Die Menschen gehen in Massen auf die Straße, um gegen die Alleinherrschaft des Schahs zu protestieren. Im Spätsommer 1978 besuchte unsere Autorin mit ihrer Mutter und ihrem iranischen Stiefvater die Verwandtschaft in Teheran. Als Achtjährige erlebte sie einen der Höhepunkte der Ereignisse mit, die als Islamische Revolution in die Geschichte eingehen werden.

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Demonstranten in Teheran fordern die Rückkehr Ayatollah Khomeinis aus dem Exil (Foto: picture alliance)
Demonstranten in Teheran fordern die Rückkehr Ayatollah Khomeinis aus dem Exil (Foto: picture alliance)

Gleich am Vormittag nach unserer Ankunft in Teheran nahm mich die jüngste Schwester meines Vaters mit in die Stadt. Ich ging neben ihr die Straße Kh. Ferdowsi entlang und bewunderte die Eleganz, mit der sie auf ihren hohen Schuhen an den Gästen der Straßencafés vorbeischlenderte. Frauen wie sie gab es nicht in Hannover. Beim Friseur sah ich zu, wie sie sich ihre bereits perfekt frisierten Haare legen und föhnen ließ, auf dem großen Basar zwei Straßen weiter kaufte meine Tante Gewürze und Nüsse und scherzte mit dem Verkäufer.

Am Wochenende fuhren wir ans Kaspische Meer, wo zu meinem Erstaunen einige Frauen mitsamt ihrem Tschador ins Wasser gingen. Weil Ramadan war, aßen meine Verwandten nichts, nur meine Schwester, meine Mutter und ich durften tagsüber essen, wir waren ja keine Muslime. Eine Woche darauf organisierte man für uns eine Fahrt in die Berge. Wir schliefen im Landhaus von Freunden, besichtigten eine Tropfsteinhöhle, bestaunten Riesenheuschrecken und streichelten Ziegen. Am Abend nach Sonnenuntergang gab es im Garten ein Fest, und als wir gegessen hatten, stellten unsere Gastgeber das dreckige Geschirr in einen kleinen Bach. Nachdem es eine Weile im fließenden Wasser gelegen hatte, wurde es blitzblank wieder rausgeholt. Ich war begeistert.

In Teheran war alles anders und lustiger als zu Hause in Deutschland: In einer Geisterbahn auf einem Rummelplatz liefen echte Menschen in Kostümen herum und versuchten die Leute, die in rostigen Wagen an ihnen vorbeifuhren, zu erschrecken. Ein Junge, nicht viel älter als ich, verkaufte Flummis in vielen Farben, die uns mein Opa auf eine Schnur zog, so dass man alle zwölf auf einmal springen lassen konnte. „Hier ist es viel schöner als bei uns“, sagte meine Schwester zu mir, als wir abends im Bett lagen. „Hier will ich bleiben.“

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Schah Reza Mohammed Pahlavi, und seine Familie mussten am 16. Januar 1979 das Land in Richtung Ägypten verlassen (Foto: picture alliance)
Schah Reza Mohammed Pahlavi, und seine Familie mussten am 16. Januar 1979 das Land in Richtung Ägypten verlassen (Foto: picture alliance)

Den nächsten Vormittag verbrachten wir am Swimmingpool unserer Großeltern. Plötzlich wurden wir ins Haus gerufen, im Wohnzimmer war die ganze Familie versammelt. „Zieht euch an“, befahl man uns, und kurz darauf saßen wir zu siebt im Auto meines Onkels, der den anderen beiden Wagen folgte, in die sich der Rest der Familie gequetscht hatte. Auf den Straßen Teherans stauten sich die Autos, sie hatten alle dasselbe Ziel: das Nobelviertel im Norden Teherans. Ich war aufgeregt. Was würden wir zu sehen bekommen? Ein Spektakel? Exotische Tiere?

