenden Thema in Baymack-Tams Roman. Die erste Liebe erlebt Farah mit 15, natürlich mit Arcady, der sie*ihn auf der Suche nach ihrer*seiner geschlechtlichen Identität unterstützt. Aber bevor es allzu idyllisch zu werden droht im Idyll, setzt Bayamack-Tam die entscheidende Pointe: Der Geflüchtete Angossom erreicht das „Liberty House“ und mit ihm Verrat und Enttäuschung. Die Gemeinde verschließt sich Angossom, ihre vermeintliche Toleranz wird als Farce entlarvt. Farah muss lernen, dass selbst das Gebot der universalen Liebe nur für die gilt, die dazugehören.

Ein einfühlsamer Pädo-Guru

Im Kleinen spiegelt sich hier, was wir in vielen europäischen Ländern gerade auf größerer Ebene erleben: Das Paradies gehört den Privilegierten, die meist wenig Interesse haben, es zu teilen. Wie „Arkadien“ linke Selbsterzählungen von Solidarität, Toleranz oder Antiautorität entlarvt, tut weh. Es ist aber auch ungemein komisch, weil Baymack-Tam reihenweise Normative zerlegt: Ein Techtelmechtel, bei dem ein Teenager einem 35 Jahre älteren Guru verfällt, kann nicht gutgehen? Falsch. Der vermeintliche Pädo-Guru Arcady zeigt sich einfühlsam und liebevoll. Sexszenen mit 80-Jährigen? Funktioniert, weil alle Körper begehrenswert sind. Davon scheint nicht nur Arcady, sondern auch Bayamack-Tam überzeugt, die Body Positivity in ihren Büchern immer wieder zum Thema macht. So kann eine Orgie, in der norm-attraktive auf adipöse, alte, auf in vielerlei Weise gezeichnete Körper treffen, zu einer der schönsten Szenen des Buchs werden.

Bayamack-Tam zeichnet diese freigeistige Kommune über den halben Roman. Bis mit dem Auftritt des Geflüchteten alle Ideale des „Liberty House“ leere Versprechen zu werden drohen – wäre da nicht Farah, bei der*dem die neue Freiheit, in die sie*er geraten ist, Spuren hinterlassen hat.

Titelbild: Will McBride / Agentur Focus

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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