Nariman Reinke hat einen deutschen Pass. Als Hannoveranerin spricht sie „Tagesschau“-taugliches Hochdeutsch. Vor allem aber hat sie einen Eid geschworen, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Ein Schwur, der sie schon zweimal nach Afghanistan gebracht hat, sie ein Testament aufsetzen und die eigene Beerdigung vorbereiten lassen hat. Reinke würde ihr Leben für Deutschland geben.

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Sie spricht akzentfrei Hochdeutsch und ist Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr. Bariman Reinke aus Hannover fragt sich manchmal, was sie noch alles tun muss, um nicht ständig nach ihrer Herkunft gefragt zu werden (Foto: Ludwig Schöpfer)
Sie spricht akzentfrei Hochdeutsch und ist Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr. Bariman Reinke aus Hannover fragt sich manchmal, was sie noch alles tun muss, um nicht ständig nach ihrer Herkunft gefragt zu werden (Foto: Ludwig Schöpfer)

Die Eltern von Reinke sind vor mehr als 50 Jahren aus Marokko eingewandert. Ihre Tochter engagiert sich als stellvertretende Vorsitzende beim Verein „Deutscher.Soldat.“, einer Initiative von Bundeswehrsoldaten aus Einwandererfamilien. Der Verein will Menschen auch außerhalb des Militärs zum Nachdenken darüber bringen, was Deutschsein bedeutet. „Ich möchte nicht, dass meine Kinder noch anders angeguckt und behandelt werden, so wie das mir teilweise passiert ist“, sagt Reinke. Innerhalb der Bundeswehr habe sie solche Erlebnisse allerdings kaum gehabt. „Wenn du drei Tage zusammen durchs Unterholz kriechst, müde bist und frierst, da spielt die Herkunft keine Rolle mehr. Da musst du einfach zusammenhalten.“Nariman Reinke ist Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr. Pünktlich, diszipliniert, gründlich, so sieht sie sich selbst. Doch wer sie nicht kennt, sieht oft zuerst ihre schwarzen Haare, die dunklen Augen und gibt sich mit der Antwort, dass die Soldatin aus Hannover kommt, nicht zufrieden.

Der Verein „Deutscher.Soldat.“ ist eine von vielen Organisationen, die sich in den vergangenen Jahren neu gegründet haben, die gegen Rassismus kämpfen und deren Mitglieder sich nicht mehr als Migranten bezeichnen lassen wollen. Weil sie in Deutschland geboren wurden, deutsche Staatsbürger sind, sich hier zugehörig fühlen. Diesen Anspruch tragen die Initiativen häufig auch im Namen: Sie heißen „Typisch Deutsch“, „DeutschPlus“, „Buntesrepublik“. Anfang 2015 haben sie sich unter dem Label „Neue Deutsche Organisationen“ zusammengeschlossen.

„Menschen, die in Deutschland leben und sich zugehörig fühlen, sind für mich erst mal Deutsche“

Nicht alle Organisationen betonen das Deutschsein gleichermaßen. Wer sich gegen Rassismus engagiert, steht oft auch dem Konzept der Nationalität skeptisch gegenüber. Ferda Ataman von den „Neuen deutschen Medienmachern“ versteht die Kritik, auch wenn sie selbst Fan des Begriffs „neue Deutsche“ ist: „Für mich ist das ein republikanischer Begriff. Wir sind in Deutschland, und Menschen, die in Deutschland leben und sich zugehörig fühlen, sind für mich erst mal Deutsche.“

Die „Neuen deutschen Medienmacher“ sind vor allem Journalisten mit Migrationshintergrund, auch Ataman, deren Eltern aus der Türkei kommen, hat in der Branche gearbeitet. Die Organisation hat ein Programm für junge Journalisten aus Einwandererfamilien gestartet, um mehr „neue Deutsche“ in die vornehmlich weiß besetzten Redaktionen zu bringen. „Ich will nie wieder eine Talkshow sehen, in der über Integration gesprochen wird, und in der Runde sitzt kein einziger neuer Deutscher.“ Als Ataman vor zehn Jahren angefangen hat, als Journalistin zu arbeiten, kannte sie nur eine andere Kollegin mit türkischem Namen. Seitdem habe sich in den Redaktionen zwar vieles verbessert, „besonders vor den Kameras sieht man mehr Journalisten aus Einwandererfamilien“, sagt Ataman. Aber gerade praktizierende Muslime hätten es schwer in der Branche. „Wenn jemand eingestellt wird, dann sind das Leute wie ich, die einen sehr hohen Anpassungsgrad haben, Hipsterbrille tragen und mittrinken, wenn angestoßen wird.“

„Wer anders aussieht, darf nur als Gastarbeiter auf die Bühne“

„Wer anders aussieht, darf nur als Gastarbeiter auf die Bühne“, sagt der indischstämmige Schauspieler Murali Perumal. „Von Dramaturgen und Intendanten heißt es immer: Sie sind so ein spezieller Typ. Es gibt keine Rollen für Sie außer Othello.“ Auch Perumal engagiert sich bei einer „Neuen deutschen Organisation“, dem „Göthe Protokoll“, einem Netzwerk von Kulturschaffenden. Er setzt sich für mehr Vielfalt im Theater und im Film ein. Er hat beobachtet, dass es nicht alle Schauspieler aus Einwande-rerfamilien gleich schwer haben: „Der Türke ist langsam angekommen, aber der Schwarze ist noch ein Alien. Und der Asiate macht nur Karatefilme.“

Bild: Ludwig Schöpfer