Das kleine Atelier in Berlin-Weißensee sieht aus, als würden sich ein Elektrotechniker und ein Modemacher den Raum teilen: Ein Schneidertisch steht gegenüber einer Lötstation, nicht weit von den Nähmaschinen und dem Garn liegen Batterien, USB-Adapter und Spulen voll Kabel.

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Da bekommt das Wort „Dress Code“ eine völlig neue Bedeutung – ein Kleid des Londoner Labels Cute Circute
Da bekommt das Wort „Dress Code“ eine völlig neue Bedeutung – ein Kleid des Londoner Labels Cute Circute

Der Elektronikmechaniker und der Modemacher sind aber nur eine Person: Hannah Perner-Wilson, 32, ist Designerin für Elektrotextilien – ein Beruf, der so neu ist, dass man in Deutschland weder einen Studiengang dazu findet noch passende Stellenausschreibungen. „Ich komme aus der Hacker-Szene“, berichtet Perner-Wilson. „Schneidern habe ich mir selbst beigebracht.“ Zusammen mit ihrer Kollegin entwickelt sie Produkte, die Mode und Technik zusammenbringen: Kleider mit eingebauten Lautsprechern etwa – oder Hüte, die tagsüber Solarenergie speichern und nachts leuchten. Außerdem arbeitet Perner-Wilson in einem Team an „Mi.Mu“, einem Datenhandschuh, der elektronische Musik komponiert und wiedergibt, wenn der Träger die Hände bewegt.

Nach ihrem Abschluss am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA hätte sich Perner-Wilson wohl jede Metropole zum Arbeiten aussuchen können. Sie ist aber froh, in Berlin gelandet zu sein: „Hier passiert gerade sehr viel“, sagt sie. Und dieser Fortschritt komme nicht von oben, von der Seite der Modekonzerne, sondern von unten: „Es ist eine Graswurzelbewegung.“

Die Graswurzeln, das sind Leute, die Alternativen zum Bestehenden schaffen wollen und dafür wie Perner-Wilson an tragbaren Technologien forschen. Dazu gehören Entwickler von neuen Produktionsmethoden oder Start-ups mit den unterschiedlichsten Konzepten – von Schmuck aus dem 3D-Drucker bis zur digitalen Körpervermessung für das Onlineshopping. „Fashion Technology“ oder „Fashion Tech“ heißt der Oberbegriff für solche Projekte an der Schnittstelle zwischen Mode, Technik und Internet.

Mehr als Spielereien: High Tech-Mode kann auch ernste Probleme lösen

Noch steckt die Branche in den Kinderschuhen. Doch Berlin hat gute Chancen, zu einem Zentrum für Fashion Tech zu werden: Die Mieten hier sind im internationalen Vergleich günstig, und der hippe Ruf der Stadt zieht Kreative und Entwickler an. Einmal im Jahr findet in Berlin das dreitägige Festival „Wear it“ für tragbare Technologien statt und halbjährlich die Konferenz „#Fashiontech“ mit Besuchern aus vielen Ländern.

Langsam fangen auch einige der zahlreichen Forschungszentren und Hochschulen in Berlin an, sich für Fashion Tech zu interessieren. Die Universität der Künste beispielsweise eröffnete das Design Research Lab, in dem unter anderem zu smarten Textilien geforscht wird. Und die Berliner Senatsverwaltung hat in diesem Jahr insgesamt 30.000 Euro an Preisgeldern für herausragende Fashion-Tech-Konzepte ausgeschrieben, zu deren ersten beiden Ausgezeichneten der Musik-Handschuh Mi.Mu gehört.

Musik-Handschuhe, leuchtende Hüte – das scheint zunächst eine nette Spielerei zu sein. Neue Technologien könnten aber auch wichtige Probleme lösen, vor denen die Mode heute steht. Mario Behling, 39, will die Art und Weise ändern, mit der die meisten Kleidungsstücke bislang produziert werden: in überfüllten, entlegenen Fabriken, in denen Arbeiter für wenige Euro am Tag schuften. Früher leitete Behling eine Softwarefirma. „Jetzt bin ich ein Pulloverhacker“, sagt er. Behling verbindet ältere Strickmaschinen mit Computern, sodass sie fast selbstständig Kleidung mit Wunschmuster stricken, angepasst an den Körper des Kunden. Automatische Strickmaschinen gibt es zwar schon länger, nur sind sie teuer und kompliziert. Behling möchte sie so preiswert und bedienungsfreundlich machen, dass auch Privatpersonen mit ihnen „Strickstationen“ eröffnen und ihren Kunden dann individuelle Pullover anbieten können: also ein Gegenentwurf zu Ausbeuterbetrieben, die in großer Serie und bei schlechten Arbeitsbedingungen billig Klamotten produzieren, die später in Schlussverkäufen verramscht werden.

