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Wohnen auf dem Discounter

Immer mehr Menschen ziehen in Deutschlands Großstädte. Wo sollen sie wohnen, wenn diese schon dicht besiedelt sind? Ein Rundgang durch die Stadt der Zukunft

Max Guther mit und für SPACE10

Fast zwei Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen heute in deutschen Großstädten. Um den Bedarf an Wohnraum zu decken, gab es jahrzehntelang ein Rezept: die Städte vergrößern. Grüne Wiesen am Stadtrand wichen Straßen, Häusern und Fabriken. Jedes Jahr planierte man eine Fläche etwa von der Größe Münchens. Die deutschen Städte wuchsen wie Hefeteig. Wer am Stadtrand in seinem Einfamilienhaus wohnen wollte, konnte ja mit dem Auto in die Innenstadt pendeln.

Doch dieses Modell hat ausgedient. Autos verdrecken die Luft, die Betonflächen schaden der Umwelt, und jeder Quadratmeter in Wohnung oder Einfamilienhaus, der geheizt wird, verbraucht Energie.

Nicht nur das Wohnen wird sich verändern, auch das Zusammenleben

Im Durchschnitt wohnt jeder Deutsche heute auf 46,5 Quadratmetern. Der Wert ist seit Jahrzehnten angestiegen, vor allem durch die Zunahme von Ein- und Zweipersonen-Haushalten und mehr allein lebende Alte. Auf Dauer, da sind sich Architekten und Stadtplaner einig, wird aber in den Städten nicht genug Platz dafür sein. „Einen eigenen Raum für alles können wir uns nicht mehr leisten“, sagt der Architekt Thomas Jocher, der an der Universität Stuttgart lehrt. Ein eigener Waschraum, eine eigene Werkstatt, eine eigene Abstellkammer – die Zeiten sind in den Innenstädten vorbei, meint Jocher. 

Nicht nur das Wohnen wird sich verändern, auch das Zusammenleben. Die Familie von heute sieht anders aus als die von einst. Heute wird jedes fünfte Kind nur vom Vater oder nur von der Mutter aufgezogen. Mutter, Halbbruder, Kind: Das ist eine ganz normale Familie, oder besser gesagt: eine von ziemlich vielen normalen Familien.

Für die neuen Haushalte der Alleinerzieher und Patchworkfamilien entwickeln Architekten beispielsweise Cluster-Wohnungen (von englisch cluster für Zusammenballung). Sie sehen ein bisschen aus wie Luxus-WGs: Jeder hat mindestens einen eigenen Raum, den er vor allem fürs Schlafen braucht. Dazu kommt ein eigenes Bad. Die anderen Räume werden gemeinschaftlich genutzt, also Küche, Wohnzimmer, vielleicht auch Waschküche, Arbeitszimmer, Werkstatt. 

Ein weiterer Trend: Mikroapartments, kleine, möblierte Wohnungen, oft nicht größer als 20 Quadratmeter. In ihnen lebt man fast wie in einem Hotelzimmer, nur eben dauerhaft. Auch Menschen in Mikroapartments können zu einer Hausgemeinschaft zusammenwachsen, wenn sie genügend Gemeinschaftsräume haben.

Dachkiez (Bilder: Sigurd Larsen)

Rauf auf die Dächer: Architekt Sigurd Larsen möchte Miniappartements auf Berliner Plattenbauten setzen. Laut einer Studie könnten auf Gebäude- und Supermarktdächern in Deutschlands Ballungszentren bis zu 1,9 Millionen Wohneinheiten entstehen

(Bilder: Sigurd Larsen)
 

Wohnen über Lidl und Aldi

Kleinere Wohnungen sind allerdings nur eine Möglichkeit, mehr Menschen in der Stadt unterzubringen. Fragt man Stadtplaner nach ihrem Rezept für das Wohnen von morgen, nennen sie gerne ein Zauberwort: „Nachverdichtung“. Gemeint ist unter anderem, dass auf den freien Flächen zwischen Häusern neue Wohnungen entstehen. 

Für viele, die schon in der Stadt wohnen, wirkt das bedrohlich. Denn sie bekommen ein Haus vor die Nase gestellt. 

Aber Nachverdichtung muss nicht in jedem Fall die Lebensqualität vermindern. An vielen Orten in Großstädten haben zum Beispiel Handelsketten wie Aldi, Lidl oder Tengelmann Flachbauten mit großen Parkplätzen hingesetzt. Verschenkter Luftraum? In Berlin reißen einige Unternehmen nun mehrere dieser Flachbauten ab und errichten an deren Stelle mehrstöckige Wohnhäuser. Einkaufen kann man dann im Erdgeschoss.

