„Du bist zu dick!“ Manche Jugendliche spüren täglich, dass ihr Umfeld mit ihrer Figur ein Problem hat. Eva Barlösius, Soziologie-Professorin an der Uni Hannover, hat sich für eine Studie mit vielen „dicken“ Kindern und Jugendlichen unterhalten. Ihre Erkenntnis: Unser Körper kann ganz schön große Auswirkungen auf unser Leben haben. Und sie erklärt, wieso sich oft auch Menschen zu dick finden, die es nun wirklich so gar nicht sind. 

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Was spielt der Körper schon für eine Rolle? Als Symbol für Erfolg und Selbstdisziplin eine zentrale, sagt die Soziologin Eva Barlösius (Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz)
Was spielt der Körper schon für eine Rolle? Als Symbol für Erfolg und Selbstdisziplin eine zentrale, sagt die Soziologin Eva Barlösius (Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz)

fluter.de: Sie haben mit vielen Jugendlichen gesprochen, die sich selbst für dick halten. Welche Rolle spielt das Dicksein in deren Alltag?

Eva Barlösius: Das bestimmt ihr ganzes Leben. Die Jugendlichen haben uns erzählt, dass in vielen Situationen zuerst auf ihr Dicksein reagiert wird, ob sie nun auf der Straße oder in der Schule sind, etwas einkaufen oder in eine Disco gehen.

Wie wirkt sich das konkret aus?

Nicht immer sind es sprachliche Kommentare, oft auch einfach Verhaltensweisen, die den Jugendlichen zeigen, dass sie für zu dick gehalten werden. Die Jugendlichen haben uns beispielsweise erzählt, dass sie ungern zu McDonald’s oder zum Dönerimbiss gehen. Dort werden sie manchmal angestarrt, oder sie hören negative Kommentare wie: „Kannst du dir das überhaupt leisten? Ist das nicht zu fett für dich?“ In der U-Bahn stöhnen andere Gäste auf, weil sie meinen, dass die Jugendlichen zu viel Platz wegnehmen.

Gibt es dieses „dick“ und „normal“ aus Sicht einer Wissenschaftlerin überhaupt?

Das gibt es natürlich als medizinische Kategorie. Dass das aber auch gesellschaftlich verbindliche Kategorien sind, glaube ich nicht. Es gelten allein schon in England, Deutschland oder Frankreich ganz unterschiedliche Kriterien, wann Menschen und Jugendliche als dicklich gelten. Und es gibt auch große Unterschiede innerhalb der einzelnen Gesellschaften. In Berufsgruppen wie bei Managern, in denen ein dünner Körper als Symbol für Selbstdisziplin angesehen wird, wird die Frage dick oder nicht strikter ausgelegt.

Eine der Schlussfolgerungen aus Ihrer Befragung ist, dass Dicksein eine Art Klasse ist, weil es das jeweilige Leben so stark prägt wie das Geschlecht oder die Herkunft von Menschen. Was meinen Sie damit?

Man kann sich fragen: Was ist Dicksein in unserer Gesellschaft? Die befragten Jugendlichen kommen aus benachteiligten Verhältnissen, trotzdem sagen sie: Der Grund, wieso ich keine Chancen habe, ist mein Gewicht. Einige der Jugendlichen machen um das Thema Partnerschaft und Sex von vornherein einen Bogen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass jemand sie lieben könnte. Sie denken, wenn sie nicht zu dick wären, wären sie erfolgreicher in der Schule, würden einen guten Ausbildungsplatz bekommen und eine eigene Familie gründen. Ihr Körper überlagert also alle anderen möglichen Ursachen für ihre Benachteiligung. Anders als bei einem schwierigen Elternhaus oder einer schwierigen Umgebung fühlen sich die Jugendlichen allerdings fatalerweise für ihren als zu dick empfundenen Körper selbst verantwortlich. 

Sind die Jugendlichen nicht auch sauer, weil die Welt so mit ihnen umspringt?

Die Jugendlichen sind in sich zerrissen und dabei scheinbar widersprüchlich. Aber sie antworten eigentlich nur auf das, was ihnen die Gesellschaft vorhält. Einerseits wehren sie sich gegen die Assoziationskette faul, träge und nicht selbstkontrolliert. Sie sagen: Wir sind nicht so. Dann wird ihnen vorgehalten, dass sie ja gar nicht abnehmen wollen. Darauf erwidern sie: Wir wollen dünn werden und abnehmen, wir kriegen das nur nicht geregelt. Drittens erfahren sie permanent Benachteiligung und Abwertung und wünschen sich, dass sie nicht als Dicke benachteiligt werden. 

Inwiefern ist Dicksein für Jungs etwas anderes als für Mädchen?

Es wird immer gesagt, dass es etwas ganz anderes wäre, aber wir haben zwischen den Mädchen und den Jungs keine großen Unterschiede gefunden. Die Jungs haben allerdings häufig die Vorstellung, dass sie ihr Körperfett nur in Muskeln umwandeln müssen. Sie denken sich: Wir haben schon einen großen Körper, jetzt müssen wir ihn nur noch durch Training umbauen. Die Mädchen gehen einfach davon aus, dass sie weniger essen und sich mehr bewegen müssen, um abzunehmen.

