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Anjas Geschichte, Anjas Entscheidung

In ihrem Comic „Andere Umstände“ erzählt Julia Zejn von einer jungen Frau, die ungewollt schwanger wird – und plädiert dabei radikal unaufgeregt für das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper

  • 3 Min.
Andere Umstände

Worum geht’s?

Um eine auf den ersten Blick ziemlich durchschnittliche Großstadtbeziehungsgeschichte: Anja, Soziologiestudentin und angehende Doktorandin, lernt den DJ Olli kennen. Es treffen zwei Welten aufeinander: die Akademikerin und der Künstler, Rationalität und Freigeist. Die beiden verbringen berauschende Nächte in Ollis liebstem Technoclub, wo Anja zum ersten Mal so richtig loslassen kann. Doch bald schon ist es mit der Ekstase vorbei: Die beiden ziehen zusammen, und Anja übernimmt trotz ihrer stressigen Arbeit den Großteil der gemeinsamen Hausarbeit. Olli hingegen kifft viel, trinkt und kriegt sein Leben in Anjas Augen nicht auf die Reihe. Und dann wird Anja auch noch überraschend schwanger.

Worum geht’s wirklich?

Um die Entscheidung, vor der alle ungewollt Schwangeren stehen: Möchte ich das Kind bekommen oder nicht? „Nein“ ist Anjas intuitive Reaktion. Sie fühlt sich nicht bereit für ein Kind, weder was ihre Beziehung angeht noch ihre berufliche Situation. Allerdings gibt es einige Faktoren, die ihr die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch erschweren: „Mörder“-Graffiti an der Beratungsstelle, Schuldgefühle gegenüber dem Embryo, der für Anja auf dem Ultraschall bei der Frauenärztin schockierend weit entwickelt wirkt, und der Druck von Olli, der das Kind gerne haben würde.

Was steckt dahinter?

Ob und unter welchen Umständen Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden dürfen, wird vielerorts noch immer kontrovers diskutiert. Seit einer Gesetzesverschärfung Anfang September im US-amerikanischen Bundesstaat Texas sind dort zum Beispiel Schwangerschaftsabbrüche ab dem Zeitpunkt, an dem eine Herzaktivität des Fötus festgestellt werden kann, also etwa ab der sechsten Schwangerschaftswoche, untersagt – ein Zeitpunkt, an dem viele Frauen noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind. Auch in Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich rechtswidrig und bleibt nur unter bestimmten Umständen straffrei. Nämlich dann, wenn eine Frau sich einem Beratungsgespräch unterzieht und der Abbruch bis zur zwölften Woche nach der Befruchtung stattfindet. Bei medizinischen Indikationen gibt es längere Fristen. Geregelt ist das alles in den Paragrafen 218 und 219 des Strafgesetzbuches. In den meisten Fällen müssen Frauen, deren Einkommen oberhalb einer gesetzlichen Grenze liegt, außerdem die Kosten für den Abbruch – laut Pro Familia zwischen 200 un 570 Euro – selbst übernehmen. Befürworter:innen dieser Gesetzgebung argumentieren mit dem Schutz des ungeborenen Kindes. Kritiker:innen finden dagegen, dass Frauen selbst über ihren Körper entscheiden und nicht kriminalisiert werden sollten – genauso wie die Ärzt:innen, die Abbrüche durchführen.

Wie ist es erzählt?

Zejn erzählt Anjas Geschichte auf mehreren Zeitebenen: Die erste Szene zeigt Anja, wie sie in ihrem Bad einen Schwangerschaftstest macht („Oh Fuck“ ist ihre Reaktion, als zwei Streifen erscheinen und sie erkennt, dass sie tatsächlich schwanger ist). Ein Flashback versetzt die Leser:innen anschließend zwei Jahre in die Vergangenheit und erklärt, wie Anja hierhingekommen ist: vom ersten Kennenlernen mit Olli über die Verliebtheitsphase bis zu den Beziehungsproblemen. Erst im Anschluss, im letzten Drittel des Comics, zeigt Zejn, wie Anja die Entscheidung trifft, die Schwangerschaft zu beenden. Durch kräftige Buntstiftstriche lässt Zeijn ihre Bilder dabei skizzenhaft wirken. Auch farblich ist das Ganze reduziert: Manche Szenen taucht Zejn ganz in Blau, manche ganz in Grün oder Rot und erzeugt so gezielt bestimmte Stimmungen. Besonders deutlich wird das, wenn es um die Beziehung von Anja und Olli geht: Herrschen in den Technoclub-Szenen, in denen sich die beiden verlieben, noch explosive Rottöne vor, verdüstern sich die Bilder mit den zunehmenden Konflikten hin zu einem depressiven Schwarz.

Andere Umstände

Bester Satz:

Wer übernimmt die Care-Arbeit, wenn ein Paar ein Kind bekommt? Bei Mona, einer Freundin von Anja, die seit ein paar Jahren Mutter ist, hat sich in dieser Frage Ernüchterung eingestellt: Über die Beziehung mit ihrem Freund Aniq, die Anja von außen ziemlich fortschrittlich vorkommt, sagt Mona an einer Stelle: „Wir waren uns sicher, dass wir alles gleichberechtigt machen. Dann hab ich Elternzeit genommen, weil’s praktischer war wegen des Stillens. Und dann machst du die Augen auf und bist in den 50ern.“

Good Job!

Julia Zejn gelingt es ausgezeichnet, Verständnis für die Lage ihrer Protagonistin zu erzeugen. Nein, Anja ist mit ihrem Partner nicht todunglücklich, erfährt keine physische Gewalt und wurde nicht vergewaltigt. Aber sie möchte in ihrer aktuellen Situation einfach nicht Mutter werden. Nicht zuletzt, weil ihr die strukturelle Benachteiligung klar geworden ist, unter der sie und die Frauen in ihrem Umfeld leiden. Kinder hätte Anja schon gerne, aber unter anderen Umständen. Zejn verteidigt den Schritt ihrer Protagonistin nicht etwa polemisch, sondern führt die Leser:innen einfühlsam durch die Geschichte. So unaufgeregt und undramatisch, wie Zejn von Anjas Entscheidungsprozess erzählt, trägt sie dazu bei, den Entschluss für einen Schwangerschaftsabbruch zu personalisieren – und damit auch zu enttabuisieren.

„Andere Umstände“ von Julia Zejn ist im Avant-Verlag erschienen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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