Die Reisezeiten sind in den Alltag von hunderten Millionen Menschen mittlerweile fest eingetaktet. Im Sommer wird das besonders augenfällig. Als Tourismus ist Reisen allerdings eine industrialisierte Form der Weltanschauung geworden. Wie vielen anderen der im Kapitalismus vermarkteten Kulturtechniken sind dem Reisen die Spannungen und unaufgelösten Widersprüche dieser Gesellschaftsform eingeschrieben. Das Leben von Millionen Menschen wird damit reichhaltiger, die Welten, aus denen wir Anregungen, Sehnsüchte, Erfahrungen gewinnen können, sind scheinbar grenzenlos geworden. Auf der anderen Seite ist der Tourismus auch Teil des ökologischen Problems der Menschheit, die in exzessiver Weise endliche Naturgüter ein Land, kann es aber auch davon abhängig machen.

Ein Gebiet, das einmal vom Tourismus erfasst wurde, verändert sich dauerhaft, bis in die Landschaften und die traditionellen Lebensweisen, die einen zum Teil radikalen Wandel erfahren. Die Freiheit der Reise ist in den Kanon der Menschenrechte aufgenommen. Das Verlangen danach kann zu einem sehr mächtigen Antrieb für gesellschaftliche Veränderungen werden. Wie viele dieser Rechte ist auch das Recht der Reisefreiheit durchaus prekär, ist längst nicht für alle Menschen schon eine lebbare Wirklichkeit. Und in Zeiten des weltweiten Terrorismus, gesellschaftlicher Unruhen und aufflammender Bürgerkriege wird auch der Tourismus in diese Konflikte hineingezogen. Die Weltgewandtheit der einen wird zur sicherheitspolitischen Herausforderung für die anderen. Wenn Reisen gelingt, werden Erfahrungen gemacht, die auch das eigene Leben prägen.

Reisen kann helfen, sich selbst zu bilden. Dazu gehört oft nicht viel, nur die Bereitschaft, sich zur Welt zu öffnen. Wenn sich diese auch auf die verborgenen Grundlagen und die verdrängten Kehrseiten der eigenen Praxis auswirkt, kann Reisen für alle ein Gewinn werden.

Thorsten Schilling