Umweltschutz kann so einfach sein: Drei Suchanfragen – „wetter berlin“, „öffnungszeiten museumsinsel“, „günstig essen neukölln“ – und schon sind wieder drei Bäume in Burkina Faso gepflanzt. Hätte auch mit „herbstferien 2015 nrw“ geklappt oder mit „asta tu münchen“. Vorausgesetzt, man tippt seine Anfragen in die richtige Suchmaschine. Dann kann man den Bäumen während des Surfens im Netz förmlich beim Wachsen zusehen. Gutes Gefühl. Zu gut?

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Bäumchen google dich: Wer zur Suchmaschine „Ecosia“ wechselt, macht die Welt mit jeder Suchanfrage ein bisschen grüner (Foto: Heinrich Holtgreve)
Bäumchen google dich: Wer zur Suchmaschine „Ecosia“ wechselt, macht die Welt mit jeder Suchanfrage ein bisschen grüner (Foto: Heinrich Holtgreve)

Die Rede ist von der Google-Alternative Ecosia. Die funktioniert wie die vom Marktführer, hat aber oben rechts im Browserfenster einen kleinen „Baumzähler“, der mit jeder Suchanfrage nach oben geht. Denn das Unternehmen spendet, wie es erklärt, mindestens 80 Prozent seiner Gewinne, um damit Bäume zu pflanzen. Eine Milliarde Bäume bis 2020, das hat das Berliner Start-up als Ziel ausgerufen. Doch – drei Anfragen, drei Bäume – so leicht ist das Ganze dann auch wieder nicht.

Ecosia ist eine Suchmaske, deren Ergebnisse von der Microsoft-Suchmaschine „Bing“ kommen. Zudem sollen eigene Algorithmen das Ergebnis aufpeppen. Pro Suchanfrage verdient Ecosia nach eigenen Angaben etwa 0,5 Cent, vor allem durch die Gewinne aus Werbung, die rund um die Suchergebnisse angezeigt wird. In Burkina Faso einen Baum zu pflanzen kostet die belgische Partnerorganisation WeForest rund 28 Cent. In Wirklichkeit braucht es also gut 60 Suchanfragen, um einen Baum zu pflanzen, und Ecosias Baumzähler gibt etwas schwammig an, zu wie vielen Bäumen man „beigetragen“ hat. Aber es ist wohl besser für die Motivation seitens der Nutzer, wenn anstatt eines einzelnen Blattes oder Astes ein ganzer Baum angezeigt wird.

„Ich hatte BWL studiert, in Richtung Nachhaltigkeit und Umweltschutz war ich nicht besonders vorgebildet“, erzählt Gründer Christian Kroll. Es bedurfte erst einer Weltreise und des Bestsellers „Hot, flat, and crowded“ von Thomas Friedman (dt. Titel: „Was zu tun ist“), um das zu ändern. Man muss sich das so vorstellen: Kroll erblickte in Südamerika das erste Mal den Regenwald – und lernte aus der Reiselektüre, dass 20 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen auf die Abholzung eben dieses Waldes zurückzuführen seien.

Alle 16 Sekunden ein neuer Baum

Das war im Jahr 2008. Da war Krolls erste Idee, ein Entwicklungshilfeprojekt in Form einer von ihm aufgebauten und von Nepalesen verwalteten Suchmaschine, bereits gescheitert („Weil es kaum Internet und Strom gab“). Auch sein nächstes Projekt, Ecosias Vorläufer „Forestle“, überdauerte nicht lange, da Partner Google es sich anders überlegte. Doch beim Nachfolger, online seit Dezember 2009, arbeiten mittlerweile elf Angestellte „für eine Welt, in der die Umwelt gar keinen Schutz mehr braucht“, wie Kroll sagt.

Ecosias Beitrag zu diesem Ziel sind bald 2.700.000 gepflanzte Bäume und Server, die mit Ökostrom betrieben werden. Außerdem ist die Suche mit Ecosia CO2-neutral. Richtig gelesen: Auch eine Webrecherche hinterlässt – wie jegliche Online-Aktivität – einen CO2-Fußabdruck, schließlich werden dabei stets Server in Anspruch genommen, und diese verbrauchen wie der eigene Rechner eben Energie. So rechnet beispielsweise Marktführer Google mit acht Gramm Kohlendioxid pro Tag und „aktivem“ Nutzer (25 Suchen, 60 Minuten YouTube plus Mail-Nutzung). Ecosia geht von 0,2 Gramm Kohlendioxid pro Suchanfrage aus und neutralisiert diese durch Unterstützung eines strengst zertifizierten Klimakompensationsprojekts in Madagaskar.

Skeptikern begegnet Ecosia mit größtmöglicher Transparenz: Auf ihrem Blog veröffentlichen die Berliner allerhand Fotos und Videos von ihrem Partnerprojekt in Burkina Faso, auch Dokumente wie Spendenquittungen und Geschäftsberichte sind hier einsehbar. Laut diesen nahm Ecosia im Juli 2015 durch etwa 720.000 Suchanfragen pro Tag insgesamt 106.999 Euro ein. Mehr als die Hälfte davon ging für Geschäftskosten und Rücklagen drauf, 44.750 Euro wurden gespendet. Macht 160.000 Bäume im Juli 2015 – oder anders ausgedrückt: alle 16 Sekunden ein Baum.

Das klingt nicht übel, reicht aber bei weitem nicht aus, um bis 2020 auf die angepeilte Milliarde zu kommen. Deshalb will sich Ecosia künftig den US-amerikanischen Markt vornehmen, auf dem es noch viel Luft nach oben gibt. Die dortigen Nutzer müssen nur merken, wie einfach das geht mit dem Bäumepflanzen. Und ihnen erzählt besser niemand, was Forscher der US-Uni Yale jüngst geschätzt haben: dass es etwa drei Billionen Bäume auf der Welt gibt – und dass pro Jahr 15 Milliarden gefällt werden.

Der Berliner Journalist Lukas Wohner muss zugeben, dass er gelegentlich auf Googles Suchergebnisse umschaltet – auch wenn er bei Ecosias Bäumchenzähler das bessere Gewissen hat.