Wer wird der erste Hip-Hop-Milliardär? Aktuell führt Diddy, den das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf seiner Liste der wohlhabendsten Hip-Hop-Künstler auf 820 Millionen Dollar Privatvermögen schätzt, das Ranking an. Dicht gefolgt von Dr. Dre, der immerhin 740 Millionen Dollar auf dem Konto haben soll. Den wiederum hat gerade Jay Z überholt, aktuell geschätzte 810 Millionen Dollar schwer und zusammen mit Beyoncé und ihren 350 Millionen Dollar das erste „Billionaire Couple“ des Rap. Jay Z und Co. mögen „99 Problems“ haben – Cash ist keins.

Greenback, Spinach, Dough, Dead Presidents – wie sehr der Hip-Hop den Almighty Dollar anbetet, merkt man schon an den unzähligen Kosenamen, die er für ihn fast zärtlich reimt. Geld ist ein Lieblingsthema im US-Hip-Hop. Genau wie Autos, Yachten, Klunker, Designerklamotten, Uhren, Cognac und Champagner wie Moët & Chandon, Dom Pérignon und „Cris“ – Louis Roederer Cristal (ab 160 Euro die Flasche). Einst die Lieblingsmarke der russischen Zaren, später lange Jahre der drink of choice von Jay Z, dem Zaren des „Big Pimpin‘“-Lifestyle.

Natürlich geht es im Pop ganz grundsätzlich um Projektionen. Auch Rockstars gelten gemeinhin nicht als Asketen. Aber keine Musikrichtung hat den Reichtum dermaßen zum Fetisch erhoben wie der Hip-Hop. Der ungehemmte Materialismus gehört zu dieser Musik wie Reime auf Beats. Bloß: Woher kommt eigentlich der Hang zum lustvollen Protzen?

Mit dem Gangster ändert sich die Musik komplett

Es war nicht immer so, dass Rapper künstlerischen und wirtschaftlichen Erfolg gleichsetzten. Als der Hip-Hop in den 1970er-Jahren in der Bronx entstand, war von der heutigen Luxusfixierung nichts zu spüren. Die Musik war eine improvisierte Partykultur, eine Low-Budget-Alternative zu den glitzernden Clubs in Manhattan, in denen die DJ-Kollegen gar nicht mal so unterschiedliche Platten mixten, allerdings für eine andere Zielgruppe mit weitaus größeren finanziellen Möglichkeiten. Während man in Manhattan in den schicken Discos den „Hustle“ aufs beleuchtete Parkett paartanzte, breakten die Hip-Hop-Kids umsonst und draußen auf den Block Partys, bei denen diese Musik entstand. Den entscheidenden musikalischen Unterschied zwischen Disco und Hip-Hop machten die MCs mit ihren Reimen. Ab Anfang der 1980er-Jahre emanzipierten diese sich von den DJs, die bis dahin die Attraktion der Partys waren. Sie wurden die Stars der wachsenden Szene. Ende der 1980er-Jahre änderten sich dann die Themen und Metaphern – mit dem Aufstieg des Gangsters im Rap.

In dieser Figur spiegeln sich zwei gegenläufige Entwicklungen: einerseits der Neoliberalismus unter Präsident Ronald Reagan, andererseits die desaströsen Folgen der Crack-Epidemie. Während Unternehmen im Namen der neoliberalen Effizienz viele einfache Jobs vernichteten und die Devise Selbstverantwortung lautete, statt ein engeres soziales Netz zu knüpfen, eroberte eine neue Droge die Straßen.

Gestreckte Drogen, schnelles Geld

Crack, gestrecktes, rauchbares Kokain, machte in den Innenstädten zahlreiche Menschen süchtig und gerade abgehängte Jugendliche, die sich schnelles Geld und Perspektiven versprachen, zu Dealern, wie der US-Autor Mark Greif in seinem längst zum Klassiker gewordenen Essay „Rappen lernen“ schreibt.

„Jeder, der ehrgeizig, fleißig, charismatisch, rücksichtslos und mit genug Organisationstalent ausgestattet war – mit genau den Begabungen also, die im Kapitalismus ganz allgemein gefragt sind – und keine allzu große Angst vor der Polizei und dem Gefängnis hatte, konnte sich einen Grundstock an Kokain zulegen, diesen in der eigenen Küche zu Crack verarbeiten und sich daranmachen, ein Netzwerk aus Verkäufern aufzubauen.“ Bei einer Arbeitslosigkeit von rund 50 Prozent kam eine ganze Generation schwarzer Jugendlicher in den 1980er- und 1990er-Jahren mehr oder weniger direkt mit dem Handel der Droge in Kontakt.

