"Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert!" Das sagte Angela Merkel bei einer Rede vor der Jungen Union im Oktober 2010. Der Ausspruch traf auf viel Widerspruch. Fakt ist nämlich – wie immer die Integration von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen klappt: Deutschland hat mittlerweile viele Gesichter. Immer mehr Menschen kommen aus einem multikulturellen Familienumfeld, fast 16 Millionen sind es laut DeStatis (Statistisches Bundesamt) zurzeit.

Zahlreiche deutsche Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen sich aber trotzdem damit auseinander setzen, dass sie deutsch, aber offenbar doch anders sind. Oft wird diese Auseinandersetzung durch negative Erfahrungen ausgelöst – durch Alltagsrassismus, "fremdenfeindliche" Bemerkungen. Fünf junge Deutsche und eine Engländerin erzählen von ihren Erfahrungen.

Chrissie Breinlinger-O'Reilly, 21


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Betti Fiegle (Foto: privat)
(Foto: privat)

Als ich mit 17 in einer schicken Praxis meinem neuen Hautarzt die Hand schüttelte, ahnte ich noch nicht, dass ich erstens nach dem Verlassen des Untersuchungszimmers ihn nie wieder aufsuchen würde und dass ich zweitens mehrere Jahre lang eine belustigende Geschichte zu erzählen haben würde.

Ich zeigte ihm den Ausschlag auf meiner Haut und erzählte, dass der immer wieder im Winter auftauchte. "Tja, das ist nun mal bei Menschen Ihrer Herkunft so. Bedanken Sie sich bei Ihren Eltern. Woher kommen Sie?" Ich sagte: "Irland und Deutschland." Und er: "Das kann nicht sein. Sie haben nicht die Poren einer Europäerin. Da würde ich noch mal zu Hause nachforschen. Da stimmt was nicht. Sie gehen eher Richtung Bagdad."

Der Ausschlag ist weg. Meine Poren sind wohl immer noch nicht europäisch. Als richtig rassistisch habe ich die Situation nicht gesehen – ich dachte, dass der Arzt schon wissen wird, was er behauptet, und dass es vielleicht wirklich so ist. Geärgert hatte mich aber, dass er an dem Morgen wahrscheinlich irgendwas über den Irak gelesen hatte und dass ich für ihn äußerlich in dieses Bild passte.

Er war unglaublich arrogant. Ich hatte davor noch nie darüber nachgedacht, ob es aufgrund der Herkunft einer Person verschiedene Poren gibt.

Schayan Riaz, 22


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Betti Fiegle (Foto: privat)
(Foto: privat)

Man hört öfters, dass Alltagsrassismus, der nur gelegentlich auftritt, niemandem schadet. Es kommt eben immer auf die Situation an. Daher kann ich die Frage, ob mir solch eine Art von alltäglich erlebtem Rassismus etwas ausmacht, nicht eindeutig beantworten.

Am typischsten und zugleich am harmlosesten erlebe ich diese Art von Rassismus beim Friseur. Wirklich jedes Mal! Ich höre immer dieselben Sachen: "Ihr habt ja Haare wie ..." Oder: "Für euch Grasköpfe braucht man ja einen Rasenmäher!" Solche Bemerkungen sind mir eigentlich relativ egal, solange die Schere oder Maschine nicht "aus Versehen" verrutscht. Im Endeffekt haben ja auch wir, wer auch immer "wir" sein mögen, das Sagen über die Höhe des Trinkgelds.

Meiner Meinung nach muss man Rassismus und Ignoranz mehr voneinander trennen. Der Satz "Sie sprechen ja fantastisch Deutsch" ist nicht rassistisch, sondern nur ignorant. Und mit Ignoranz macht man vor allem in Deutschland viele Erfahrungen.

Tenzin Sekhon, 21


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Betti Fiegle (Foto: privat)
(Foto: privat)

Von den Ereignissen, die mich mit Rassismus in Deutschland konfrontiert haben, ist mir eins ganz besonders im Gedächtnis geblieben: Als ich volljährig wurde, musste ich mit meinem Vater zur Bank gehen, um dort Dokumente zu unterschreiben. Nachdem ich unterschrieben hatte, fragte mich die Frau nach meinem Pass, um die Identität zu überprüfen. Als ich fragte, ob ich nicht einfach meinen Personalausweis vorzeigen könnte, antwortete sie: "Ja klar! Ich habe bei Ihnen angenommen, dass Sie keinen deutschen Personalausweis besitzen."

Obwohl ich über die Jahre oft rassistische Beleidigungen erlebt habe, hat sich mir diese Geschichte besonders eingeprägt, weil sie symptomatisch für unsere Gesellschaft ist. Wüste Beschimpfungen oder Angriffe kann man immer noch als unüberlegt abtun, als etwas, das von einer kleinen Minderheit ausgeht. Doch dass ich allein aufgrund meines Namens und meines Aussehens in die Kategorie "nicht-deutsch" eingestuft werde, macht mir viel eher bewusst, dass ich von vielen Mitbürgern nicht als deutsch angesehen werde. Obwohl ich die deutsche Staatsbürgerschaft besitze.