Nerds mit Lippenstift

Behlings Projekte sind, ebenso wie die von Perner-Wilson, „open source“, will heißen: Das Know-how hinter ihren Entwicklungen ist frei verfügbar – anders als bei Konzernen, die ihr Wissen möglichst exklusiv halten wollen. Behling kooperiert mit Entwicklern aus der ganzen Welt. Einer von ihnen arbeitet gerade daran, Einzelteile der Produktionsmaschinen mit dem 3D-Drucker zu produzieren, um sie noch billiger und freier verfügbar zu machen. Das große Ziel ist, dass irgendwann auch Näher aus Entwicklungsländern sie kaufen können.

Die Modekonzerne selbst hätten wenig Interesse an Veränderung, konstatiert Behling. „Ich bot einem Hersteller an, seine Prozesse mit einer App zu vereinfachen. Kosten: 10.000 Euro. Er meinte nur: ‚Weißt du, wie viele Leute in Bangladesch ich dafür einstellen kann?‘“

Auch die Designerin Lisa Lang, 32, denkt, dass die Modeindustrie in Sachen Technik alles andere als aufgeschlossen ist: „Die Mode geht von einer Retrowelle in die nächste. Sie schafft es nicht, sich selbst neu zu erfinden.“ Deshalb gründete Lang vor drei Jahren das Label ElektroCouture für LED-Schmuck und leuchtende Kleidung. Ihr Arbeitsplatz ist das „Fab Lab“, eine offene Werkstatt im Prenzlauer Berg. Die Räume hier tragen futuristische Namen, zum Beispiel „Laser Lab“ oder „Heavy Metal Shop“. Jede/r kann hier Geräte wie Heißpressen und Lasercutter benutzen – oder den Umgang damit lernen.

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Auch unter dem Aspekt Verkehrssicherheit ein gelungener Entwurf: zwei LED-Röcke von „Cute Circute“
Auch unter dem Aspekt Verkehrssicherheit ein gelungener Entwurf: zwei LED-Röcke von „Cute Circute“

Lang bezeichnet sich selbst als „Nerd mit Lippenstift“. Auch sie hat nie etwas mit Mode studiert, sondern arbeitete für eine Softwarefirma, bevor sie ihre erste LED-Schmuck-Kette erstellte. Heute leitet sie ein vierköpfiges Team, darunter eine Textildesignerin und einen Entwickler, der seine Doktorarbeit über Mikrobatterien schrieb.

„Man muss Entwickler und Modemacher in einen Raum sperren“, sagt Lang. Kämpfe jede Branche für sich allein, so die Gestalterin, komme dabei etwas heraus wie Google Glass, die Brille mit Computerdisplay, die vor allem wegen ihres schlechten Designs gescheitert sei; oder die vermeintlich innovative Tasche von Diane von Fürstenberg, in der Smartphones kabellos aufgeladen werden. Weihnachten 2015 soll sie herauskommen – das Start-up Everpurse setzte die Idee allerdings bereits im Jahr 2012 um. Langs wichtigster Tipp lautet aber: „Einfach machen!“ Es seien die Querschläger, die die Branche revolutionierten, erklärt sie. „Spotify hat die Musikindustrie aufgemischt, Airbnb die Hotelbranche. Vielleicht machen wir dasselbe mit Mode.“

Info Smart Fashion

Große Szenen für Tech und Smart Fashion gibt es in London und New York. In London sitzt beispielsweise das bekannte, bereits 2004 gegründete Elektromode-Label Cute Circuit. Dessen Designer Francesca Rosella and Ryan Genz machten unter anderem mit dem „Galaxy Dress“ Furore, einem Kleid mit 24.000 LED-Leuchtpunkten. In New York kündigte 2014 der Computerchip-Hersteller Intel an, Technologie und Mode zusammenzubringen. Gemeinsam mit dem Luxuskaufhaus Barneys, der Vereinigung der US-Modedesigner und dem Design-Onlinehändler Opening Ceremony will man tragbare Technologie entwickeln und marktreif machen. Zudem soll sich dort künftig auch die neue Mode-Innovationsagentur „Manufacture New York“ um tragbare Technologie kümmern.

London und New York bieten beide die Nähe von Mode, Technologie und Geld. In diesen Metropolen sind zwei der wichtigsten Fashion Weeks sowie renommierte Mode-Universitäten beheimatet. Gleichzeitig findet sich dort jeweils eine lebendige Start-up-Szene, hinzukommen viele Tech-Unternehmen und zahlungskräftige Investoren. In London sind etwa die E-Commerce-Modeunternehmen Asos und Net-A-Porter groß geworden. Ein Vorzeigeprojekt auf der anderen Seite des Atlantiks ist das New York Fashion Tech Lab: eine Plattform, die Modefirmen mit Start-ups verbindet und einige von ihnen fördert, zum Beispiel „Stylit“, eine Webseite, die Kunden online mit Stylisten verbindet, oder „StyleSage“, eine Datenanalyse-Firma für die Modebranche

Wlada Kolosowa hätte gern den leuchtenden Schal von ElectroCouture, wenn sie mal wieder nachts mit kaputten Licht durch Berlin radelt.