Auch andere Dächer haben Potenzial. Auf einen Plattenbau in Berlin will der dänische Architekt Sigurd Larsen einen „Dachkiez“ setzen. Kleine, erweiterbare Wohnmodule aus Holz sollen genug Platz für Studenten, Paare und sogar Familien bieten. Zwischen den Wohnungen verläuft ein begrünter Weg mit Bäumen und Liegewiese – und das alles in rund 30 Meter Höhe. Bis zu 2,7 Millionen zusätzliche Wohnungen könnten auf Dächern von Supermärkten, Park- und Wohnhäusern entstehen, behauptet eine kürzlich erschienene Studie der Technischen Universität Darmstadt und des Pestel-Instituts Hannover.

Wer Städte „verdichtet“, meint aber nicht unbedingt: mehr neue Hochhäuser bauen. Untersuchungen zeigen, dass sich Menschen ab einer gewissen Etage nicht mehr als Stadtbewohner wahrnehmen, sondern eher als Hochhausbewohner. „Das ideale Haus in einer städtischen Umgebung hat fünf bis sechs Etagen“, meint Martina Baum, Professorin für Stadtplanung. Für sie bedeutet Nachverdichten im besten Fall, für Vielfalt zu sorgen: Jung neben Alt, Ateliers neben Wohnungen, Häuser neben Parks. „Wenn sie gut gemacht wird, kann die Nachverdichtung eine Stadt lebenswerter machen“, erklärt sie. Wichtig sei das menschliche Maß. Denn genau das war Stadtplanern in der Vergangenheit verloren gegangen. Vor allem in den 1950ern und 1960ern habe man Städte wie aus der Flugzeugperspektive gebaut, sagt sie. Es war egal, wie sich die Fußgänger und Bewohner in ihnen fühlten. Städte wurden für den Autoverkehr optimiert.

Zufällige Begegnungen und Gespräche machen Stadtbewohner zufriedener

In Zukunft werden Stadtbewohner kürzere Wege zurücklegen, weil alles Wichtige für sie näher erreichbar ist. „Im Haus der Zukunft stehen gar keine Autos mehr in der Garage, das ist vorbei“, prophezeit der Architekt Jocher. Von der Arbeit ins Fitnessstudio, vom Sport zum Einkaufen und dann nach Hause: All diese Wege werden in Zukunft viel kürzer sein. Wir werden nicht mehr so weit zur Arbeit fahren, im besten Fall ist die Arbeit sogar gleich im Haus.

Die Stadtbewohner werden von Autofahrern zu Fußgängern. Und wer zu Fuß unterwegs ist, für den ist das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss relevant, um sich wohlzufühlen, sagt Baum. „Wichtig ist, was man in Augenhöhe wahrnimmt. Alle 100 Meter sollte ein neuer Impuls kommen.“ Parks, Läden, Schulen, Bürohäuser – solche Abwechslung innerhalb eines Quartiers mache Städte für Menschen lebenswert. Die wichtigste Einheit eines guten Alltagslebens in der Stadt ist das Viertel und die unmittelbare Nachbarschaft, sagt Baum – dort, wo sich Menschen auf der Straße oder im Laden zufällig begegnen können. 

„Der Mensch ist wieder das Maß der Dinge“, sagt sie. Das bedeutet aber auch, dass immer mehr Menschen in den Innenstädten zusammenrücken müssen. Denn in die Städte wird es die Menschen auch in Zukunft ziehen.

Titelbild: Max Guther mit und für SPACE10

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

3 Kommentare
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Julia
  ·  
07.03.2019-09:03

Tolle Ideen dieser Architekten. In Wohngegenden wie auf dem ersten Bild ist der Mensch Maß der Dinge? Ich frage mich welcher Mensch sich in containerartigen Klötzen und mit Grünflächen von tatsächlich zwei Bäumen wohlfühlt. Oder dauerhaft in WGs. Wer schon mal in einer WG gewohnt hat weiß, dass das mit dem Küche teilen sehr häufig zu Ärger führt. Und zum Thema Nachverdichtung: in meiner Stadt wird nachverdichtet. Nur ist leider bisher kein einziger Aldi bebaut dafür jedoch jede Menge Grünflächen.

Leo
  ·  
08.03.2019-09:03

Die Ideen müssen ja auch im Verhältnis zum derzeitigen Stadtbild gesehen werden. Die Bewohner der Häuserblocks haben vor ihrer Wohnungstür noch nicht einmal die zwei Bäume. Das aber Grünflächen geschützt werden müssen, da stimme ich zu. Mein Eindruck von WGs war bisher immer ganz gut. Gemeinschaftsräume müssten in diesem Zusammenhang ja auch nicht unbedinngt geteilte Küche bedeuten, sondern eben bspw. geteilte Werkstatt, Aufenthaltsraum, Arbeitsbereich oder Terasse (Stichwort Luxus-WG)

leiserSchüler
  ·  
25.05.2019-12:05

gibs es hier ein referat auf 5 seiten erklärt ? wäre echt toll