Zwischen Kränen, Containern und unverputzten Fassaden lotst Olivier Osomati Besucher in sein Zuhause. Noch fehlt das Straßenschild an der Rue Frida Kahlo, die Ladenräume im Erdgeschoss des futuristischen Reihenhauses stehen leer. Dafür gibt es frisch bepflanzte Innenhöfe, freie Parkplätze und erste Vorhänge hinter asymmetrischen Fensterfronten. Willkommen im Viertel Les Docks, der Banlieue de luxe am äußeren Zipfel des Pariser Vorortes Saint-Ouen.

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Banlieue de luxe: Arm und Reich leben am Pariser Stadtrand jetzt vis à vis   (Foto: Jean-Daniel Sudres/hemis.fr/laif)
Banlieue de luxe: Arm und Reich leben am Pariser Stadtrand jetzt vis à vis (Foto: Jean-Daniel Sudres/hemis.fr/laif)

Mit einer elektronisch lesbaren Plastikkarte öffnet der 37-Jährige Grafiker erst die Hof- und dann die Haustür. „Vielleicht hatten die Bauherren Angst vor Dealern“, grinst er. Saint-Ouen im Norden der Hauptstadt hat knapp 50.000 Einwohner und zählt laut Kriminalstatistik zu den gefährlichsten Städten Frankreichs. Einzig seinem nostalgischen Flohmarkt verdankt der Ort auch ein wenig positives Image. Für die Verbindung von Paris hierher gilt das weniger: Die Metro-Linie 13 ist stets überfüllt, was die Fahrt deprimierend, manchmal unerträglich werden lässt. Saint-Ouen ist auch seit Jahren Hochburg des Cannabishandels. Verfeindete Banden kämpfen um die Herrschaft über das heiße Pflaster, Schießereien und Überfälle sind keine Seltenheit. So sorgt die Banlieue immer wieder für Schlagzeilen.

Um die Innenstädte zu entlasten, wurden ab den 50er-Jahren Hochhausburgen in günstigeren Randlagen gebaut. Seinerzeit galten sie als adäquate Antwort auf die herrschende Wohnungsnot. Schnell jedoch scheiterte der Traum von sozial durchmischten, modernen Vorstädten. Die Bevölkerung litt nicht nur unter räumlicher, häufig auch unter sozialer Ausgrenzung. Die zweite und dritte Generation der Banlieue-Bewohner, knapp über die Hälfte davon mit Einwanderungshintergrund aus den ehemaligen französischen Kolonien wie dem Maghreb, Senegal oder Mali, wurden häufig stigmatisiert, und es mangelte ihnen an Perspektiven. In den 90er-Jahren geriet die Lage mehr und mehr außer Kontrolle. Manche der Bewohner äußerten ihren Frust über ihre Lage durch Gewalt und Vandalismus. Im Jahre 2005 schließlich kam es landesweit zu gewalttätigen Ausschreitungen, nachdem zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei zu Tode kamen.

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Auch ein harter Kontrast: Der beliebte Nostalgik-Flohmarkt inmitten des sozialen Brennpunkts Saint-Ouen (Foto: Jean-Daniel Sudres/hemis.fr/laif)
Auch ein harter Kontrast: Der beliebte Nostalgik-Flohmarkt inmitten des sozialen Brennpunkts Saint-Ouen (Foto: Jean-Daniel Sudres/hemis.fr/laif)

Städtebaulich ist seitdem viel passiert. Dennoch bleiben einige Viertel, so auch Saint-Ouen, mancherorts soziale Brennpunkte. Olivier zog mit seiner Freundin Wuthina im Juni her: in ein halb fertiges Haus, mitten in einem Stadtteil, der am Reißbrett entstanden ist und dessen Bewohner erst noch in ihre Alltagsroutinen hineinfinden müssen. Zwei Jahre zuvor hatte Olivier sich für die 62 Quadratmeter große Eigentumswohnung entschieden. Bei der ersten Besichtigung stand er vor Baugruben und Betonpfeilern. Les Docks wurde innerhalb kurzer Zeit auf einer Industriebrache hochgezogen. Ein Vorzeigeprojekt, das der Gemeinde 20 Prozent Bevölkerungszuwachs und dank neu geschaffener Büroflächen und der damit notwendigen Infrastruktur bis 2025 Tausende Arbeitsplätze bescheren soll: Bauen gegen das schlechte Image. Jung, urban, transparent und vor allem sicher.