Ist das Thema Dicksein bei Jugendlichen ein größeres Problem als bei Erwachsenen? Der Fußballfunktionär Reiner Calmund oder der Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel scheinen trotz ihrer Fülle gesellschaftlich gut zurechtzukommen ...

Für Jugendliche ist das sicherlich viel problematischer, weil sie erst klären müssen, wer sie sind und wie ihr Weg aussehen wird. Jemand wie Herr Gabriel wird sich sicher sein, dass er als SPD-Vorsitzender nicht an seinen Kilos scheitert. Trotzdem ist auffällig, dass er seinen Körper öffentlich eher zurückhaltend darstellt. Ich sehe Herrn Gabriel beispielsweise kaum mal ohne Jackett. Jedenfalls habe ich auch bei ihm nicht den Eindruck, dass er seinen Bauch locker in den Wind hält.

Wieso haben wir überhaupt ein solches Problem mit unseren Körpern? In einer Untersuchung im Jahr 2012 haben Forscher der Uni Bielefeld herausgefunden, dass sich rund die Hälfte der 15-jährigen Mädchen und ein Drittel der Jungs in Deutschland als zu dick empfinden.

Ein bestimmter Körper wird mit Erfolg, Leistungsbereitschaft und mit fast allem Wünschenswerten assoziiert. Das sind klare soziale Normen, die von der Gesellschaft aufgestellt werden. Wir alle bekommen das in der Schule vermittelt, in den Medien, das sagen uns die Ärzte und die Werbung. Sogar bei einem Vorstellungsgespräch wird einem das verdeutlicht. Wir sind umstellt von diesen Körperbildern. 

Die Studie hatte auch die Situation in verschiedenen Ländern verglichen. Das Ergebnis war: Nirgendwo denken so viele Jugendliche, dass sie nicht der Körper-Norm entsprechen, wie hierzulande. Haben Sie eine Erklärung, wieso wir in puncto Körperunzufriedenheit trauriger Spitzenreiter sind?

Ein schockierendes Ergebnis. Es wirft viele Fragen auf. Die Studie hat die Jugendlichen nach der Selbstwahrnehmung ihres Körpers und ihrem Gewicht gefragt. Heraus kam eine große Differenz. Viele Jugendliche hielten sich für zu dick, obwohl ihre Gewichtsangabe anderes besagt. Das kann viele Gründe haben, auf jeden Fall signalisiert es eine enorme Unsicherheit. Die Jugendlichen aus gut gestellten Elternhäusern wiesen nicht eine so große Differenz aus. Auch das spricht für gesellschaftliche Verunsicherung. Das stimmt mit meinen Forschungsergebnissen überein.

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Geht mein Körper ok? Eine Frage, bei der man sich ziemlich im Kreis drehen kann (Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz)
Geht mein Körper ok? Eine Frage, bei der man sich ziemlich im Kreis drehen kann (Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz)

Welche Rolle spielen Fernsehsendungen wie die Abnehm-Show „The Biggest Loser“ oder der Model-Wettbewerb „Germany’s Next Topmodel“?

Dadurch werden Vorurteile und Abwertungen als akzeptiert dargestellt, als etwas, das man ruhig tun darf. Dicke sind die letzte verbliebene Gruppe, über die man sich im Fernsehen lustig machen darf. 

Aber wieso finden sich auch Jugendliche dick, die es nun wirklich ganz klar nicht sind?

Es stellt sich immer die Frage, womit man sich vergleicht. Mädchen sehen beispielsweise, wie in der Topmodel-Show die Körper anderer junger Mädchen von Heidi Klum als zu dick beurteilt werden. Jungs fühlen sich übrigens manchmal nicht zu dick, sondern auch zu dünn. Sie glauben, dass sie einen zu wenig ausgeprägten männlichen Körper haben.

Was würden Sie Jugendlichen empfehlen, die als zu dick gelten und darunter leiden?

Das ist eine gute Frage. Man könnte auf die Antworten schauen, die die Jugendlichen selbst geben. Sie möchten irgendwie alle abnehmen. Das ist aber gar nicht so einfach. Sie möchten nicht stigmatisiert werden. Dafür müsste sich gesellschaftlich etwas verändern, so dass der Körper nicht mehr als Dokument für irgendwelche persönlichen Eigenschaften genommen wird. Aber ob gerade Jugendliche in der Lage sind, all das zu verändern, halte ich für fraglich. Vielleicht könnten wir einfach alle ein bisschen entspannter mit unseren Körpern umgehen.


Eva Barlösius ist Professorin für Makrosoziologie an der Leibnitz-Universität Hannover. Zu ihren Forschungs- und Lehrschwerpunkten gehören die Ungleichheitssoziologie und die Soziologie des Essens. In ihrem Buch „Dicksein“ hat sie die beiden Forschungsfelder miteinander verbunden.