Auf einer Anhöhe stiegen wir aus, überall standen Leute, sie sahen auf die Bungalows und gepflegten Gärten hinunter. In den Gärten waren ebenfalls viele Menschen. Sie lagerten auf dem Rasen. In den Pools, die viel größer waren als der von unseren Großeltern, schwammen Kinder und Ziegen. Meine Mutter fotografierte wie wild die Menschen auf dem Rasen, die Ziegen im Wasser, die Neugierigen, die von der Anhöhe auf sie hinunterschauten. Ich verstand nicht, was daran so interessant sein sollte. Als ich sie fragte, was denn los sei, sagte sie: „Das erkläre ich dir später.“ Das mit den Fotos hätte meine Mutter sich schenken können, denn auf dem Rückweg in die Stadt wurde unsere Autotür aufgerissen, und ein junger Mann in Uniform befahl uns auszusteigen. Mit seinem Maschinengewehr dirigierte er uns an eine Hauswand. Er riss meiner Mutter die Kamera aus der Hand und zog den Film heraus. Keiner sagte ein Wort. Meine Schwester hatte meine Hand genommen, ich hielt die Luft an.

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Dem iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini wird am 1. Februar 1979 in Teheran nach seiner Rückkehr aus 15jährigem Exil in Frankreich von seinen Anhängern ein triumphaler Empfang bereitet (Foto: picture alliance)
Dem iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini wird am 1. Februar 1979 in Teheran nach seiner Rückkehr aus 15jährigem Exil in Frankreich von seinen Anhängern ein triumphaler Empfang bereitet (Foto: picture alliance)

Die nächsten Tage keine Ausflüge, kein Schmalzgebäck am Straßenrand, das Baden im Swimmingpool wurde uns verboten. Die Ausländer und die Reichen, erklärte meine Mutter, verlassen das Land. Was wir gesehen hätten, waren die Slumbewohner, die deren Villen gekapert hatten. Ein paar Tage später fuhren wir zu meiner Tante. Wir wollten das Fastenbrechen bei ihr feiern. Die Frauen waren in der Küche mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Plötzlich hörten wir von draußen Lärm und Geschrei, meine Tante öffnete das Fenster, dann rief sie mich und hob mich hoch, so dass auch ich aus dem Fenster schauen konnte. Unter mir eine Menschenmenge, so groß, wie ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Endlos zog sie sich in beiden Richtungen die Straße entlang. Meine Tante fragte, mehr erstaunt als beunruhigt: „Woher kommen all diese Leute?“

Diese Frage meiner Tante wurde für mich im Nachhinein zu dem Moment, an dem alles anders wurde im Iran. Vier Tage später, am 8. September 1978, löste die Armee eine große Demonstration gewaltsam auf. Man schätzt, dass dabei mehr als 80 Menschen erschossen wurden. Dieser Tag wird im Iran „Schwarzer Freitag“ genannt. Ein Jahr später ist meine Tante nicht mehr donnerstags im Minirock zum Friseur gegangen und hat mit den Männern am Gemüsestand geschäkert, und keines ihrer Geschwister und keiner ihrer Freunde ließ in seinem Swimmingpool Besucher schwimmen. Drei Jahre später wanderte sie nach Kanada aus.

Auch wenn ich inzwischen viel mehr über die damalige Situation weiß, der Moment am Fenster, das Erstaunen in der Stimme meiner Tante hat mir die beunruhigende Gewissheit eingepflanzt, dass man mitnichten erwarten kann, dass alles immer so weitergehen wird, dass es also morgen noch so sein wird, wie es gestern war.

Wir waren seitdem nicht mehr im Iran.

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Februar 1979: Nach Khomeinis Rückkehr fahren seine Unterstützer auf einem Panzer durch Teheran (Foto: corbis)
Februar 1979: Nach Khomeinis Rückkehr fahren seine Unterstützer auf einem Panzer durch Teheran (Foto: corbis)

Rebecca Niazi-Shahabi stammt aus einer deutsch-israelisch-iranischen Familie und lebt in Berlin. Dort arbeitet sie als Autorin und Werbetexterin

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