Würde man Menschen auf der Straße fragen, wie Flüchtlinge typischerweise mit Nachnamen heißen, würden viele angesichts der aktuellen Krisengebiete vermutlich direkt an Syrien oder den Irak denken, zur Antwort bekäme man vielleicht Abdalla oder Hamdan. Dabei können Flüchtlinge auch Müller oder Meier heißen. Einige von ihnen kennen wir sogar aus dem Staatsdienst: zum Beispiel den ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, der aus dem heutigen Ostpolen floh. Oder wir kennen sie als Innenminister, wie Thomas de Maizière. Die Flüchtlingsvergangenheit seiner Familie trägt er noch im Namen: Seine Vorfahren waren französische Hugenotten.

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Das lässt tief blicken: Allein im 20. Jahrhundert wechselten bis zu 100 Millionen Menschen ihren Wohnort, weil sie mussten (Foto: Thomas Ferguson)
Das lässt tief blicken: Allein im 20. Jahrhundert wechselten bis zu 100 Millionen Menschen ihren Wohnort, weil sie mussten (Foto: Thomas Ferguson)

Mit dem Begriff „Hugenotten“ wurden seit dem 16. Jahrhundert die Protestanten in Frankreich bezeichnet. In dem mehrheitlich katholischen Land wurden sie diskriminiert und verfolgt, prominente Vertreter wurden aus Fenstern gestürzt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Im 17. Jahrhundert flohen deshalb die de Maizières aus Metz nach Brandenburg im damaligen Preußen.

Die Hugenotten waren nicht die einzige Gruppe der Weltgeschichte, die ihrer Heimat entfloh, und auch nicht die größte. Allein im 20. Jahrhundert wechselten bis zu 100 Millionen Menschen ihren Wohnort, weil sie mussten: infolge von Kriegen, Epidemien, aus Hunger oder religiösen Gründen.

Etwa zur selben Zeit, als die Hugenotten in Frankreich verfolgt wurden, drängten sich im Hafen des englischen Plymouth gut 100 Personen auf ein altes Transportschiff. Es waren radikale englische Calvinisten, die die anglikanische Kirche ebenso ablehnten wie die katholische. Um religiöser Verfolgung zu entkommen, setzten sie Segel nach Westen.

Erschöpft von 66 Tagen Reise, mit faulen Zähnen und frommen Gedanken, stiegen sie dann im November an der Küste des heutigen Massachusetts von Bord der Mayflower. Den kommenden Winter überlebte nur etwa die Hälfte von ihnen, viele starben an Krankheiten in der eisigen Kälte. Doch die Überlebenden schufen eine der wichtigsten Kolonien in der amerikanischen Geschichte. Der Mythos der „Pilgerväter“ ging in die Geschichte ein. Wenn zu Thanksgiving in Kalifornien, New York oder Texas ein Truthahn auf den Tisch kommt, gedenken Amerikaner damit der Hilfe der Einheimischen, die die Pilgerväter im Winter durchfütterten, sie im nächsten Frühling mit Saatgut versorgten, ihnen Fischgründe und Wildwechsel zeigten und ohne die die Kolonisten nicht überlebt hätten. Und sie gedenken ihrer ersten Ernten in der neuen Welt.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein zwangen nicht nur religiöse Gründe, sondern auch Hungersnöte die Menschen zur Flucht. John F. Kennedy hätte nie Präsident der Vereinigten Staaten werden können, wenn sein Urgroßvater Patrick nicht 1849 vor der großen Hungersnot in Irland geflohen wäre.

„Meine Heimat ist die deutsche Sprache“

Auch im 20. Jahrhundert rissen die Flüchtlingsströme nicht ab, wobei nun oft Kriege der Grund waren. Wohl dem, der wie der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann sagen konnte: „Meine Heimat ist die deutsche Sprache.“ Wie viele Wissenschaftler, Schriftsteller und Politiker, jüdische und nichtjüdische, emigrierte er in den 1930er-Jahren aus Furcht vor den Nationalsozialisten. Doch längst nicht jeder konnte damals so frei reisen wie der Literat. Für die Juden, die durch Vertreibung und Vernichtung einem ungeheuren Verfolgungsdruck ausgesetzt waren, gab es in den meisten Ländern Einreisekontingente, die kaum ausreichten. Als immer mehr Grenzen für sie geschlossen wurden, flohen rund zwanzigtausend Juden sogar bis nach Schanghai, viele Tausend Kilometer weit. Kaum ein Land wollte sie damals aufnehmen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges rückte dann die Rote Armee immer weiter vor und schlug ab 1944 mehr als 12 Millionen Menschen aus den bald ehemaligen östlichen Gebieten des Deutschen Reiches und deutsche Siedler in ost-, mittel- und südosteuropäischen Ländern in die Flucht gen Westen – vor allem in das heutige Deutschland und nach Österreich. Sogenannte Vertriebenenstädte wie etwa Espelkamp im Nordosten Nordrhein-Westfalens entstanden erst durch die Ansiedelung von Flüchtlingen. Weitere Flüchtlinge fanden Unterschlupf bei wildfremden Familien, denen sie oft zwangszugewiesen wurden.

Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten setzte wieder eine Ost-West-Wanderung ein. Gut 2,5 Millionen Menschen flohen nach 1949 bis zum Mauerbau aus der DDR. Ost und West lieferten sich dabei einen Schlagabtausch der Begriffe. „Republikflüchtlinge“ nannte man die Fliehenden in der Bundesrepublik; es klang nach Armut und Verfolgung. „Republikflüchtige“: So nannte man sie in den Zeitungen der DDR. Das Wort „Flüchtige“ sollte hingegen eher an Fahnenflucht erinnern – an jemanden, der seinen Posten illegal verlässt und damit sein Land verrät. Einige der DDR-Flüchtlinge überquerten übrigens die Grenze aus ökonomischen Gründen. Sie waren also das, was man heute Wirtschaftsflüchtlinge nennt. Aufgenommen wurden sie natürlich trotzdem.

Jan Ludwig lebt als freier Journalist in Israel und ist dort umgeben von vielen verschiedenen Flüchtlingen, zum Beispiel jüdischen aus Äthiopien und dem Jemen, christlichen aus dem Westjordanland, muslimischen aus Gaza. Seine eigenen Großeltern väterlicherseits kamen nach 1945 aus dem heutigen Tschechien nach Deutschland, „mit nicht mehr als einer Kaffeetasse“ – so die Familienerzählung.