Wegen der Asylbewerber sei Deutschland ein unsichereres Land geworden, argumentieren die AfD und ihre Anhänger. Die Kriminalstatistik scheint ihnen zunächst recht zu geben. Der jüngst veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik zufolge stieg der Anteil der Zuwanderer an allen Tatverdächtigen von 19,6 Prozent im Jahr 2015 auf 21,5 Prozent im Jahr 2016. Aber so einfach ist es nicht. „Man sollte einige Verzerrungsfaktoren im Kopf haben, wenn man sich die Zahlen ansieht“, sagt Jörg Kinzig, Direktor des Instituts für Kriminologie der Eberhard Karls Universität Tübingen. Welche, erklärt er in zehn Punkten:

1. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist eine reine Verdachtsstatistik.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik

Das Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlicht seit 1953 jedes Jahr die Polizeiliche Kriminalstatistik. Sie bietet Informationen über Fälle, Opfer und Tatverdächtige. Das BKA weist darin selbst darauf hin, dass die Kriminalstatistik „kein getreues Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit, sondern eine je nach Deliktsart mehr oder weniger starke Annäherung an die Realität“ bietet. Trotzdem sind Kriminalstatistiken ein wichtiges Erkenntnismittel. Sie bieten einen Arbeitsnachweis der Polizei und sagen aus, welche Delikte wie häufig begangen werden oder wie sich das Geschlechter-, Stadt-Land- oder Ost-West-Verhältnis der Kriminalität verändert. Nach Ansicht vieler Kriminologen wären periodische Dunkelfelduntersuchungen wünschenswert, die ein realistischeres Bild des tatsächlichen Ausmaßes der Kriminalität zeichnen könnten.

„In der PKS geht es nur um Tatverdächtige, nicht um Täter. Die Statistik sagt also vor allem etwas über die Polizeiarbeit in Deutschland aus. Nur ein geringer Teil der Tatverdächtigen wird am Ende auch verurteilt. Die Mehrheit der von der Statistik erfassten Personen ist also im rechtlichen Sinne unschuldig. Dazu kommt, dass es aus kriminologischen Untersuchungen Hinweise gibt, dass Ausländer sowohl häufiger kontrolliert als auch angezeigt werden.“

2. Die Statistik hinkt etwas hinterher.

„Die Polizei braucht Zeit für ihre Ermittlungen, mal mehr, mal weniger: Tatverdächtige des einen Jahres tauchen darum zum Teil erst in der Polizeilichen Kriminalstatistik des Folgejahres auf.“

3. Die Polizeiliche Kriminalstatistik allein sagt nicht aus, wie viel Kriminalität es in Deutschland gibt.

„Die PKS bildet, wie alle Statistiken, nur das Hellfeld ab – also bekannt gewordene und bearbeitete Straftaten. Allein von gestiegenen Zahlen kann man noch nicht mit Gewissheit ableiten, dass die Kriminalität in Deutschland wirklich zugenommen hat. Es ist auch möglich, dass sich im Anzeigeverhalten etwas geändert hat. Um das zu klären, bräuchte es regelmäßige Dunkelfeldanalysen. Dafür fehlt leider das Budget.“ 

4. „Nichtdeutsche Tatverdächtige“ sind längst nicht nur Zuwanderer.

„Die Kriminalstatistik unterscheidet zwischen Deutschen und Nichtdeutschen. Zu letzteren zählen seit 2015 als eine Teilgruppe die Zuwanderer, zu denen Asylbewerber, Geduldete, Kontingent- und Bürgerkriegsflüchtlinge sowie Menschen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, gehören. Arbeitnehmer, Touristen und Durchreisende sowie andere in Deutschland lebende Ausländer werden dagegen nicht bei den Zuwanderern erfasst, sondern in eigenständigen Rubriken unter den nichtdeutschen Tatverdächtigen eingeordnet. Bei der Variable ‚nichtdeutsch‘ kann man sich streiten, ob sie überhaupt tauglich ist, weil sie eine sehr heterogene Gruppe enthält. Kriminalität hat im Übrigen nichts mit der Nationalität zu tun, sondern vielmehr mit Lebenslagen, Geschlecht und Alter. Wenn aus einem Land überwiegend junge, schlecht ausgebildete Männer ohne eine berufliche Perspektive nach Deutschland einreisen, laufen selbige in weit überdurchschnittlicher Zahl Gefahr, sich straffällig zu verhalten.“

 

Razzia im Görlitzer Park (Foto: Kristoffer Finn/laif)
„Einmal mitkommen, bitte": Zahlen aus der Kriminalstatistik für bare Münze zu nehmen, ist allein schon deshalb nicht empfehlenswert, weil Ausländer häufiger kontrolliert und angezeigt werden als Inländer – Stichwort Racial Profiling – zumindest deuten kriminologische Untersuchungen sehr klar darauf hin (Foto: Kristoffer Finn/laif)