Mit dem Gangster wird der Hip-Hop aggressiver, aber auch authentischer. Er erzählte von der desolaten Situation in den Innenstädten, und oft genug stammten die rauen Geschichten aus erster Hand. Eazy-E von N.W.A., MC der ersten Supergroup des Gangsta-Rap (für die Dr. Dre die Beats bastelte), war Crack-Dealer. Aber auch Nas, Raekwon, 50 Cent oder eben Jay Z kokettieren gerne mit ihrer mutmaßlich kriminellen Vergangenheit. Und der 1997 ermordete The Notorious B.I.G., ein Freund von Jay Z, reimte: „If I wasn’t in the rap game / I’d probably have a key knee-deep in the crack game“.

Der Hip-Hop samplet den American Dream

Vor allem aber wurde der Rap durch das Charisma der Gangster kommerziell extrem erfolgreich. In den 1990er-Jahren eroberte der Hip-Hop den Mainstream und spülte jede Menge Geld in die Taschen der Rapper, die ihren neu gewonnenen Reichtum auch gerne zeigten. Damit hielt die Selbststilisierung mit Statussymbolen, wie sie der Straßengangster pflegt,  um sein Revier abzustecken und seinen Status zu markieren, Einzug in die Popmusik. Wie schon zuvor im Kino, etwa in den Mafia-Epen der Regisseure Martin Scorsese, Francis Ford Coppola oder Brian De Palma. Vom Straßengangster zum Millionär: Der Hip-Hop sampelt hier den uramerikanischen Mythos des steilen sozialen Aufstiegs.

Und der hat einen gesamtgesellschaftlichen Appeal. In den USA hat Hip-Hop dieses Jahr Rock als meistgehörtes Genre abgelöst. Die Wirtschaftskraft der reichsten Rapper basiert allerdings längst nicht mehr nur auf der Musik. Diddy etwa hat die  Wodka-Marke Cîroc, einen Fernsehsender und seine Modelinie Sean John. Rappen tut er dagegen schon lange nicht mehr. Dr. Dre produziert zwar noch sehr erfolgreich Musik, den Großteil seines Vermögens verdiente er aber mit „Beats by Dre“, der Kopfhörermarke, die er 2014 an Apple verkaufte. Jay Z betreibt den Streaming-Dienst Tidal, in den unlängst der Mobilfunkanbieter Sprint eingestiegen ist (dadurch stieg der Wert des Unternehmens auf 600 Millionen Dollar – laut „Forbes“ mehr als zehnmal so viel, wie Jay Z 2015 bezahlt hat). Außerdem ist er Mitbegründer eines Modelabels und investiert in eine Agentur, die Privatjets vermietet. Nur Drake, nach Birdman auf Platz 5 der Liste der derzeit reichsten Rapper, verdient sein Geld vor allem über seine Musik.

Vorbei sind auch die Tage, an denen sich die Rapper mit Ikonen des globalen Luxus schmückten. Das haben sie nicht mehr nötig. Sie verhalten sich nicht mehr wie jene Emporkömmlinge, als die sie der Roederer-Vorstandsvorsitzende Frédéric Rouzaud einst snobistisch aburteilte, als er sagte, man könne ja keinem verbieten, seinen Cristal-Champagner zu kaufen. Genau das tat Jay Z daraufhin nicht mehr. Stattdessen lässt er einfach seinen eigenen – deutlich exklusiveren – Champagner keltern. Und zwar von seinem eigenen Champagner-Haus.

Reichtum im Rap ist längst keine Projektion mehr, sondern ganz banal: Lebenswirklichkeit. „I’m not a businessman, I’m a business, man“, rappt Jay Z in dem Stück „Diamonds from Sierra Leone“ von Kanye West, das sich kritisch mit den Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter befasst. Und dieser Status bringt ganz neue Wohlstandsprobleme. Etwa dass er schon mal der einzige Schwarze ist, wenn er in den Meetings seiner vielen Firmen sitzt. Darum etwa geht es in seinem aktuellen Album „4:44“. Aber nicht nur darum. Sondern auch um die Wertsteigerung seiner Kunstsammlung, verpasste Immobilieninvestments und Cabrios wie den Bentley Azure.

Titelbild: Prince Williams/FilmMagic/Getty Images