Über die Landwirtschaft existieren viele etwas verklärte Bilder. Die stammen etwa aus „Bauer sucht Frau“. Die Realität sieht anders aus. Wer sich heute als Bauer selbstständig machen will, hat es schwer. Vor allem, wenn man keinen Hof von den Eltern erbt. Und hier in der Uckermark tut das kaum jemand. Ich auch nicht. Ich bin in der DDR auf dem Dorf groß geworden. Mein Vater war Arzt, meine Mutter Lehrerin. Wäre es nach ihnen gegangen, würde ich jetzt als Lehrer unterrichten. Als Jugendlicher habe ich bei einer LPG bei der Ernte geholfen, so hießen damals die Zwangszusammenschlüsse von Bauern, und bin mit dem Traktor durch die Gegend geknattert. Das hat mir total Spaß gemacht, als junger Erwachsener das erste Mal so viel Verantwortung zu haben. Vorher bin ich nur Moped gefahren.

„In der Türkei meinte einer zu mir, geh nach Haus, so eine Chance bekommst du nie wieder“

Ich habe dann Pflanzenzüchtung und Ökonomie der Landwirtschaft studiert. Als die Wende kam, herrschte Endzeitstimmung an der Uni. Alle sagten: Das ist alles umsonst mit dem Studium, die LPGs werden alle abgewickelt. Ich wollte erst mal die Welt sehen und war ein Dreivierteljahr unterwegs. In der Türkei meinte einer zu mir, geh nach Haus, so eine Chance bekommst du nie wieder. Ich habe erst nicht begriffen, was der meinte. Heute weiß ich es.

Mit Freunden wollten wir einen Hof kaufen und als Selbstversorger leben. Die romantischen Ideen, die man hat, wenn man jung ist. Kohle hatten wir keine. Wochenlang suchten wir, kannten in der Gegend alles, was schön war. So kam ich hier ins Dorf. Da war ein Hof, der gerade an einen Privatbesitzer zurückgegeben wurde. Da hab ich dann erst mal angefangen zu arbeiten. Bald konnte ich ein paar Stücke selbst pachten und mich selbstständig machen.

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Vom Leben auf dem Land gibt es viele verklärende Bilder. In der Realität muss man aufpassen wie ein Schießhund, dass man gut wirtschaftet und am Ende das Geld stimmt (Foto: Heinrich Holtgreve / OSTKREUZ)
Vom Leben auf dem Land gibt es viele verklärende Bilder. In der Realität muss man aufpassen wie ein Schießhund, dass man gut wirtschaftet und am Ende das Geld stimmt (Foto: Heinrich Holtgreve / OSTKREUZ)

 

Seit ein paar Jahren kaufen immer mehr Leute, die nicht aus der Landwirtschaft kommen, im großen Stil Land und lassen es dann bewirtschaften. Das sind zum Beispiel Banker oder Fonds. Die machen das aus ökonomischen Gesichtspunkten, um Geld anzulegen. Weil sie wissen, dass der Wert des Bodens immer weiter steigen wird. Wenn es mehr Menschen auf der Welt gibt, steigen auch die Preise von Nahrungsmitteln.So wie ich zu starten, das wird ein junger Bauer heute wohl nicht mehr schaffen. Das Land ist mittlerweile zu teuer. Selbst wenn man einen Kredit bekommt, würde man es kaum schaffen, ihn zu Lebzeiten abzubezahlen. Junge Leute, die heute Landwirtschaft studieren, werden meistens Verwalter von großen Landwirtschaftsbetrieben.

„Das Land geht immer mehr zu den großen Betrieben. Das ist eine Spirale. Je teurer das wird, desto schneller geht es“

Diese Betriebe haben zwischen 1.000 und 5.000 Hektar, sind hochtechnisiert, kommen mit relativ wenig Personal aus und wirtschaften mit ausgeklügelten Fruchtfolgen und Anbaumethoden. Da wird fein abgestimmt, wann Dünger, Spritzmittel und Stickstoff gegeben wird.

Mein Betrieb dagegen schrumpft. Das Problem haben alle Selbstständigen hier. Viele gibt es nicht, gab es noch nie. Bei uns im Dorf arbeiten drei kleinere Landwirte, und unsere Flächen werden immer kleiner.

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Landwirt mit Landmaschinen (Foto: Heinrich Holtgreve / OSTKREUZ)
Gestartet ist er einmal mit romantischen Visionen von einem Leben als Selbstversorger unter Freunden. Dann wurde er Landwirt (Foto: Heinrich Holtgreve / OSTKREUZ)

Ich habe 400 Hektar, auf denen baue ich Weizen, Raps und Gerste an. Ein paar Felder gehören mir selbst. Über die Jahre konnte ich was kaufen. Mir blieb gar nichts anderes übrig. Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätten es andere gemacht, und dann könnte ich das Land nicht mehr bewirtschaften. Während der nächsten Jahre werde ich viele Flächen, die nicht mir selbst gehören, verlieren: Die Pacht wird immer teurer. Das Land geht immer mehr zu den großen Betrieben. Das ist eine Spirale. Je teurer das wird, desto schneller geht es.

„Dennoch ist das für mich der schönste Job überhaupt. Ich habe meine Freiheit, es ist ein erhabenes Gefühl, über die Felder zu gehen“

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Ortseingangsschild in eine Dorf (Foto: Heinrich Holtgreve / OSTKREUZ)
Ein bisschen hübsch, ein bisschen hässlich. Einblick ins real existierende Landleben (Foto: Heinrich Holtgreve / OSTKREUZ)

Dennoch ist das für mich der schönste Job überhaupt. Ich habe meine Freiheit, es ist ein erhabenes Gefühl, über die Felder zu gehen, und ich mag die Verantwortung, die dieser Beruf bedeutet. Aber man braucht schon starke Nerven. Am meisten wegen des Lands. Aber auch die Preisschwankungen sind immens. 2009 waren die Getreidepreise sehr hoch. Da gab es 250 bis 300 Euro für eine Tonne Weizen. Jetzt sind wir bei 140 Euro. Getreide wird weltweit an Börsen gehandelt, da sind solche Ausschläge normal. Dann ist man vom Wetter abhängig. Die Wetterextreme werden stärker, es gibt immer wieder Trockenperioden. Wir erreichen immer noch gute Ernten, aber wenn die Trockenperioden vor der Ernte im Sommer länger werden, könnte ich schnell pleitegehen. Deshalb kümmere ich mich um meinen Boden, damit der mehr Wasser speichern kann.

Ich betreibe mittlerweile Direktsaat. Wenn ich das Getreide ernte, dann bleiben da Rückstände von der Vorkultur liegen. Daraus bildet sich Mulch. So wird der Boden wieder lebendig, es bildet sich Humus, die Erosion wird gestoppt. Als Landwirt habe ich da eine große Verantwortung. Ich möchte einen Boden hinterlassen, der fruchtbarer ist als vorher, selbst wenn mir das Land nicht gehört. Das ist wichtig für die Menschheit. Wir müssen uns da mehr kümmern.