Brothers Keepers: „Adriano (Letzte Warnung)“ (2001)

Sein bis dato erfolgreichstes Album war gleich sein Debüt. 1998 veröffentlichte Xavier Naidoo „Nicht von dieser Welt“. Die Mischung aus Pop und Soul mit deutsch gesungenen, religiös motivierten Texten war damals eine Neuheit. Besonders bekannt wurde der kurz danach erschienene Song „Sie sieht mich nicht“, ein Liebeslied, das im Film „Asterix und Obelix gegen Cäsar“ lief. Seine Popularität nutzte der Mannheimer bald, um sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus in Deutschland zu engagieren. Das tat er etwa mit der Band Brothers Keepers, ein Zusammenschluss von afrodeutschen Musikern. In dem Song „Adriano – Letzte Warnung“ singt er den Refrain:

„Dies ist so was wie eine letzte Warnung/Denn unser Rückschlag ist längst in Planung/Wir fall’n dort ein, wo ihr auffallt/Gebieten eurer braunen Scheiße endlich Aufhalt“

Das Lied ist Alberto Adriano gewidmet. Der Dessauer Fleischer mit Wurzeln in Mosambik wurde im Juni 2000 von drei Neonazis im Stadtpark totgeschlagen. Wegen seiner kämpferischen Botschaft gegen rechte Gewalt wurde der Song oft auf Antifa-Demos gespielt. Einzelne Mitglieder der Brothers Keepers reisten durch die neuen Bundesländer, um mit Schülern über Rassismus zu diskutieren.   

Söhne Mannheims: „Babylon System“ (2004)

Naidoo trat auch bei „Rock gegen Rechts“-Konzerten auf. Dass er Fan von Bob Marley ist, einer Ikone Linker auf der ganzen Welt, zeigte sich etwa in dem Song „Babylon System“. Auch Marley schrieb ein Lied mit diesem Titel. Babylon ist ein festes Bild im Reggae, das aus der Rastafari-Religion stammt und an die biblische Darstellung Babels als Sündenpfuhl und Ort der Gotteslästerung angelehnt ist. Im Reggae steht Babylon meist für die Unterdrückung durch die korrupte westliche Welt, gegen die man aufbegehren muss. In seinem Song beschwört Naidoo den baldigen Niedergang des „Babylon System“, um das es auch in der Johannesoffenbarung am Ende des Neuen Testaments geht. Und er besingt seine grundsätzliche Ablehnung von (fast) allen Formen von Staatlichkeit:

„Denn jeder Staat/Außer dem Ameisenstaat/Ist mein Feind./Hier ist jeder gemeint/Kommunisten-, Nationalisten-, Kapitalistenschwein/Es tritt ein Ende ein“

Xavier Naidoo: „Abgrund“ (2005)

Mit dem Album „Telegramm für X“, das 2005 erschien, schlug Naidoo neue Töne an. Weniger christliche Lieder, mehr politische Themen prägen das Album. So etwa im Song „Abgrund“, in dem Naidoo eine aggressive, wenn auch richtungslose Systemkritik äußert, die wieder Anklänge an libertäre Ideen zeigt: Libertäre fordern eine radikale Beschränkung staatlicher Macht bis hin zur Auflösung des Staates.

„Und jetzt scheiß ich auf eure Demokratie/Ich glaub, so ungerecht wie heutzutage war sie noch nie/Ich scheiß auf Diäten mit Jojo-Effekt/Ihr wollt aufs Volk scheißen und denkt, ihr werdet sauber geleckt/Wem’s schmeckt/Ich hab kein Bock auf eure ungerechten Steuern/Genauso gut könnt ich mein Geld im Backofen verfeuern.“

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Xavier Naidoo (Foto: Cuneyt Karadag/Anadolu Agency/Getty Images)
3. Oktober 2014: Etwa 350 Menschen nehmen vor dem Kanzleramt in Berlin an einer Mahnwache für den Frieden, der sogenannten Montagsdemo teil. Darunter Vertreter der „Querfront-Ideologie“ und andere Verschwörungstheoretiker. Neben einigen bekennenden Rechten ergriff auch Xavier Naidoo das Wort. Auf seinem T-Shirt steht „Freiheit für Deutschland“ (Foto: Cuneyt Karadag/Anadolu Agency/Getty Images)
 

Xavier Naidoo: „Raus aus dem Reichstag“ (2009)

Einen deutlich antisemitischen Zungenschlag haben die Reime in dem Song „Raus aus dem Reichstag“ aus dem Jahr 2009. Hier singt er von korrupten Politikern und über die Macht der Banken.

„Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel/ Der Schmock ist ’n Fuchs und ihr seid nur Trottel“

Baron Totschild ist eine Anspielung auf die jüdische Bankiersfamilie Rothschild, um die sich zahlreiche Verschwörungstheorien ranken. Die Verunglimpfung jüdischer Namen war fester Bestandteil der Nazihetze, etwa in Zeitungen wie dem „Stürmer“. Schmock ist eine meist negative jiddische Bezeichnung für einen Menschen aus gehobener Gesellschaftsschicht.

Xavas: „Wo sind sie jetzt“ (2012)

Ein Tabu bricht Naidoo auch im Duett mit Kool Savas in dem Song „Wo sind sie jetzt“. In dem Text wird Kindesmissbrauch in einen Zusammenhang mit Homosexualität gestellt. Mit ihrem Song handelten die beiden Musiker sich eine Anzeige wegen des Verdachts auf Volksverhetzung sowie des Aufrufs zum Totschlag und der schweren Körperverletzung ein. Naidoo hat zu dem Thema einen persönlichen Bezug. Er wurde selbst als Kind Opfer von Missbrauch.

Straßenunterhaltungsdienst: „Die Wahrheit“ (2014)

Im Oktober 2014 geriet Xavier Naidoo in die Schlagzeilen, weil er am Tag der Deutschen Einheit in Berlin auf einer Demo der Reichsbürger auftauchte und einen Spontanvortrag mit Gesangseinlage darbot. Kurz zuvor war sein Song „Die Wahrheit“ erschienen, den Naidoo unter dem Pseudonym Straßenunterhaltungsdienst veröffentlicht hatte. Hier bekennt er sich nun dezidiert zum Libertarismus. „Haben wir nicht bald alle Staatsformen ausprobiert?“, fragt Naidoo. Und schiebt nach:

„Ich seh’ mich, glaub’ ich, am ehesten als libertären gläubigen Menschen. Libertär, das kann man nachschlagen, Rothbard hat das definiert und es gibt ein Buch von Oliver Janich, das heißt: ‚Die Vereinigten Staaten von Europa‘ – lest mal nach, so seh’ ich’s auch.“

Okay – wir lesen nach. Worum es geht, steht gleich im Vorwort: „Unsere heutige Gesellschaftsform ist inhärent bösartig. Das heißt, das Böse wohnt ihr inne. Wir leben in einer pathologischen Plutokratie, der Herrschaft einiger weniger Psychopathen.“

Das Ziel der angeblichen Plutokraten, so Janisch in seinem verschwörungstheoretischem Buch, sei die Errichtung eines Europäischen Superstaates, der die Bürger gängelt und entmündigt. Nach dem Vorbild dieses Superstaats soll dann eine neue Weltordnung entstehen.

Söhne Mannheims: „Marionetten“ (2017)

Im aktuellen Aufreger-Song „Marionetten“ von Naidoo und den Söhnen Mannheims wimmelt es von Bildern und Worten, die auch die neuen Rechten verwenden. Volksverräter etwa ist ein Schlüsselbegriff, der auf Pegida-Demonstrationen häufig skandiert wird. Der Text enthält viele zentrale Merkmale des Populismus wie Anti-Elitarismus, Institutionenfeindlichkeit sowie Moralisierung, Polarisierung und Personalisierung der Politik. Dazu kommen Bilder eines gewalttätigen Umsturzes.

Der Titel des Songs, der sich als Leitmotiv durch den ganzen Text zieht, bedient ein altes antisemitisches Klischee. Die „Marionetten“ sind bei Verschwörungstheoretikern die Erfüllungsgehilfen einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung, die wie „Puppenspieler“ im Verborgenen die Strippen ziehen.

Mehr Informationen

Dossier Antisemitismus der Bundeszentrale für politische Bildung

Dossier Rechtsextremismus: Die „Neue Rechte“ in der Bundesrepublik

Titelbild: ullstein bild - Brill