Hannes Wader – Die Moorsoldaten (1977)

Im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg 1933 von Häftlingen komponiert, hat es später Ernst Busch auch im spanischen Bürgerkrieg für die Internationalen Brigaden gesungen. Was solche Zwangsarbeiterlieder für eine Kraft haben, ist ja eigentlich unglaublich: Die Lage ist aussichtslos, Flucht würde nur das Leben kosten, aber dennoch wird der ungewissen Zukunft eine vielstimmige Hoffnung abgetrotzt, „ewig kann’s nicht Winter sein“. Vielleicht der einzige Weg, wo ich so großes menschverbindenes Pathos des Zusammensingens gerechtfertigt finde. Perverse Fußnote bei diesem Lied: Die SS-Schergen fanden es angeblich ebenfalls so erhebend, dass sie es mitsangen.

Gunter Gabriel – Hey Boss, ich brauch mehr Geld (1974)

Es fängt scheinmutig an: „Ich hab immer den Mund gehalten, aber heute muss es raus: Hey Boss, ich brauch mehr Geld!“ Leider nicht, weil der Arbeitgeber die Belegschaft mit Hungerlöhnen abspeist oder die sich als kämpferische Stimme den guten alten streitsüchtigen Wahl-Hamburger Günther Caspelherr aussuchte, um grundlegende Veränderungen in der Firma durchzusetzen. Nein, Männe selber braucht die Knatze, weil – kein Witz – sein Sohn inzwischen keine Zeitungen mehr austrägt. Und feiern will man ja auch mal wieder. Das lächerlich egoistische Stück ist ein Hohn auf jeden Solidaritätsgedanken in Arbeiterbewegungen. Und damit auch krüppeliger Teil der schlimmen Wahrheit, dass erst das Fressen und dann die Moral kommt.

 

The Beatles – A Hard Day’s Night (1964)

Die damals schwer schuftende (Frisur, Girls, Karriere) Gruppe mit ihrer Interpretation, warum alles so scheiße am Tag und so geil in der Nacht ist. Zuhause wartet jemand voll sehnender Sucht - und man selber muss draußen arbeiten wie ein Hund: „When I'm home, everything seems to be right“, twangtwang. Tja, spießiger kann man es kaum ausdrücken. Erst später haben auch diese vier Talente ihre Freiheit anders definiert und Luft an music and minds gelassen. Übrigens kam sechs Jahre danach Lennon mit dem mächtigen „Working Class Hero“ und war so sozialkritisch, wie seither ihn alle erinnern.

Franz Joseph Degenhardt – Sacco und Vanzetti (1972)

Was oft untergeht: Ennio Morricone hat enorme Musik für viele italienische Arbeiterfilme und Sozialdramen komponiert, in denen die Kraft und das Elend der ausgebeuteten Klasse tränenziehend zusammenkommen. Der Maestro ist sehr gut bei chorälen Liedern oder in Kampfhymnen, die Revolutionen illustrieren. Sein bewegendes, zusammen mit Joan Baez komponiertes "Here's to You" hat Degenhardt eingedeutscht und um einen historischen Kommentar erweitert, der dem Original eine erstaunliche Dringlichkeit gibt. Welches Schicksal die beiden amerikanischen Arbeiterführer und Anarchisten Sacco und Vanzetti ereilte, vergisst man dann nie wieder. Die Version von Degenhardt ist leider nicht bei Youtube. Daher hier Joan Baez.

Dackelblut – Auch Killer müssen waschen gehen (1995)

In dieser prächtigen, viel zu unbekannten Punk-Groteske ist alles drin zum Thema Arbeit: Lohnarbeit vs. Hausarbeit, Reproduktion, Geschlechterverhältnisse, Hymnenchöre. Worum es geht: Als Auftragsmörder ist ihmchen erfolgreich, als Hausmann aber eine faule Niete – der Streit mit der Alten ist da. Sie verlangt mehr: „Du kannst auch zuhause mal was machen, jetzt geht’s in den Wäschekeller!“ Der Song gibt allen Frauen die goldenen Worte an die gegerbten Hände „60 Grad, 90 Grad, 100 Grad, Pulver rein, Wasserhahn aufgedreht, so einfach kann das alles sein! Auch Killer müssen waschen gehen!“ Macht indes auch jedem Typen Mut, wenn einen die Hausarbeit zu entmannen droht.

