fluter: Herr Prakash, Sie haben kürzlich den Verschleiß von Elektro- und Elektronikgeräten untersucht. Stimmt der Eindruck, dass wir unsere Fernseher, Smartphones und Computer immer schneller ersetzen?

Prakash: Dieser Eindruck stimmt. Ein neues Notebook wurde 2007 durchschnittlich 5,7 Jahre von seinem Erstkäufer genutzt. 2012 waren es nur noch 5,1 Jahre. 42 Prozent aller Handynutzer tauschen ihr Mobiltelefon heute innerhalb von zwei Jahren aus. Gerade bei solchen Lifestyle-Produkten ist der Wunsch groß, stets das neueste Modell zu haben. Erstaunt hat uns aber, dass viele Kunden selbst große Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen oder Kühlschränke, die eigentlich noch funktionieren, austauschen. Weil die Preise kontinuierlich sinken, scheint sich eine Reparatur immer seltener zu lohnen.

„Es ist – mit wenigen Ausnahmen – fast immer ökologischer, ein funktionierendes Gerät weiter zu nutzen, anstatt es durch ein Nachfolgemodell zu ersetzen“

Ist es so schlimm, wenn wir unsere Elektrogeräte so schnell entsorgen? Die Nachfolgemodelle sind meistens energiesparender.

Früher war das vielleicht so. Inzwischen sind die Fortschritte in der Energieeffizienz längst nicht mehr so groß. Das, was in der Nutzung an Energie eingespart wird, kann den Ressourcenverbrauch bei der Herstellung kaum kompensieren. Es ist darum – mit wenigen Ausnahmen – fast immer ökologischer, ein funktionierendes Gerät weiter zu nutzen, anstatt es durch ein Nachfolgemodell zu ersetzen.

Seit einiger Zeit kursiert der Verdacht, dass Hersteller ihre Produkte so manipulieren, dass sie nach kurzer Zeit nicht mehr brauchbar sind und wir neue kaufen müssen. Man spricht von „geplanter Obsoleszenz“. Haben Sie dafür Anhaltspunkte gefunden?

Dieser Verdacht geistert immer wieder durch die Debatte. Dabei ist es eine gängige Praxis, die Produktlebensdauer zu planen. Dahinter stehen unterschiedliche Zielsetzungen der Unternehmen. Für Manipulationen finden wir allerdings keinen Hinweis. Es werden in Produkten keine Schaltuhren implementiert, die zu einem Zeitpunkt eine Art Selbstzerstörung einleiten.

Viele Handynutzer ärgern sich, dass der Akku ihres Smartphones nicht austauschbar ist. Wenn der also hinüber ist, müssen sie das ganze Gerät wegwerfen. Erschwert man den Kundinnen und Kunden bewusst die Reparatur?

Die Hersteller behaupten, dass es durchaus technische und ökonomische Gründe gibt, warum sie Akkus fest verbauen – etwa um Wackelkontakte zu vermeiden. Das ist ein Teil ihrer Produktplanung. Dabei kalkulieren sie selbstverständlich mit einer bestimmten Lebensdauer. Bei einem durchschnittlichen Nutzer hält der Akku vielleicht länger – bei einem Intensivnutzer ist er dagegen vorzeitig hinüber, und das ganze Gerät ist nicht mehr brauchbar. Aus Reparatursicht ist es ein großes Problem.

Alte Handy Ladekabel
 

Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie sieht sich durch Ihre Untersuchung sogleich entlastet, weil Sie keinen Nachweis für gezielt eingebaute Schwachstellen finden.

Moment, das heißt nicht, dass es keinen Änderungsbedarf gibt. Um beim Beispiel der Handyakkus zu bleiben: Ein Akku ist ein Verschleißteil, das die Lebensdauer eines Gerätes limitiert. Ein solches Teil sollte grundsätzlich austauschbar sein. Nur weil der Hersteller sich an Durchschnittskunden orientiert, bei denen der Akku nicht vorzeitig kaputtgeht, heißt das nicht, dass man die Reparatur auch allen anderen erschweren muss. Und nur weil wir keinen Betrug nachweisen konnten: Die Lebensdauer eines Produkts wird natürlich geplant – und zwar nicht so lange wie möglich, sondern so lange, wie es dem Unternehmen nötig erscheint. Und das ist zu kurz.

Wie berechnen Hersteller die Lebensdauer ihrer Geräte?

Es gibt verschiedene Parameter, an denen sich die Unternehmen beim Produktdesign orientieren. Wie verläuft der technische Fortschritt, und wie schnell bringt die Konkurrenz neue Entwicklungen auf den Markt? Oft versuchen die Hersteller bei der Produktplanung die Verbraucherbedürfnisse zu antizipieren: Wie schnell ändern sich die Wünsche der Kundinnen und Kunden, wie lange wird es also dauern, bis sie ein neues Smartphone mit neuen Funktionen oder einen noch höher auflösenden Flachbildfernseher möchten?

„Natürlich trägt auch die Industrie dazu bei, dass neue Wünsche und Bedürfnisse geweckt werden – etwa durch Billiggeräte, Werbung oder Rabattaktionen, bei denen den Kunden zu einem Mobilfunkvertrag alle paar Jahre ein neues Telefon angeboten wird“

Die Industrie freut sich auch deswegen über Ihre Studie, weil Sie den Verbraucher und seinen Wunsch nach ständig neuen Geräten für die Wegwerfkultur verantwortlich machen.

Auch das ist ein Missverständnis. Unsere Botschaft ist: Der Verbraucher hat eine Mitverantwortung. Das heißt aber nicht, dass wir ihm die komplette Schuld in die Schuhe schieben. Denn natürlich trägt auch die Industrie dazu bei, dass neue Wünsche und Bedürfnisse geweckt werden – etwa durch Billiggeräte, Werbung oder Rabattaktionen, bei denen den Kunden zu einem Mobilfunkvertrag alle paar Jahre ein neues Telefon angeboten wird.

Was muss passieren, damit nicht noch mehr Elektrogeräte so schnell auf dem Müll landen?

In Frankreich gibt es seit einiger Zeit ein Gesetz, das geplante Obsoleszenz unter hohe Strafen stellt. Aber das ist eher von symbolischem Wert. In der Praxis dürfte sich der Betrug kaum nachweisen lassen, weil es immer auch technische oder ökonomische Gründe für eine kurze Lebensdauer gibt. Das zeigt ja das Beispiel des Handyakkus. Wir müssen also die Reparaturmöglichkeiten verbessern. Außerdem prüfen wir gerade im Auftrag des Umweltbundesamtes, ob man Hersteller zu einer Angabe über die Lebensdauer ihrer Produkte verpflichten und die Gewährleistungsfristen ausdehnen kann. Der Anreiz zu immer kurzlebigeren Produkten verringert sich, wenn Unternehmen länger als bislang für Mängel haften müssen. Wenn die Politik die Gesetze ändert und die Verbraucher zeigen, dass sie den Trend zu immer kurzlebigeren Geräten nicht mitmachen, dann muss auch die Industrie umdenken.

Siddharth Prakash ist Forscher am Öko-Institut in Freiburg. Für das Umweltbundesamt haben er und seine Kollegen unter anderem untersucht, ob Unternehmen Elektro- und Elektronikgeräte so manipulieren, dass sie schnell den Geist aufgeben.

Fotos: Chris Jordan