Abdullahi Jibril, 21


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Betti Fiegle (Foto: privat)
(Foto: privat)

Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis, das ich in Frankfurt an der Oder hatte. An dem Tag saß ich in einer Tram. Als diese an einer Haltestelle hielt, hielt gerade auf der gegenüberliegenden Seite, in der entgegengesetzten Richtung, eine andere Tram. Die beiden Straßenbahnen hielten also genau nebeneinander. In der anderen Bahn saßen zwei Männer mit Glatze, die wild gestikulierten. Ihre hasserfüllten Blicke richteten sich eindeutig auf mich. Einer von ihnen hielt wiederholt seine geballte Faust in meine Richtung, der andere mimte Wörter, die ich nicht entschlüsseln konnte.

Eigentlich hat mich diese Situation nicht ernsthaft gestört. Es gibt überall ignorante, dumme Leute, die glauben, sie müssten den dicken Macker raushängen lassen. Ich glaube, die wenigsten trauen sich, mehr als doofe Bemerkungen abzulassen. Ich finde, dass man solchen Leuten keine Aufmerksamkeit schenken sollte, da sie sich sonst bestätigt fühlen würden. Wenn es allerdings doch zu handgreiflichen Situationen kommt, sieht alles schon wieder ganz anders aus.

Victor Boadum, 21


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Betti Fiegle (Foto: privat)
(Foto: privat)

Meine Jugend in Berlin war eine glückliche, ja, regelrecht idyllische Zeit. Als junger Afrodeutscher fühlte ich mich dort rundum wohl. Mein Heimatverein Hertha BSC war damals eine stabile und erfolgreiche Fußballmannschaft, es fehlte mir nie an Spielkameraden und wir erlebten jede Menge lustige Kinderabenteuer. Mir fiel es selber kaum auf, dass ich "anders" aussah als das typische Berliner Schulkind.

Diese Naivität war ein Resultat des kunterbunten Umfeldes, in dem ich aufgewachsen bin. Viele meiner Freunde stammten aus anderen Kulturen. Deshalb war ich keineswegs speziell oder anders, ich war einfach nur Victor.

Dieses fast schon paradiesische Leben endete eines Tages abrupt. Ich machte meine erste richtige Erfahrung mit Rassismus im Alltag. Als ich in der sechsten Klasse war, spazierte ich mit einer Schulfreundin die Ragniter Allee in der Nähe des Olympiastadions entlang. Wir waren auf dem Weg zu einem Schulfest.

Eine ältere Dame führte ihren Hund Gassi. Wir versuchten, an der Dame vorbeizukommen, die unseren Minibogen um sie als Angst vor ihrem Hund missverstand. Sie sagte freundlich: Wir bräuchten keine Angst zu haben, ihr Hund belle nur, wenn er Hundekot begegne. Wir lächelten freundlich zurück und liefen weiter, als ihr Hund plötzlich anfing, zu bellen. Da erklärte uns die ältere Dame, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, dass ihr Hund uns wohl, aufgrund unserer Hautfarbe, für Hundekot halten müsse.

Meine Schulfreundin und ich, beide afro-deutscher Herkunft, waren wie vom Blitz getroffen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich niemals auch nur einen Hauch von Rassismus mir gegenüber wahrgenommen. Der "Hundekot"-Moment änderte alles für mich. Die heile Welt, in der ich 13 Jahre lang gelebt hatte, war mit einem Mal zunichte gemacht worden. Und leider war dieses skurrile Erlebnis auch der Beginn einer ganzen Reihe von alltagsrassistischen Ereignissen in meiner Zeit in Berlin.

Nisha Thanki, 23


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Betti Fiegle (Foto: privat)
(Foto: privat)

Zurzeit arbeite ich als Englischlehrerin in einer Schule in Wien. Ich werde immer wieder gefragt, woher ich denn komme. Als Antwort nenne ich immer die englische Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Daraufhin wird nach meinen Wurzeln oder nach meinen Eltern gefragt. Im schlimmsten Fall heißt es: "Aber wo kommst du ursprünglich her?"

Obwohl ich mich inzwischen an solche Szenarien gewöhnt habe, war ich doch komplett überrascht, als eine Lehrerin in der Schule zu den Kindern sagte: "Wie ihr sehen könnt, sieht sie ja nicht wie eine typische Britin aus." Und dann sollten die Kinder raten, wo ich denn "ursprünglich" herkäme. Die Antworten waren ziemlich vielfältig und reichten von verschiedenen europäischen bis zu asiatischen Ländern – alle viel exotischer als meine eigentliche Heimatstadt.

Der Kern des Problems ist, dass es nicht akzeptiert wird, dass ich mich als Britin verstehe, weil ich nicht britisch genug aussehe. Es ist ganz egal, ob ich dort geboren wurde, ob ich die Queen mag, gerne Tee trinke oder irgendein anderes Klischee erfülle. Ich bin aufgrund meines Aussehens für viele Leute einfach keine Britin. Das zeigt, finde ich, dass Rassismus noch immer ein aktuelles Problem ist, egal wie subtil er heute auch sein mag.

Sara Jabril (22) ist zurzeit Praktikantin bei fluter.de. Die gebürtige Berlinerin studiert Sozialwissenschaften an der HU Berlin.