Robert Wyatt – Age of Self (1985)

Dieses einsame antikapitalistische Weihelied steht hier für die vielen, tragikschönen englischen Songs aus den 80er-Jahren, in denen die musikalische Linke des Landes die harten Thatcherjahre verarbeitete („Ghost Town“ der Specials, „Flag Day“ der Housemartins, Style Council, Billy Bragg, Redskins etc). „Age of Self“ wurde vom Sozialisten Wyatt ursprünglich im Jahr 1982 zur Unterstützung der englischen Minenarbeiter aufgenommen. Herauskommt aber zum Glück keine die Arbeiterklasse vereinigende Powerballade mit schlechter Melodie. Sondern eine lyrische Analyse getragen von der einsamsten Stimme der Welt und einer Orgel über einem halbmaschinellen Groove: „And it seems to me if we forget our roots and where we stand/The movement will disintegrate like castles built on sand“. Ja, leider.

Deichkind – Arbeit nervt (2008)

Das moderne „Bella Ciao“: Kaum spricht man den Titel aus, hat man den Groove dazu auf der Zunge. Arbeit nervt, dadatdaa, dadatdaa, dadatdaa. Wer heutzutage ermüdend lange vor dem Appelchen sitzen muss, dem geht das moderne Sich-selber-Ausbeuten eh leichter von der Hand, wenn man ab und zu die Deichkind-Säge macht. Alle eiern, alle feiern – sogar den Arbeitshass verlustigt man. Bis man sich selbst aus dem Arbeitskarussell entlässt: „Geh du da mal lieber ma hin für mich!“

Tennessee Ernie Ford – Sixteen Tons (1955)

Ein sehr gutes Beispiel dafür, wie aus einem kritischen, die Missstände hart anklagenden Realsong ein lockerer Schlager wird. In der ersten Version von Merle Travis, aufgenommen 1946, geht es um die schwere Plackerei in einer amerikanischen Bergbau-Mine. Die Sonne sieht man nicht mehr und für deine abgebauten 16 Tonnen bekommst du nichts als Wertmarken, die du nur ungünstig in den firmeneigenen Geschäften einlösen kannst – die Schuldenspirale beginnt. Tennessee Ernie Ford fügt der Klage durch Fingerschnippen die poppige Note hinzu und landet einen Millionenseller. Inzwischen ist der einst bittere Song in hunderten von Versionen weltweit entfremdet: Vielleicht am irrsten in Deutschland, wo Ralf Bendix 1956 daraus die Kleinkapitänshymne „Sie hieß Mary-Ann“ machte. Aus der Grube hinaus auf See: ganz gute Karriere für ein Arbeiterlied.

Renate Fresow – Brot und Rosen (1978)

„Und wenn ein Leben mehr ist als nur Arbeit, Schweiß und Bauch, wollen wir mehr: gebt uns das Brot, doch gebt die Rosen auch.“ 20.000 Frauen kämpfen 1912 beim „Brot-und-Rosen-Streik“ in Lawrence, Massachusetts für gerechten Lohn (Brot) und menschenwürdige Arbeits- und Lebensumgebung (Rosen). Bis heute ein ikonografischer Song. In internationalen Frauenbewegungen existieren – wie man bei der Recherche von Arbeiterliedern schmerzend erfahren muss – sackviele verkitschte Versionen: Das Genre ist wirklich anfällig für schlimmste Musik. Gefühle kriegen jedes Lied groß, aber auch klein. Eine schöne deutsche Chorversion ist diese hier:

K.I.Z. – Boom Boom Boom (2015)

Äh, das soll ein Arbeiterlied sein? Allerdings! Das ist „gelebte Volkskultur, die sich immer wieder an die zeitgenössischen Umstände anpasst und damit ständig selbst jung hält“ – so lautet nämlich die Beschreibung der Deutschen UNESCO-Kommission für das immaterielle Kulturerbe von Arbeiterliedern. Voll erfüllt. Das Arbeiterlied beschreibe „das Leid aber auch die willensstarke Gegenkraft (...) durch die Zeit“. Und wie heißt es bei K.I.Z: „Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen/Mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen?“

Gereon Klug betreibt den Plattenladen Hanseplatte in Hamburg. Er ist ein Großpoet der kleinen Form: Seine lustigen Newsletter haben eine so große Fanschar, dass aus ihnen das Buch „Briefe gegen den Mainstream“ geworden ist.

Titelbild: Homer Sykes/Getty Images