5. Nur Ausländer können Ausländerdelikte begehen.

„Wer die Kriminalitätsrate von Deutschen und Nichtdeutschen vergleichen will, muss darauf achten, dass die sogenannten Aufenthalts- bzw. Ausländerdelikte nicht einbezogen werden. Wenn man als Flüchtling unerlaubt einreist, hat man damit bereits eine Straftat begangen. Als Deutscher kann man diese Straftat jedoch nicht verüben, darum verzerrt das die Zahl. Seit 2015 wird darum zwischen ‚Straftaten insgesamt‘ und ‚Straftaten insgesamt ohne ausländerrechtliche Verstöße‘ unterschieden. 2016 sind in der PKS etwa 950.000 nichtdeutsche Tatverdächtige aufgeführt, ohne ausländerrechtliche Verstöße sind es noch gut 600.000.“

6. Die Kriminalstatistik liefert nur absolute Zahlen (also Zahlen, welche sich nicht auf den jeweiligen Bevölkerungsanteil beziehen).

„Die Polizeiliche Kriminalstatistik registriert für 2016 10,9 Prozent mehr nichtdeutsche Tatverdächtige (ohne ausländerrechtliche Verstöße) als im Vorjahr. Mehr Zuwanderung bedeutet automatisch auch mehr Straftaten von Zuwanderern, denn jede Person ist erst mal ein Kriminalitätsrisiko. Wenn die Deutschen in den nächsten Jahren auf einmal im Durchschnitt drei Kinder bekämen, stiegen mit einer zeitlichen Verzögerung auch die Straftaten von Deutschen – das allein ist noch kein Grund zu großer Besorgnis. Es wäre überraschend, wenn die Zahl der tatverdächtigen Zuwanderer bei der großen Zahl nach Deutschland Eingereister nicht zugenommen hätte.“

7. Aussagekräftiger als absolute Zahlen ist die Häufigkeitszahl.

„Kriminologen achten vor allem auf die Häufigkeitszahl: die Anzahl der Fälle pro 100.000 Einwohner. Von 2015 auf 2016 sank diese sogar, von 7.797 auf 7.755 Fälle pro 100.000 Einwohner. Das entspricht einem Rückgang von 0,5 Prozent. 2004 zum Beispiel kamen auf 100.000 Einwohner noch mehr als 8.000 Fälle.“

8. Soziale Faktoren wie Geschlecht, Alter und Ort verzerren die Polizeiliche Kriminalstatistik. 

„Unter den Zuwanderern nach Deutschland sind viele junge Männer. Man weiß aus der Kriminologie, dass vor allem junge Männer dazu neigen, straffällig zu werden, das gilt für deutsche wie für zugewanderte. Das sollte man also bedenken, wenn man die Zahl der Tatverdächtigen beurteilt. Der Kriminalstatistik zufolge war 2016 nur etwa ein Viertel aller Tatverdächtigen weiblich. Ein weiterer sozialer Faktor ist das Umfeld: Zuwanderer wohnen im Durchschnitt eher in den Städten, wo es bekanntermaßen mehr Kriminalität als auf dem Land gibt.“

9. Die weitaus meisten Zuwanderer in Deutschland halten sich an die Gesetze.

„Die Polizei steht bis heute erst am Anfang, was die Analyse der Auswirkungen der gestiegenen Zuwanderung auf die Kriminalität angeht. Einen ersten Eindruck brachte der Sonderbericht ‚Kriminalität im Kontext von Zuwanderung‘ des Bundeskriminalamts, der die Entwicklung von Straftaten von Zuwanderern im Jahr 2016 auswertet. Darin sehen wir einerseits, dass wir in diesem Jahr fast 300.000 aufgeklärte (laut PKS sind das Straftaten, denen man mindestens einen Verdächtigen zuordnen kann) Straftaten hatten, bei denen mindestens ein Zuwanderer als Tatverdächtiger ermittelt wurde. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einer Zunahme von immerhin 42 Prozent. Andererseits wird auch klar, dass sich dennoch die weitaus meisten Zuwanderer in Deutschland legal verhalten und gerade bei Gewalttaten Zuwanderer nicht nur Täter, sondern zugleich auch Opfer sind.“

10. Schwere Kriminalität ist in Deutschland grundsätzlich sehr selten.

„2016 wurden bei den Straftaten gegen das Leben, also bei den Mord- und Totschlagsdelikten, 3.765 Tatverdächtige registriert, wobei die Gruppe der Nichtdeutschen etwas überrepräsentiert ist. Obwohl Tötungsdelikte natürlich immer beunruhigend sind, ist der Anteil dieser Delikte an der Gesamtkriminalität zum Glück sehr gering. Und auch wenn die Gewaltkriminalität insgesamt im letzten Jahr um 6,7 Prozent angestiegen ist, liegt sie immer noch zum Teil deutlich unter den Werten, die wir in der ersten Hälfte der 2000er-Jahre zu verzeichnen hatten.“

Titelbild: Kristoffer Finn/laif