Alexander Hemker hat es hinter sich. Das Mobbing und die Schule auch. Aber losgelassen hat den heute 23 Jahre alten Hamburger das Thema nicht. Er sei nun mal, sagt er, das Gesicht von „Schüler gegen Mobbing“ und wolle es bleiben. Zum einen, weil er dieses Selbsthilfeangebot vor neun Jahren gegründet hat, aber auch, weil es nicht einfach wäre, einen Schüler zu finden, der Hemkers Nachfolge antreten will. Es gehört ja schon Mut und Energie dazu, sich öffentlich dazu zu bekennen, ein Opfer zu sein. Einer, den andere ausgrenzen und niedermachen. Nicht der coole Typ im Zentrum, sondern der Loser am Rand.

cms-image-000046729.jpg

Mehr als nur Pöbelei: Beim Mobbing kommt es nicht selten zu körperlichen Angriffen (Foto: Julian Röder/OSTKREUZ)
Mehr als nur Pöbelei: Beim Mobbing kommt es nicht selten zu körperlichen Angriffen (Foto: Julian Röder/OSTKREUZ)

Alexander Hemker war von Mitschülern als „Spasti“ und „Missgeburt“ beleidigt worden, beklaut und mit Schlägen bedroht. Mit 14 Jahren hatte er dann genug Mut gesammelt. Das Schuljahr ging zu Ende, und er fasste zwei Entschlüsse: die Schule, an der er gemobbt wurde und an der er keine Hilfe fand, zu wechseln und anderen, denen es wie ihm erging, zu helfen. Er begann mit einem Chat. 2007 brachte er dann mit Hilfe eines Freundes, der sich ein bisschen mit Webprogrammierung auskannte, seine Website schueler-gegen-mobbing.de heraus.

Ihr Kernstück ist bis heute das Forum. Hier können sich Eltern und Lehrer Rat holen; vor allem aber ist die Plattform ein Angebot für Betroffene, von sich zu erzählen, und von Menschen mit gleichen Erfahrungen Unterstützung zu erhalten. Und zwar anonym, ohne Gefahr zu laufen, gleich dafür gedisst zu werden, dass man sich zu seinem Problem bekennt. Abertausende Einträge gibt es unter verschiedenen Stichworten, mehr als 20 Millionen Mal sind die Forumseiten schon aufgerufen worden.

Das ist einerseits ein Erfolg, andererseits ein alarmierender Hinweis darauf, wie verbreitet Mobbing ist und wie tabuisiert. Obwohl das Thema inzwischen oft in den Medien aufgegriffen wird. Allerdings sollte man aufpassen, den Begriff nicht inflationär und für alle möglichen Konflikte zu verwenden. Auch wenn das englische Wort „mob“ als Substantiv Pöbel und als Verb pöbeln bedeutet und damit auf fast jeden Streit anwendbar wäre. Aber nicht jeder Konflikt ist gleich Mobbing, sagt Hemker und definiert auf seiner Website: „Mobbing ist eine Gruppenaktion, die durch systematische, anhaltende, konsequente und geplante Aktionen einer großen Gruppe auf ein Opfer ausgetragen wird. Dabei werden psychische und physische Angriffe gegen den Gemobbten verwendet.“

Jeder kann zum Opfer werden

Als Hemker seine Website startete, war eines noch kein allzu großes Thema: Cybermobbing. Das hat sich inzwischen dramatisch verändert und hat zu einem neuen Dilemma für die Opfer geführt, das Hemker besonders betont: Beim Cybermobbing gibt es kein Entrinnen mehr. Den Mobbern selbst kann der Gepeinigte zumindest vorübergehend aus dem Weg gehen, wenn die Schule vorbei ist, im Internet aber wird er auch zuhause noch verfolgt.

Mobbende Gruppen kann man sich so vorstellen: vorneweg die Anführer, die den miesen Ton vorgeben, dahinter die Mitläufer, die sich oft fügen, um selbst nicht zum Gemobbten zu werden. Am Rande gibt es noch diejenigen, die zusehen und sich nicht einmischen. Und ihnen allen gegenüber, ganz alleine, steht das Opfer. Hemker weiß: „Zum Opfer werden kann jeder.“ Vielleicht, weil er verschlossen ist oder verschroben, vielleicht ein bisschen linkisch oder einfach eigenwillig, vielleicht weil er bloß schlauer als die anderen ist. Oder, oder, oder …. „Ich kann jemanden nicht mögen, aber ich muss die Person deswegen nicht fertigmachen“, plädiert Hemker für Toleranz und schiebt gleich eine Ausnahme hinterher: die Mobber selbst. „Keine Toleranz bei Intoleranz!“

Zurzeit studiert Hemker Wirtschaftswissenschaften in Frankreich, im kommenden Jahr, so ist der Plan, wird er mit zwei Masterabschlüssen auf Arbeitsuche gehen. Um die Website kümmert er sich zwar noch, aber das Forum wird schon von anderen Moderatoren betreut, und die persönliche Beratung, die Hemker neun Jahre lang leistete, hat er in diesem Sommer aufgegeben. 1.800 persönliche Gespräche mit Betroffenen, Eltern und Lehrern hat er gezählt. So wichtig das sei, sagt er, ihm fehle die Zeit, diese ehrenamtliche Arbeit weiter zu leisten. Und aus dem Angebot ein Geschäft zu machen kommt für ihn nicht in Frage. Weil er aber nun mal eine Menge Wissen angesammelt hat und ihm das Thema sehr am Herzen liegt, arbeitet Alexander Hemker gerade an einem Buch über Mobbing in der Schule.

Die Autorin Katrin-Weber Klüver fragt sich, wie die Mobber als Erwachsene über ihr Handeln denken werden. Wenn sie denn überhaupt darüber nachdenken.