Gemüse kann man sich heute liefern lassen, im Abo, individuell zusammengestellt, mit passenden Rezepten dazu, bequem bis an die Haustür. Immer mehr Unternehmer bieten solche Abo-Kisten an. Christan Heymann ist einer von ihnen – und irgendwie doch nicht. Heymann ist Bauer. An seinem Gemüse klebt meist noch etwas Erde dran, manchmal versteckt sich eine Raupe zwischen den Blättern. Seine Kunden müssen es sich abholen, und sie müssen vorher auch – säend, erntend, Unkraut zupfend – bei dessen Erzeugung helfen. Dennoch zahlen sie dafür mehr, als sie im Bioladen ausgeben würden.

Um das zu verstehen, muss man wissen, wie sehr sich der Großteil der Landwirtschaft immer weiter von der Bauernhof-Idylle aus der Werbung entfernt: Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland ist auf 276.000 gesunken, zwischen 2010 und 2016 schlossen rund 23.000 Betriebe. Gleichzeitig ist die Produktion von Getreide, Gemüse und tierischen Erzeugnissen nicht nur nicht im selben Maße gesunken, sie ist in wenigen Fällen sogar gestiegen. Immer größere Betriebe praktizieren Landwirtschaft auf eine industrielle Weise, die man wegen ihrer Folgen oftmals als schädlich bezeichnen muss. Monokulturen, Massentierhaltung, belastete Böden und Lebensmittelskandale – damit sind mittlerweile viele Menschen nicht mehr einverstanden.

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Kühe werden mit Heu gefüttert (Foto: Jens Schwarz/laif)
Nicht nur Grünzeug: Es gibt auch Solawis, die Tiere halten, wie hier auf dem Markushof in Baden-Württemberg (Foto: Jens Schwarz/laif)

Solawi ist ein Gegenentwurf

Die erste Solawi soll in den 1960ern in Japan entstanden sein. Heute nehmen dort Millionen Menschen (manche Quellen sprechen von bis zu einem Viertel der Bevölkerung) an sogenannten Teikei teil. Mittlerweile hat sich die Idee auf der ganzen Welt verbreitet, als CSA (Community Supported Agriculture), AMAP (Associations pour le maintien d’une agriculture paysanne) oder GAS (Gruppi di Acquisto Solidale) zum Beispiel.

Einer der populären Gegenentwürfe nennt sich Solidarische Landwirtschaft, abgekürzt Solawi. Dabei finanziert eine Gruppe von Menschen einen kompletten landwirtschaftlichen Betrieb, also Löhne, Saatgut, Maschinen und so weiter. Im Gegenzug erhalten sie nicht nur die Ernte, sie dürfen bei einigen Solawis auch mitbestimmen, zum Beispiel, was angebaut und wie das Budget eingesetzt wird, weshalb die Bezeichnung Kunden eigentlich nicht zutrifft. Auch Christian Heymann wirtschaftet so, zusammen mit derzeit 227 Unterstützern. Das Modell ist eine Win-win-Situation: Der Landwirt, so die Idee, ist unabhängig von den Zwängen des Marktes, durch die Verträge mit den Mitgliedern hat er Planungssicherheit; die „Solawisten“ wissen genau, wo und unter welchen Bedingungen ihre Lebensmittel angebaut werden – das Gegenteil von „Big Food“. So oder so ähnlich arbeiten hierzulande laut dem Verein Solidarische Landwirtschaft mindestens 138 Betriebe, mehr als 100 weitere sollen in Planung sein.

Der Acker von Christian Heymanns Solawi „SpeiseGut“ liegt in Gatow, am westlichen Ende Berlins. Auf 90.000 braunen Quadratmetern gedeihen hier in langen grünen Reihen Gemüse und Kräuter (bei den aktuellen Temperaturen von Folientunneln überdacht), dazwischen einige Obstbäume, am Rande eine Gruppe von Bienenstöcken. Der rote Traktor wirkt, verglichen mit moderneren Modellen, klein und oldtimerig. Ansonsten stehen hier noch einige altertümlich anmutende Ackergeräte, Schuffeln zum Beispiel, dazu ein Tisch, Klappstühle und ein paar Gemüsekisten. Das ist alles.

