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Wikipedias Wissenslücken

Die größte Enzyklopädie der Welt hat ein Frauenproblem. Über drei Studentinnen, die das ändern wollen

Schreibwerkstatt, Wikipedia

Wikipedia entsteht auch in Berlin-Kreuzberg, in einem Projektraum hinter einer großen Schaufensterfront. Die Studentinnen Hannah Schmedes (27), Lena Wassermeier (28) und Eva Königshofen (28) laden hier zur Schreibwerkstatt. Woran die Gruppe in den nächsten Stunden schreiben wird? Am meistbenutzten Nachschlagewerk der Welt.

Mit über 50 Millionen Artikeln und einer Verfügbarkeit in rund 300 Sprachen gilt Wikipedia als eine der wichtigsten und mächtigsten Informationsquellen weltweit. Die nichtkommerzielle Enzyklopädie landet zwar „nur“ auf Platz 13 der weltweit meistgenutzten Websites. Doch auch wenn Wikipedia noch immer den Ruf hat, nicht wissenschaftlich genug zu sein, um in Abschlussarbeiten zitiert zu werden, ist sie in vielen Fällen die allererste Anlaufstelle einer Recherche und trägt damit zur Meinungsbildung bei. Wer aber entscheidet über die Inhalte der Online-Enzyklopädie?

10 bis 20 Prozent der Wikipedia sind von Frauen geschrieben

Wikipedia wird von Freiwilligen gemacht. Dazu gehört auch die Schreibgruppe in Berlin-Kreuzberg. Denn auf Wikipedia darf jede*r Wissen beisteuern. Doch es sind Männer, die Wikipedias Inhalte maßgeblich bestimmen. Der Anteil schreibender Frauen liegt laut Wikimedia Foundation bei etwa 10 bis 20 Prozent. Auch wenn exakte Zahlen schwer zu bestimmen sind und je nach Erhebungsmethode variieren: Auf Wikipedia sind Frauen unterrepräsentiert.

Schreibwerkstatt, Wikipedia

Bis zur Quelle: Je weniger Belege die Editor*innen in einem Artikel nennen, desto angreifbarer ist der Eintrag. In der Schreibwerkstatt sind Bücher zum Nachschlagen daher unentbehrlich

„Das Selbstbewusstsein, eigenes Wissen darzustellen, zu veröffentlichen oder mit anderen zu teilen, ist in unserer Gesellschaft ungleich verteilt“, meint Hannah Schmedes, die an der Universität Potsdam studiert. Wer bei Wikipedia mitmachen will, brauche Zeit. Und davon hätten viele Frauen mit Kindern in ihrem Alltag oft zu wenig. Der Online-Enzyklopädie würden die Frauen aber auch inhaltlich fehlen: Nur etwa 16 Prozent aller Biografien auf der deutschsprachigen Wikipedia handeln von ihnen.

„Das Wissen, das uns in Schulen vermittelt wird und sich heute in Wikipedia-Artikeln wiederfindet, ist noch immer vor allem eine Erzählung der Welt von Männern aus Europa und Nordamerika“, heißt es in einem Statement von Wikimedia Deutschland. Dieser gemeinnützige Verein ist die nationale Vertretung der Wikimedia Foundation, die als Organisation hinter Wikipedia steht. Er erkennt offen an, dass Frauen sowie Personen weiterer Gesellschaftsgruppen (z.B. aus der LGBTI-Community, Migrant*innen oder Personen ohne akademische Ausbildung) als Editor*innen unterrepräsentiert sind. Um die weibliche Beteiligung zu erhöhen, unterstützen die Wikimedia Foundation und Wikimedia Deutschland Editorinnen durch konkrete Maßnahmen wie kollektive Schreibaktionen.

Eine „Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen“ wird gelöscht – die „Liste von Schiffen mit dem Namen Amazone“ aber nicht?

