Als Viv Albertine (ganz links) mit elf Jahren ihrem Vater gegenüber verkündet, sie wolle Sängerin werden, sagt der: „Du bist nicht chic genug.“ Um ihre Stimme geht es nicht einmal, aber sein Urteil reicht, um sie für viele Jahre zu entmutigen. Das war Mitte der 1960er-Jahre. Klar gab es damals Musikerinnen wie Joan Baez und Marianne Faithfull oder Girlgroups wie die Supremes. Aber die Idee, dass Frauen etwas anderes sein könnten als schön anzuschauende Sängerinnen, existierte praktisch nicht. Das änderte sich erst mit Punk.

Der wird gerade hoch und runter gefeiert. Dafür etwa, dass er mit der Vorstellung aufräumte, dass man etwas gut können muss, um es zu tun. Drei Akkorde reichten auf einmal, um sich auf eine Bühne zu stellen und zu spielen. Überhaupt konnte man auf einmal alles selbst machen: Kleidung, Plattenlabels, Frisuren. Und Punk führte das Prinzip Schock in die Popmusik ein, etwa mit auf der Kleidung getragenen Hakenkreuzen. Aber Punk brachte noch eine andere, tiefgreifende Veränderung in die Welt: Er half Frauen, von bloßen Groupies und vom hübschen Beiwerk zu Protagonistinnen der Musik zu werden. 

Wie ein Entwicklungsroman lesen sich die Memoiren von Viv Albertine, geboren 1954, die von 1976 bis 1981 in der Band The Slits spielte. In ihrem 2016 in deutscher Übersetzung erschienenen Buch „A Typical Girl“ vollzieht sie ihren Werdegang nach: vom unsicheren Mädchen zur Gitarristin einer der wichtigsten und besten Punk-Bands überhaupt.

Schon als Kind war Albertine besessen von Popmusik: „Ich untersuchte die Plattenhüllen nach Namen von Freundinnen und Ehefrauen. Das war, wie ich Frauen mit der Welt in Verbindung brachte, deren Teil ich sein wollte. Jede meiner Zellen war durchdrungen von Musik, aber der Gedanke, dass ich in einer Band sein könnte, kam mir nicht – nicht in einer Million Jahre –, wie auch? Wer hatte das vor mir getan?“ Einstweilen blieb nur das Dasein als Groupie. 

Bis 1975, das Jahr, in dem Patti Smith ihr Album „Horses“ veröffentlicht. Albertine sieht das Coverfoto, schwänzt am Erscheinungstag die Schule und kauft sich die Platte. Eine Offenbarung. „Patti Smith ist jemand, der es vor den Augen aller wagt, sich gehenzulassen, sie exponiert sich und riskiert, damit auf die Schnauze zu fallen“, schreibt Albertine. „Beim Hören von ‚Horses‘ erschließt sich mir diese Idee: dass die Sexualität einer Frau von ihr selbst bestimmt sein kann, zu ihrem eigenen Vergnügen oder für ihre Kreativität, nicht nur, um damit einen Mann zu bekommen.“ 

Locker machen von den Stereotypen

Nachdem sie die Sex Pistols spielen sieht, kommt ihr der Gedanke: Ich kann das auch. Mit der Unterstützung ihres ersten Freundes, dem The-Clash-Gitarristen Mick Jones, kauft sich Viv Albertine eine elektrische Gitarre und beginnt zu üben. Bald fragen die Slits, ob sie bei ihnen spielen möchte. Anfangs zögert Albertine, Teil einer reinen Frauenband zu werden, weil sie es für effekthascherisch und scheinheilig hält. Immerhin sind die Slits die erste weibliche Punk-Band. Doch schnell weicht ihre Zurückhaltung und macht Platz für Ambition und Stolz: „Ich möchte, dass Jungs auf unsere Konzerte kommen, uns spielen sehen und denken: ‚Ich will Teil dessen sein.‘ Nicht ‚Sie sind hübsch‘ oder ‚Ich will sie vögeln‘, sondern ‚Ich will in dieser Gang, in dieser Band sein‘“.

