Schon auf der Berlinale war „Tiger Girl“ von Jakob Lass einer der meistdiskutierten Filme. Kein Wunder – bei den beiden schlagkräftigen weiblichen Hauptrollen. Jetzt läuft er im Kino. Regisseur Jakob Lass über Feminismus, Aggression und Improvisation beim Dreh

fluter.de: In Ihrem Film „Tiger Girl“ streifen zwei junge Frauen durch Berlin, saufen, klauen, prügeln, und oft sind ihre Ziele männlich. Ist das jetzt eine radikale Form von Feminismus?

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Der Regisseur Jakob Lass
Der Regisseur Jakob Lass

Jakob Lass: Feministisch – das ist ein Label, das mir gefällt. Aber das setze ich mir nicht selber auf. Ich habe mit diesem Film ja keine erzieherische Agenda. Wenn, muss das jeder für sich erkennen. Und eigentlich ist es auch kein genderspezifischer Film.

Gewalt durch Frauen – das ist dennoch ein seltenes Thema, auch auf der Leinwand.

Stimmt. Ich hatte aber einfach schon diesen Titel „Tiger Girl“ im Kopf und wollte eine Heldin mit diesem Namen. Aber warum keine Frauen? Für mich ist das Thema des Films unterdrückte Wut und Aggression, die im Alltag keiner zeigen würde. Und das meine ich universell, das gilt für jeden, auch für mich. Aber es ist vielleicht etwas, was Frauen noch mehr betrifft in den gesellschaftlichen Konventionen, in denen wir leben.

Die Kritik lautet ja häufig, dass Gewalt heroisiert wird, sobald sie von Frauen ausgeht.

Das habe ich über meinen Film auch schon gehört. Und ich spiele sehr ausdrücklich damit. Die beiden Frauenfiguren werden in kurzen Momenten heroisiert. Etwa wenn Tiger Girl in der U-Bahn Vanilla rettet und diese Koks-Affen mit einem Baseballschläger verprügelt. Das ist eine Überhöhung, das ist eine Heroisierung. Für den ganzen Film gilt das aber nicht. Solche Vorwürfe kommen meist von Leuten, die den Film noch gar nicht gesehen haben. Und es ist doch komisch, dass sich diese Fragen in den vielen Actionfilmen mit männlichen Charakteren nicht stellen. Dort hat man sich wohl schon daran gewöhnt.

Ihr Film „Love Steaks“ war der erste Fogma-Film der Welt. In dem von Ihnen aufgestellten Fogma-Regelwerk ist zu lesen, dass es bei den Filmen um Offenheit, Wachheit und Flow geht. Auch „Tiger Girl“ ist ein Fogma-Film. Wie lief das ab?

Ich gebe den Schauspielern kleine Ziele vor, die sie am Ende der Szene erreichen sollen. Ansonsten gibt es kein festes Drehbuch, die Dialoge wurden wieder frei improvisiert, ich erfinde viel. Da bringt etwa jemand, nur so aus Spaß, ein kleines ferngesteuertes Polizeiauto mit ans Set, das Tiger Girl dann später im Film plötzlich durch die Gegend fahren lässt. Dabei waren die größten Herausforderungen diesmal die Kampfsequenzen, die ja wiederum sehr genau choreografiert wurden. Die mussten so eingefügt werden, dass sie zum Rest des Films passen und sich ebenso spontan und authentisch anfühlen. Das war schwierig für die Kamera, den Schnitt und auch für die Darsteller.

Weil das Kämpfen so eine große Rolle im Film spielt und auch Sie vorhin von Aggressionen sprachen: Haben Sie schon mal daran gedacht, sich mit jemandem zu prügeln?

Eine Assoziation wären da Rechtspopulisten, jene Leute, die sich mit Fremdenfeindlichkeit an die Macht arbeiten. Aber selbst denen möchte ich keine Gewalt antun. Sondern ich möchte, dass wir Politiker haben, die denen was entgegensetzen. Gewalt hat ihren Platz in der Fiktion. Da kann man sie ausleben. Da gehört sie hin.

 

„Tiger Girl“, Regie: Jakob Lass, mit: Maria Dragus, Ella Rumpf, Robert Gwisdek, Deutschland 2017, 90 Min.

Titelbild: Constantin Film/Max von Treu