Wer die jordanische Hauptstadt Amman verlässt und der Straße des Todes folgt, wie sie die Jordanier nennen, trifft nach einer guten Stunde auf ein weiß gesprenkeltes Tal in der Wüste. Die syrische Grenze ist gerade mal 50 Kilometer entfernt, dahinter explodieren die tödlichen Fassbomben des syrischen Regimes, die Höllenkanonen der bewaffneten Opposition und die Sprengsätze der IS-Terroristen, durchdringen Gewehrkugeln die Leiber von Kämpfenden und Zivilisten. Jordanien ist zum Sehnsuchtsort geworden, Flüchtlingsströme ergießen sich in das Land. 623.100 waren es laut dem jüngsten UNHCR-Bericht im Jahr 2014. Männer, Frauen und Kinder fliehen aus einem Krieg, der die Zukunft von Generationen gefährdet.

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Muzoon ist eine kleine Berühmtheit im Camp. Sie setzt sich gegen Kinderehen ein, schreibt gegen das Unrecht, betreibt Aufklärungsarbeit (Foto: Sascha Montag)
Muzoon ist eine kleine Berühmtheit im Camp. Sie setzt sich gegen Kinderehen ein, schreibt gegen das Unrecht, betreibt Aufklärungsarbeit (Foto: Sascha Montag)

Nun wohnen sie unweit der Grenze, über 20.000 Flüchtlinge in einem Camp aus weißen Wellblechcontainern. Auch Muzoon Al-Mleihan, 16, lebt hier mit ihren Eltern und ihren drei jüngeren Geschwistern. Das Mädchen mit dem ernsten Blick und den geröteten Wangen ist eine kleine Berühmtheit im Camp. Sie setzt sich gegen Kinderehen ein, schreibt gegen das Unrecht, betreibt Aufklärungsarbeit. Sogar mit der jungen Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai, die sie in ihrem Engagement bestärkte, hat sie sich schon getroffen.

„Kinderehen sind ein Trend, der mir das Herz bricht“, sagt Muzoon. „Mädchen in meinem Alter sollten Schuluniformen tragen, keine Hochzeitskleider.“ Die Schülerin ist kein Mädchen, das aus Gefälligkeit lacht, wenn sie spricht. Ihr Blick ist ernst, vom Krieg und der Flucht geprägt, die sie aus ihrer Kindheit gerissen und in die Erwachsenenwelt geschleudert haben. „Ihre Bildung ist eine Waffe, ihre Zukunft. Das Haus putzen und die Kinder hüten können sie später immer noch.“ Deswegen geht sie durch den staubigen Sand von Container zu Container, spricht mit den Eltern, den Töchtern und warnt sie vor den Folgen einer fehlenden Schulbildung. „Ich habe keine Angst“, sagt Muzoon mit lauter, fester Stimme. Von Kritik lässt sie sich nicht einschüchtern, im Gegenteil, jedes kritische Wort, jede Tür, die sich schließt, motiviert sie umso mehr.

Sie erzählt von ihrer Freundin Abir, die sie an ihrem ersten Tag in der Schule im Flüchtlingscamp kennenlernte. „Ich habe sie bewundert, sie war eine gute Schülerin. Doch plötzlich kam sie nicht mehr zum Unterricht.“ Abir hatte geheiratet, ohne ihre Freundin einzuweihen, mit gerade mal 15 Jahren. „Sie hatte so viel Potenzial“, sagt Muzoon, „doch die Schule besuchte sie nie wieder.“

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Über 20.000 Flüchtlinge wohnen unweit der jordanisch-syrischen in einem Camp aus weißen Wellblechcontainern (Sascha Montag)
Über 20.000 Flüchtlinge wohnen unweit der jordanisch-syrischen in einem Camp aus weißen Wellblechcontainern (Sascha Montag)

Abirs Schicksal ist kein Einzelfall. Der Krieg in Syrien geht in sein fünftes Jahr. Nach Monaten und Jahren im Exil verarmen die Flüchtlingsfamilien zunehmend, ihre Ersparnisse sind aufgebraucht. Und ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht. Die Eltern fürchten um die Sicherheit und Zukunft ihrer Töchter und stimmen Hochzeiten zu, die überhastet und aus der Not heraus geschlossen werden. In den Camps sind Hochzeiten an der Tagesordnung, mal kommt der Bräutigam von außerhalb und nimmt seine Braut mit, mal zieht sie mit ins Zelt oder den Container seiner Familie.