Dabei lernt die 22-Jährige viel von der Frontfrau der Band, der gerade einmal 15-Jährigen Ari Up, die sich kein bisschen darum schert, ob sie auf der Bühne attraktiv aussieht. Einmal pinkelt Ari Up sogar während eines Konzerts auf offener Bühne – einfach weil es eben dringend sein muss. Umso bewusster wird Albertine, wie problematisch ihr Verhältnis zu ihrem eigenen Körper ist. „In meiner Arbeit hinterfrage ich ständig Stereotype, gleichzeitig werde ich immer noch von dem Stereotyp der Weiblichkeit in meinem Kopf unterjocht“, schreibt sie. Dank Ari Up schafft es Viv Albertine irgendwann, sich locker zu machen. So weit, dass sie sich manchmal zum Spaß einen Tampon mit roter Farbe an die Ohren hängt und ihn einmal da vergisst – zum Entsetzen ihrer Mitfahrer im Bus. 

Als Band ziehen die Slits eine Menge Hass und offene Aggression auf sich – vor allem von Männern. Man verlacht, beschimpft und bespuckt sie. Ari Up wird zwei Mal mit einem Messer attackiert. Weil sie nicht sind, wie Mädchen damals zu sein haben. Sie sind nicht die Einzigen, die sich gegen die Klischees auflehnen: „Oh Bondage! Up yours!“ heißt das bekannteste Stück der Band X-Ray Spex von 1977. „Manche Leute denken, dass kleine Mädchen gesehen, aber nicht gehört werden sollten“, singt Frontfrau Poly Styrene darin. „Oh Unfreiheit, du kannst mich mal!“

„Typical girls don't rebel“ - von wegen!

Gerade mal fünf Monate nachdem Albertine das erste Mal eine Gitarre in die Hand genommen hat, gehen die Slits mit The Clash auf Tour, sie werden vom legendären John Peel eingeladen, in seiner Radioshow auf BBC zu spielen, und unterschreiben einen Plattenvertrag. In ihrem größten Hit, dem von Viv Albertine geschriebenen „Typical Girl“, fassen sie zusammen, welche Eigenschaften Mädchen üblicherweise zugeschrieben werden: „Typical girls stand by their man / Typical girls are really swell / Typical girls learn how to act shocked / Typical girls don’t rebel“. 

„In einer Zeit, in der das weit verbreitete Bild einer Feministin übermäßig schlecht gelaunt und militant aussah, waren die Slits lustig und verspielt“, heißt es in dem 2016 von dem Musikmagazin „Pitchfork“ veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Die Geschichte des feministischen Punk in 33 Songs“. Und obwohl die Slits das Etikett „feministisch“ damals ablehnten, waren sie genau das. 

Und wie sich das gehört für Punks, waren sie auch fies. Eines Abends treten sie in derselben Show im niederländischen Fernsehen auf wie die Schwester des Musikers Mike Oldfield, Sally. „Sie trug eine Art Bauernkleid und trällerte mit ihrer Kleinmädchenstimme. Hinterher gingen wir zu ihr und sagten ihr, dass sie scheiße sei und nur Stereotype verstärke. Sally brach in Tränen aus.“

Für viele der unmittelbar Beteiligten starb Punk schon wieder im Sommer 1977, als der Medienrummel um die Sex Pistols losging. Aber das emanzipatorische Potenzial, das er entfesselt hatte, beeinflusste nachfolgende Generationen von Bands wie Le Tigre, Sleater Kinney und Hole – und tut es noch immer. Heute, 40 Jahre nach der Geburt des Punk, tragen junge Bands wie Skinny Girl Diet dessen Geist weiter.

„Ich denke, dass es Frauen waren, die seit den 1970er-Jahren die interessanteste, fesselndste, zauberhafteste, überraschendste und intensivste Musik gemacht haben“, sagte der einflussreiche britische Musikjournalist Greil Marcus 2015. „Und das ist keine ideologische Aussage. Das ist einfach, wie es ist.“ Der Punk war es, der es Musikerinnen erlaubte, sich freizuspielen. 

Titelbild: Kevin Cummins/Getty Images

Als Anne Waak, geboren 1982, begann, sich für Musik zu interessieren, hatte ihr jüngerer Bruder bereits seine Liebe zum Punk (allerdings dem der kalifornischen Ausprägung) bekundet. Die Autorin wandte sich daraufhin dem denkbar unpunkisten Genre zu: dem Europop von Ace of Base.

Hier gehts zum ersten Teil von „40 Jahre Punk“: Warum die Wut zurück in die Popmusik kam und was das mit dem heißen Sommer 1976 zu tun hat.