Dass eine relativ homogene Gruppe das Wissen von Wikipedia verwaltet, hat Folgen: „Uns ist immer häufiger aufgefallen, dass manche Personen oder Themen hier gar nicht vorkommen“, sagt Hannah Schmedes. „Und in diese Leerstelle haben wir uns eingeklinkt.“ Fast 20 Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 2001 klaffen auf Wikipedia noch Wissenslücken. Mit ihren beiden Mitstreiterinnen hat Hannah Schmedes vor kurzem die „Feministische Schreibwerkstatt“ in Berlin-Kreuzberg gegründet. Heute findet sie zum dritten Mal statt. Zusammen bearbeiten die Teilnehmenden existierende Artikel oder erstellen neue: Sie wollen vor allem über Frauen aus Wissenschaft und Kunst schreiben. Von allen Wissenschaftler*innen-Biografien auf Wikipedia handeln momentan nur etwa neun Prozent von Frauen – was auch daran liegt, dass Frauen der Zugang zu den Wissenschaften lange verwehrt blieb. Doch über die Wissenschaftlerinnen, die es gibt und gab, muss erst mal jemand bewusst schreiben wollen.

Schreibwerkstatt, Wikipedia

Wussten nicht mehr weiter: Eva Königshofen, Lena Wassermeier und Hannah Schmedes haben eine Schreibwerkstatt gegründet, um Wikipedia-Artikel über Frauen aus Wissenschaft und Kunst zu schreiben

„Die Gefahr, von der Plattform enttäuscht zu werden, ist enorm hoch“, findet Hannah Schmedes: vor allem wenn man gerade einen aufwendig recherchierten Artikel veröffentlicht hat, der wegen angeblich ungenügender Relevanzkriterien auf einmal gelöscht werden soll. Die Relevanzkriterien von Wikipedia sind Ergebnisse langjähriger Konsensfindung. Dennoch sind sie umstritten. Denn nicht alle Editor*innen beurteilen alle Themen als gleich wichtig.

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Um die Suche nach deutschsprachigen Science-Fiction-Autorinnen zu vereinfachen, erstellte die Editorin Theresa Hannig einmal auf Wikipedia eine Liste über diese Frauen. Wenig später wurde diese Liste zur Löschung vorgeschlagen, da der Artikel „nicht relevant“ sei. Der Fall schaffte es sogar ins „Neo Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann, der daran erinnert, dass auf Wikipedia hingegen auch Artikel existieren dürfen wie: „Liste von weitesten Schussentfernungen zur Tötung von Menschen durch Scharfschützen“ oder die „Liste von Schiffen mit dem Namen Amazone“.

An den Relevanzkriterien können also auch gut recherchierte Artikel scheitern – wenn nicht genügend Gegenstimmen für die Relevanz des Artikels eintreten. Im schlimmsten Fall hat ein Löschantrag Erfolg – dann wird der Artikel aus Wikipedia entfernt. Nach einem Hin und Her setzte sich Theresa Hannig durch. Die „Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen“ besteht auf Wikipedia nach wie vor.

In Berlin wird es langsam dunkel, das Licht des Laptopscreens erleuchtet die Gesichter der Schreiberinnen. „Kann ich den Artikel so veröffentlichen?“, fragt eine Teilnehmerin und zeigt Lena Wassermeier den Artikel über eine Schriftstellerin, an dem sie die vergangenen zwei Stunden gearbeitet hat. Er geht online – zusammen mit Einträgen über eine US-amerikanische Anthropologin, eine ruandisch-schweizerische Regisseurin und eine deutsche Theaterautorin. Sie haben Wissen geschaffen, das bisher gefehlt hat.

Fotos: Hahn&Hartung

In sieben Schritten zum Wikipedia-Artikel: Hier erklären wir, wie du Editorin oder Editor bei Wikipedia wirst

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

2 Kommentare
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Carsten Möller
  ·  
03.09.2020-03:09

Sind die genannten Gruppen speziell in Wikipedia unterrepräsentiert? Oder spiegelt sich da nicht eher die jahrhundertealte Tradition, die Frauen eben nicht erwähnte?

Cle B
  ·  
vor 15 Stunden

Das ist doch bitte keine ernst gemeinte Frage?! Genau das arbeitet der Beitrag heraus - es gibt zwar eine reale Ungleichverteilung, aber die ist nicht so groß wie suggeriert durch die ungleiche lexikale Präsenz.