Die Männer sind oft Syrer, manchmal aber auch Jordanier auf der Suche nach einer jungen, gefügigen Braut. Für junge Flüchtlingsfrauen bedeutet die Ehe fast immer den Beginn eines Lebens als Hausfrau und Mutter. Und die Zahl der Kinderehen steigt unter den syrischen Flüchtlingen rapide an. Vor Beginn des bewaffneten Konflikts waren 13 Prozent der syrischen Mädchen bei ihrer Heirat jünger als 18 Jahre. Im ersten Quartal 2014 heiratete nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF bereits jedes dritte Mädchen im Kinder- und Jugendalter. Tendenz weiter steigend.

Und das sind nur die offiziellen Zahlen, viele Ehen werden ohne Eintrag beim Gericht vollzogen, ohne offizielle Papiere. Nicht selten verlässt der Mann seine Frau nach ein paar Monaten wieder, macht sich auf die Suche nach der nächsten Jungfrau. „Die Frau bleibt dann ohne Rechte zurück, entehrt und stigmatisiert“, sagt Danielle Spencer von der Hilfsorganisation CARE, „vielleicht sogar mit unehelichen Kindern, die das Stigma ihr Leben lang tragen müssen.“

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„Ich habe großes Glück, eine charismatische Tochter zu haben, die in jungen Jahren schon Prioritäten setzt“, sagt Muzoons Vater (Sascha Montag)
„Ich habe großes Glück, eine charismatische Tochter zu haben, die in jungen Jahren schon Prioritäten setzt“, sagt Muzoons Vater (Sascha Montag)

Angst, Armut und Unsicherheit lassen Eltern zu Richtern über das Schicksal ihrer Töchter werden. „Viele Familien üben Druck auf die Mädchen aus, oft aus finanziellen Gründen, aber auch, weil sie ihre Frauen beschützen wollen. Sie haben den Krieg erlebt, die Flucht und vielleicht auch sexuelle Gewalt gegen Frauen.“

Jeder zweite Ehemann ist mindestens zehn Jahre älter als die Braut, die manchmal gerade erst ihren 13. Geburtstag gefeiert hat. Für die kindlichen Körper ist die Schwangerschaft ein Risiko. Laut dem International Center for Research on Women ist die Gefahr, bei der Geburt zu sterben, für Mädchen unter 15 Jahren fünfmal so hoch wie für Frauen über 20 Jahre. Und trotzdem, wer das Brautgeld zahlen kann, hat gute Chancen auf dem Heiratsmarkt.

Muzoons Vater Rakan steht vor dem weißen Container der Familie Al-Mleihan und schüttelt den Kopf. Kinderhochzeiten seien in Syrien vor allem im ländlichen Raum keine Seltenheit. „Aber was vor Jahrhunderten gut und sinnvoll war, muss es heutzutage nicht mehr sein. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, und die Traditionen müssen es auch.“ Er blickt auf die gelben Blumen, die er vor dem Container gepflanzt hat. Sie erinnern ihn an seine Heimat, die syrische Stadt Daraa im Südwesten des Landes, grün und sonnig war es dort, erzählt er, Blumen wuchsen in allen Farben, die Landwirtschaft im Umland blühte.

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Auch das Umdenken der Familien in Sachen Zwangsheirat ist ein zartes Pflänzchen. Muzoon ist entschlossen, es groß und stark werden zu lassen (Sascha Montag)
Auch das Umdenken der Familien in Sachen Zwangsheirat ist ein zartes Pflänzchen. Muzoon ist entschlossen, es groß und stark werden zu lassen (Sascha Montag)

Muzoon kommt aus dem Container heraus, die Schulbücher, die sie auf der Flucht aus Daraa mitnahm, hält sie im Arm. Morgens hat das Mädchen zusammen mit ihren Freundinnen den Unterricht in der Camp-Schule besucht, am Nachmittag sind die Jungen dran. Doch es stehen Prüfungen an, die Muzoon unbedingt mit einer guten Note abschließen will, daher nimmt sie nach dem Mittagessen an einer Lernstunde in einem improvisierten Klassenzimmer teil.

Auch Muzoon möchte irgendwann heiraten, aber nicht jetzt – und auch nicht in zwei Jahren. „Ich habe großes Glück, eine charismatische Tochter zu haben, die in jungen Jahren schon Prioritäten setzt“, sagt der Vater. Er sorgt sich um die Generation seiner Tochter, „was passiert, wenn der Mann nicht gut ist zu seiner jungen Frau, sich scheiden lässt, wenn er sie und die Kinder verlässt, wer kümmert sich dann?“ Ohne einen Schulabschluss gebe es keine qualifizierte Arbeit, kein Geld, keine sichere Zukunft. Nicht für Muzoon – und auch nicht für andere Mädchen.