Der See Tyrifjord war ihre einzige Chance. Sie schwamm so schnell es nur ging, Gewehrkugeln zischten an ihr vorbei. Die 23-Jährige schwamm einfach weiter, Zug für Zug, und konnte sich schließlich retten. Fünf Jahre ist es her, dass die junge Politikerin Khamshajiny Gunaratnam das Massaker auf der Insel Utøya nur knapp überlebte – und an jenem 22. Juli einige ihrer Freunde verlor.  

Es ist ein Tag, der das Land vermutlich für immer veränderte. Anders Behring Breivik zündete zunächst eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel, die acht Menschen tötete, und fuhr kurz darauf zur Insel Utøya, auf der die Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ihr alljährliches Feriencamp veranstaltete. Der rechtsextreme Norweger sah, so behauptete er später, die Partei und die zunehmende Anzahl von Muslimen im Land als Bedrohung für seine Heimat an. Mit einer halbautomatischen Waffe richtete Breivik 69 Menschen hin. Die meisten waren Teenager.

„Ich möchte nicht als Opfer gesehen werden, ich bin eine Überlebende und es gilt nach vorne zu schauen.“

„Meine Freunde wurden wegen ihrer politischen Anschauung ermordet“, sagt die inzwischen 28-jährige Gunaratnam. „Ich möchte nicht als Opfer gesehen werden, ich bin eine Überlebende, und es gilt, nach vorn zu schauen.“ Für sie ist es wichtig, neue Impulse zu setzen, und dafür hat sie jetzt sehr gute Voraussetzungen. Seit rund einem Dreivierteljahr ist die Norwegerin tamilischer Abstammung stellvertretende Bürgermeisterin der Hauptstadt Oslo. Gunaratnam kommt gerade von einem Termin. Nach der Begrüßung in ihrem Büro zieht sie erst mal ihre High Heels aus und schlüpft in Ballerinas. Die junge Sozialdemokratin lehnt sich auf der Couch neben ihrem Schreibtisch zurück.

khamshajiny-gunaratnam1.jpg

Oslos stellvertretende Bürgermeisterin Khamshajiny Gunaratnam im Rathaus (Foto: Oslo kommune/Sturlason)
Gegen die Regierungslinie und gegen den norwegischen Hang zu leisen Tönen: Khamshajiny Gunaratnam gibt dem toleranten und multikulturellen Norwegen eine Stimme. Ihre Anhänger nennen sie „Kamzy“ (Foto: Oslo kommune/Sturlason)

Von ihrem Büro aus sieht „Kamzy“, wie sie von den meisten genannt wird, auf den Oslofjord und die Promenade. Das Rathaus ist tagsüber für alle Besucher offen. Die sozialistisch anmutenden Wandgemälde im Foyer erzählen die Geschichte des Landes: von der Okkupation durch Nazideutschland, vom bäuerlichen Leben, der Fischereitradition und von der Befreiung. Genau hier, in der offenen Eingangshalle, werden jedes Jahr im Dezember die Friedensnobelpreise verliehen. Es war für die junge Politikerin etwas Besonderes, letztes Mal bei der Zeremonie live dabei zu sein. „Die Redefreiheit ist so wichtig“, sagt sie. „Und es ist eine gute Erinnerung, täglich dafür zu kämpfen.“

Dass die Sozialdemokratin Gunaratnam in Oslo zur Symbolfigur geworden ist, hat viel mit dem politischen Hintergrund zu tun, vor dem sie in den Augen ihrer Anhänger glänzt. Die Anschläge von 2011 haben das friedliche Image Norwegens zerrüttet. Kritikern zufolge hat die Politik der rechtskonservativen Regierung des Landes ein Übriges getan. Besonders deren Flüchtlingspolitik sorgte immer wieder für Unmut in linken Kreisen. Wenn es nach der norwegischen Integrationsministerin Sylvi Listhaug und ihrer Fortschrittspartei ginge, würde Norwegen die meisten Immigranten am liebsten sofort abschieben. Über die Situation im Flüchtlingscamp bei Kirkenes nahe der russischen Grenze gab es viele Beschwerden, auch fluter berichtete. Die Integrationsministerin betont in Interviews, dass sie eine der strengsten Asylpolitiken in Europa umsetzen will. Als Listhaug Ende April bei einer PR-Aktion vor der griechischen Insel Lesbos in einem orangefarbenen Überlebensanzug ins Mittelmeer sprang, um aus der Perspektive der Flüchtlinge zu erleben, wie es ist, gerettet zu werden, höhnten einige Kritiker, sie solle erstmal lernen, sich in die hilfsbereite norwegische Gesellschaft zu integrieren.

Vielleicht macht es einen Teil ihrer Beliebtheit aus, dass sie manchmal auch ein bisschen lautere Töne anschlägt

Demgegenüber gilt Kamzy vielen als Hoffnungsträgerin für das moderne, multikultureller werdende Norwegen. Ihre Familie floh vor dem Krieg aus Sri Lanka, als sie drei Jahre alt war, und fand in Nordeuropa eine neue Heimat. Sie weiß genau, wie es sich anfühlt, in eine neue Umgebung zu kommen. Schon früh engagierte sie sich in der tamilischen Jugendorganisation von Oslo.