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Eine Frau schleppt Gemüsekisten (Foto: Jens Schwarz/laif)
Anpacken, auch nach der Ernte: Einen Bringdienst bis an die Haustür gibt's in der Solawi nicht (Foto: Jens Schwarz/laif)

Einfach geht anders

„So ein Modell muss man wirklich betreiben wollen“, sagt Heymann. Nicht nur bedeuten die Naturland-Richtlinien, nach denen seine Mitarbeiter und er arbeiten, einen hohen Aufwand, auch sonst kostet ihn die Solawi viel Zeit und Kraft. Schließlich geht es ihm nicht nur darum, gesunde Nahrungsmittel zu produzieren. „Die Teilnehmer sollen auch die Möglichkeit haben, den Wert hinter dem Produkt zu erkennen“, sagt der Bauer. Er möchte einen persönlichen Bezug zu den Lebensmitteln herstellen, indem er sie anleitet, zu „Mit-Bauern“ macht: Wer erst einmal acht Stunden Unkraut gezupft hat, sieht eine Möhre mit anderen Augen.

Mindestens drei Mal im Jahr auf dem Acker anpacken und das Gemüse stets zu festen Zeiten aus einem Zwischenlager im Viertel abholen – bequem geht anders. Warum lassen sich mehr als 200 Menschen trotzdem darauf ein? „Mir geht es vor allem um bewussteren Konsum“, sagt Bonni. Die 27-Jährige ist seit etwa drei Jahren Mitglied bei „SpeiseGut“ und mittlerweile Leiterin eines der 15 Depots in Berlin und Potsdam, an die das Gemüse wöchentlich – von Dezember bis April mindestens alle drei Wochen – geliefert wird. Und der Preis? Immerhin 70 Euro zahlen die Mitglieder pro Monat, darunter auch Studenten wie Bonni. „Den Beitrag finde ich fair, vielleicht ist es sogar zu wenig“, sagt sie, auch wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis auf den ersten Blick natürlich nicht stimme. „Dafür ist das Gemüse sozial und ökologisch vertretbar produziert worden.“ Für Bonni bloß eine Frage der Prioritäten.

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Einpflanzen auf dem Beet mit der Pflanzmaschine  (Foto: Jens Schwarz/laif)
Ach, so geht das: Die Teilnehmer*innen helfen nicht nur mit, sie lernen auch Neues (Foto: Jens Schwarz/laif)

Nische oder Mainstream?

Selbst wenn mehr Deutsche bereit wären, so viel für ihre Lebensmittel zu investieren, Birgit Blättel-Mink hält die Solawi nicht für die Ablösung der konventionellen Landwirtschaft – und das sei für viele auch gar nicht das Ziel: „Nicht alle Höfe wollen von der Nische in den Mainstream“, sagt die Soziologie-Professorin, die zur „sozialen Innovation“ Solawi geforscht hat. Sie treibt indes eine andere Frage um: ob die Solawi ihre Potenziale in der Nische möglicherweise besser entfalten, strukturschwache Regionen, kleine Höfe und das bäuerliche Handwerk wiederbeleben könne.

Bei Bauer Christian Heymann läuft es im fünften Jahr immer noch nicht ganz rund. Er selbst zahle sich sein Gehalt nur unregelmäßig aus, sagt er, habe auch noch nicht genug Teilnehmer, um seine Mitarbeiter seinen Vorstellungen entsprechend bezahlen zu können. „Das Ziel ist, zehn Euro netto zu zahlen“, sagt Heymann. Das könne er derzeit leider nicht, aber immerhin mehr als 8,60 Euro, das ist der Mindestlohn, der aktuell in der Landwirtschaft gilt.

Unser Redakteur Lukas Wohner ist während seiner Recherche natürlich auch selbst auf den Acker von Christian Heymann gefahren und hat dort mit angepackt. Anstrengend, ja, aber: Schon nach einigen Stunden schien die Zeit stillzustehen – für ihn ein angenehmer Kontrast zum Husch-Husch, das sonst um unsere Lebensmittel stattfindet. Mittlerweile ist er selbst „Solawist“ geworden.

Titelbild: Jens Schwarz/laif