Auf den Knien schneidet Wuthina Holzplatten für den kleinen Balkon zurecht. Erdbeeren, Rosmarin und Eisenkraut sind gepflanzt, weitere botanische Versuche hat das Paar im Gemeinschaftsbeet auf dem Hausdach gestartet. „Seit Baubeginn tauschten wir unsere Ideen in einem Online-Forum aus“ – mit anderen Banlieue-Neuankömmlingen, den Nouveaux Banlieusards, zwischen denen in dem Forum auch eine Art digitaler Nachbarschaft entstanden ist. „Es ist amüsant zu sehen, wie sich hier unsere Gewohnheiten ändern. Essen gehen um 22 Uhr geht nicht mehr, denn da hat schon alles geschlossen“, sagen die beiden. Vielleicht sollte man sich ein Fahrrad zulegen? Auf Spaziergängen Arbeiterkneipen und Architekturschätze entdecken? Ihr neues Vorstadtleben erproben sie wie neugierige Pioniere, mal freudig-naiv, mal mit gesunder Skepsis.

Ihr Ruf als „Vertreiber“ hat sie nachdenklich gemacht

Derzeit arbeitet Wuthina als Verwaltungsangestellte und spielt ab und an mit dem Gedanken, der PCF, der Kommunistischen Partei, beizutreten – „um Saint-Ouen zurückzuerobern“, scherzt sie. Seit den letzten Kommunalwahlen regiert ein rechts-konservatives Bündnis, nach 69 Jahren linker und kommunistischer Regierungen. Dass Leute wie sie selbst als Bobos (Bourgeois-bohèmes) verschrien seien, als die besser situierten Mittelschichtler, die Alteingesessene verdrängen und die Gentrifizierung von Saint-Ouen vorantreiben, geben sie zu. Heute beschäftigt sie das Thema Gentrifizierung mehr als jede Pariser Hipster-Bar. Ihr Ruf als „Vertreiber“ ärmerer Menschen hat sie nachdenklich gemacht.

Gleichzeitig träumen sie noch von einer sozial durchmischten Stadt, in der sich Einkommen, Bildungsniveau und Herkunft der Bewohner unterscheiden. Die Stadt verspricht, 40 Prozent der neuen Appartements als Sozialwohnungen bereitzustellen. Weil die Arbeitslosenquote bei rund 20 Prozent liegt, hängt viel vom Erfolg des 660 Millionen Euro teuren Projekts ab. 1,8 Millionen Franzosen warten derzeit auf eine solche staatliche Wohnhilfe. Doch Kritiker in der Stadtverwaltung fürchten den Dominoeffekt steigender Mieten in den angrenzenden Wohngebieten. Les Docks wird auch die nähere Umgebung attraktiver erscheinen lassen und damit für Besserverdienende interessant machen.

Wie Les Docks und deren Bewohner Saint-Ouen verändern werden? Olivier schaut über Kräne und Hochhaustürme auf die abendliche Silhouette von Paris: „Die letzten Neubauten am Rand dürfen uns auf keinen Fall von dem Rest der Stadt abkapseln. Alles muss ineinander übergehen und zusammenfließen“, sagt er. Zu lange lag der Fluch der Ausgrenzung über Frankreichs Vorstädten, der Fluch, mit niedrigem Einkommen und Bildungsniveau sozial abgehängt zu werden.