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So kalt da draußen

Mit dem Berlinale-Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ setzt Lone Scherfig New York und seinen Bewohnern ein wärmendes Denkmal

The Kindness of Strangers (Foto: Per Amesen)

Worum geht’s?

Die junge Mutter Clara fährt mit ihren Kindern Anthony und Jude nach New York. In den Urlaub, sagt sie. Eigentlich fliehen sie vor dem gewalttätigen Ehemann und Vater der Kinder. Bald stehen die drei ohne Geld und Auto da und brauchen nicht nur Schutz vor ihm, sondern auch vor der Kälte der New Yorker Winternächte. In ihrer Not finden sie Wärme und Zuneigung in Begegnungen mit Fremden, deren Leben ebenfalls aus den Fugen geraten ist.

„Warum seid ihr unfreundlich zueinander? Ihr habt keinen Grund, kein Recht dazu.“

Was zeigt uns das?

Der Film will eine Ode an die Menschlichkeit sein, an Empathie, die keine Gegenleistung verlangt. „Warum seid ihr unfreundlich zueinander? Ihr habt keinen Grund, kein Recht dazu.“ Das sagt Alice, die Krankenschwester, die sich in der Suppenküche um Obdachlose kümmert und die Selbsthilfegruppe „Vergebung“ leitet, während einer Sitzung zu ihren Schützlingen. Lone Scherfig beweist, dass ein Film über Mitmenschlichkeit weder schnulzig noch langweilig sein muss.

Wie wird’s erzählt?

In einer Situation größter Not erfährt Clara keine Hilfe von ihrem Schwiegervater, dafür aber von Alice, dem Küchenhelfer Jeff und dem Ex-Häftling Marc, der sie schließlich in der Wohnung über seinem Restaurant Winter Palace beherbergt. Dort kreuzen sich auf schicksalhafte Weise immer wieder die Wege der Protagonisten. Sie alle stecken in einer Krise – sei es, weil sie gerade Job und Wohnung verloren oder sich vor lauter Mitgefühl für andere selbst vergessen haben, weil sie sich alleine fühlen, am Sinn des Lebens zweifeln.

Good Job!

Der Film zeigt immer wieder die Gegensätze, zwischen denen die Protagonisten auf der Suche nach Geborgenheit hin und her trudeln: dunkle Hinterhöfe, schneeweiße Kirchendächer, das prächtig in Gold und Silber eingerichtete Winter Palace und seine Edelstahlküche, die heruntergekommene Suppenküche, grell erleuchtete Krankenhausflure. Diese Bilder funktionieren, und im Kinositz wird einem abwechselnd ganz kalt und wieder behaglich zumute. Der Soundtrack, der vor allem dunkle Bilder mit melancholischen Klavier- und Streicherstücken untermalt, trägt seinen Teil dazu bei.

Schwierig

Es gibt nicht eine Hauptfigur, sondern sehr viele. Das ist stellenweise überfordernd – immer dann, wenn der Film eine Figur verlässt und sich den Problemen einer anderen zuwendet. Selbst die Stadt New York ist mehr Hauptdarsteller als bloß Kulisse.

Ideal für …

… alle, die Lust auf eine weniger oberflächliche, weniger romantische Version von „Tatsächlich Liebe“ haben. New York im Winter ist auch sehenswert – und Bill Nighy sorgt souverän für einen Lacher, wenn es allzu tragisch wird.

Titelbild: Per Amesen

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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