David Galante lächelt, aber seine Füße schmerzen. Die alten Verbrennungen machen Ärger – Brandnarbenkrebs. Damals, in Auschwitz, war ihm so fürchterlich kalt. Also näherte er sich einem Lagerfeuer, an dem sich seine Bewacher die Hände wärmten. Ein SS-Mann stieß den 18-jährigen Juden in die Flammen. Es war kurz vor Kriegsende, bald kam die Anweisung aus Berlin, die Gaskammern zu vernichten, um Spuren zu vernichten. Galante, geboren auf der griechischen Insel Rhodos, 1944 von den Deutschen nach Auschwitz deportiert, überlebte. Er wog gerade mal 38 Kilo, als die Russen das Lager befreiten.

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Ein gefälschter Pass von Adolf Eichmann (1906-1962), einem der Hauptorganisatoren des Holocaust, der 1960 vom israelischen Geheimdienst Mossad aus Argentinien entführt und in Israel zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde (Foto: picture-alliance/dpa/epa)
Ein gefälschter Pass von Adolf Eichmann (1906-1962), einem der Hauptorganisatoren des Holocaust, der 1960 vom israelischen Geheimdienst Mossad aus Argentinien entführt und in Israel zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde (Foto: picture-alliance/dpa/epa)

„Ich entschied, nach Argentinien zu gehen. Dort wohnte einer meiner Brüder, er war schon vor dem Krieg ausgewandert“, sagt der heute 91-Jährige. Aber Galantes Antrag wurde von allen Konsulaten abgewiesen: „Ich bekam einfach kein Visum.“ Irgendwann sagte ihm ein Botschaftsmitarbeiter leise: „Es ist, weil du Jude bist.“ Galante schaffte es trotzdem: Ein Matrose schmuggelte ihn in einem Schrank auf einem Containerschiff nach Argentinien. „Juden, die nach dem Krieg nach Argentinien einwandern wollten, hatten keine Wahl. Sie mussten illegale Wege suchen“, sagt Galante.

Dass er und andere Juden in Argentinien zunächst keine Zuflucht fanden, war kein Zufall. Der Journalist Uki Goñi fand eine geheime Anweisung, die die argentinischen Regierung an die Botschaften herausgegeben hatte – Juden sollten nicht ins Land gelassen werden. „Erst 2005 gab es einen offiziellen Akt, bei dem auch Präsident Néstor Kirchner anwesend war“, erinnert sich Goñi. „Da wurde erstmals offiziell über die Existenz der geheimen Anweisung gesprochen. Und sie wurde endlich außer Kraft gesetzt.“ An Uki Goñis Umgang mit Quellen gab es einige Kritik – doch die Existenz der dieser Anweisung, die er enthüllt hat, gilt als sicher.

Als Juan Domingo Perón 1946 Präsident wird, verbessert sich die Situation für die Opfer des Nazi-Terrors nicht. „Zwar gab Perón die Anweisung, Kinder und ältere Juden ins Land zu lassen. Aber, was bezweckte er damit? Es sollte so aussehen, als nehme Argentinien Juden auf. Aber sie waren nicht im fortpflanzungsfähigen Alter“, sagt Goñi. Perón soll die Nürnberger Prozesse als „Ungeheuerlichkeit“ bezeichnet haben. Begleitet von der Ankündigung, so viele Nazis wie möglich in Argentinien aufnehmen zu wollen. Was er auch von Sondergesandten in die Tat umsetzen ließ – zunächst über die Nordroute, über Dänemark und Schweden. Später über die Schweiz und Italien.

„Der Offizier Perón sympathisierte mit dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus. Zudem warb er Techniker an, die nach dem Zusammenbruch des NS–Regimes Zuflucht und Arbeit suchten“, sagt die Historikerin Franka Bindernagel. „Täter und Unterstützer des Nationalsozialismus fanden in Teilen der deutsch–argentinischen Gemeinden Jobs und sozialen Anschluss.“

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Der frühere SS-Hauptsturmführer Erich Priebke (1913-2013) wird 1995 von Argentinien nach Italien ausgeliefert. 1998 wird er dort wegen eines Massakers von 1944 an 335 Zivilisten zu Lebenslang verurteilt (Foto: picture-alliance/dpa/epa)
Der frühere SS-Hauptsturmführer Erich Priebke (1913-2013) wird 1995 von Argentinien nach Italien ausgeliefert. 1998 wird er dort wegen eines Massakers von 1944 an 335 Zivilisten zu Lebenslang verurteilt (Foto: picture-alliance/dpa/epa)

Viele der NS-Verbrecher, darunter der SS-Hauptsturmführer Erich Priebke oder auch der Auschwitz-Lagerarzt Josef Mengele, waren zwar zunächst mit falschen Namen nach Argentinien eingereist. Aber nach einiger Zeit fühlten sie sich so sicher, dass sie neue Ausweispapiere ausstellen ließen. „Mengele bat im Jahr 1956 um Papiere mit seinem echten Namen“, sagt Sergio Widder, Präsident der Simon Wiesenthal-Stiftung in Argentinien. „Das bedeutet, die Komplizenschaft ging auch nach der Regierung Perón weiter.“ Vielsagend waren in dieser Hinsicht die letzten Worte Adolf Eichmanns, bevor er 1962 in Jerusalem hingerichtet wurde. Eichmann, einer der Hauptorganisatoren des Holocaust, sagte damals: „Lang lebe Deutschland. Lang lebe Österreich. Lang lebe Argentinien.“

50 Jahre lang sprach David Galante nicht über die Schrecken, die er im KZ erlebt hatte. Erst als er den Film „Schindlers Liste“ sah, beschloss er, möglichst vielen Menschen von den Schrecken im Lager zu berichten. Und an die zu erinnern, die nicht überlebt haben. „Einmal schlug mich ein Nazi brutal zusammen und ließ mich in der Kälte liegen. Mein Freund rettete mich, ich wäre sonst erfroren. Wenige Tage später war wieder Selektion. Wir mussten uns nackt ausziehen und sie entschieden, wer in die Gaskammer kam. Mein Freund wurde aussortiert und ich konnte nichts für ihn tun. Aber für mich lebt er. So lange ich lebe, lebt er in mir.“

Fotos: picture-alliance/dpa/epa