Vielleicht macht es einen Teil ihrer Beliebtheit aus, dass sie manchmal auch ein bisschen lautere Töne anschlägt, als es in Norwegen normalerweise üblich ist. Natürlich ist die 28-Jährige multikulturell geprägt. Ihr sei bewusst, dass sie lauter lache und spreche als eine typische Norwegerin, sagt Gunaratnam und bestätigt Beides im selben Moment. Was sie immer noch irritiert, ist der in Norwegen vorherrschende Janteloven-Kodex. „Als Studentin habe ich mal für ein Jugendmagazin einen Artikel mit dem Titel ‚Fuck janteloven’ geschrieben“. Das „Gesetz von Jante“ geht auf einen Roman zurück, in dem ein Kodex beschrieben wird, der bis heute in Skandinavien präsent ist. Er besagt unter anderem, dass niemand denken soll, er sei besser als der andere. Für die einen ist diese Bescheidenheit positiv, andere glauben, dass das ständige Denken ans Kollektiv die persönliche Entfaltung verhindert – und so nicht alle ihre Möglichkeiten nutzen, um zum Beispiel ihre Stimme zu erheben und ihre Meinung zu sagen. „Als Politikerin möchte ich eine Stimme für diejenigen sein, die sich nicht trauen, sich offen zu äußern“, sagt Gunaratnam.

Nach Utøya gelte es mehr denn je, den Dialog zu suchen. Wichtiger Teil ihrer Arbeit ist es, die Bürger zu besuchen: sei es im Seniorencenter im wohlhabenderen Bezirk, im Jugendclub oder im Flüchtlingszentrum des Stadtviertels Tøyen.

In ein anderes Stadtviertel ziehen, um dem Rassismus vorzubeugen

Der offiziellen Regierungslinie zum Trotz gibt es hier in Oslo wie in ganz Norwegen viele Menschen, die sich intensiv für die Neuankömmlinge einsetzen. Ein Osloer Gastronom etwa versorgte die Flüchtlinge ehrenamtlich mit Lebensmitteln und organisierte mit Kollegen ein Verpflegungsnetzwerk.    

Tøyen galt lange Zeit als eines der ärmeren Viertel Oslos. Doch nun, da in einer der am schnellsten wachsenden Hauptstädte Europas der Wohnraum eng wird, entdecken immer mehr junge norwegische Familien das zentral gelegene Gebiet. Dort leben sie nun neben pakistanischen Großfamilien und lassen sich beim „Bagdad Frisør“ die Haare schneiden. Es ist eine Art von Gentrifizierung, die durchaus auch positive Auswirkungen hat. „Wir wollen in jedem Viertel neuen Wohnraum für alle Arten von Bürgern schaffen“, erzählt die junge Politikerin. „Wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Bildungsschichten keinen Kontakt zueinander haben, fühlen sie sich wie Fremde. Sind sie aber direkte Nachbarn, sind sie toleranter miteinander.“ So könne man dem Rassismus eher vorbeugen. Dann zitiert die Politikerin einen Spruch von Martin Luther King, der sinngemäß besagt, nur diejenigen könnten sich hassen, die einander nicht kennen.

Gunaratnam, die lange im Ostteil der Stadt lebte, mischt seit einigen Monaten den Westen auf. Sie zog nach Frogner, einem schicken Viertel mit zahlreichen Botschaften und Residenzen. Italienische, pakistanische und deutsche Flaggen wehen an den Villen und Gründerzeithäusern, davor parken frisch polierte Jaguars und Porsches. „Der Westen hat den Ruf, nur eine Reichengegend zu sein. Doch das ist nicht wahr“, so Gunaratnam.  

Der offiziellen Regierungslinie zum Trotz gibt es hier viele Norweger, die sich intensiv für Flüchtlinge einsetzen

In einem der eher unscheinbaren Betonbauten Frogners lebte Breivik lange Zeit. Drei Jahre lang wohnte die Autorin Åsne Seierstad – ohne es zu wissen – nur wenige Häuser von ihm entfernt in derselben Straße. Später schrieb sie mit „Einer von uns“ eine aufwühlende Dokumentation des Massenmordes, in der sie den Täter und einige seiner Opfer porträtierte. Breivik war zwar geografisch einer von ihnen, nicht jedoch geistig. Bis heute bringt sich der Attentäter regelmäßig in Erinnerung, wenn er zum Beispiel gegen seine Haftbedingungen klagt.

Schon Monate vor dem Utøya-Jahrestag erhielt Gunaratnam viele Interviewanfragen. Manche Reporter wollten sogar den 22. Juli mit ihr verbringen. Doch die ansonsten gesellige Politikerin ist an diesem Tag am liebsten allein. Derzeit wird in den norwegischen Medien viel darüber diskutiert, wie man mit diesem Schicksalsschlag umgehen soll. Der damalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte 2011 bei seiner Trauerrede: „Wir sind noch immer erschüttert von dem, was uns getroffen hat, aber wir werden niemals unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort lautet: Mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber niemals Naivität.“ Dieser Konsens gilt für die meisten weiterhin.

Im Stadtrat arbeitet die Überlebende unter anderem mit Geir Lippestad zusammen, der bis vor einem Jahr der Anwalt von Breivik war. „Geir und ich sind gute Freunde“, sagt sie. „Ich finde, das sagt auch viel über unser Land aus.“

Titelbild: Oslo kommune/Sturlason