Ein Versteck, das zum Verhängnis wurde: Um einer Polizeikontrolle zu entgehen, flüchteten der 17-jährige Zyed Benna und der 15-jährige Bouna Traoré in ein Transformatorenhäuschen und erhielten dort tödliche Stromschläge. Die gewaltigen Unruhen mit brennenden Autos und Barrikaden, die daraufhin im Oktober 2005 im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois ausbrachen, führten vielen Franzosen ein großes Problem vor Augen: dass ein besseres Leben in den Vorstädten für viele Menschen eine Illusion ist. Besonders Jugendliche protestierten gegen ihre Marginalisierung – dagegen, aufgrund ihrer Hautfarbe oder der Herkunft ihrer Eltern keine Jobs zu bekommen oder kriminalisiert zu werden. 

Nach den Protesten versprachen Politiker bessere Lebensverhältnisse und mehr Chancengleichheit: Liberté, Égalité und Fraternité eben, wie sie der Wahlspruch Frankreichs verheißt. Doch mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist es in vielen Banlieues mehr als zehn Jahre später immer noch nicht weit her. An manchen Orten lebt mehr als ein Drittel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, die Schulabbrecherquote ist hoch, die Arbeitslosigkeit auch. Es herrsche eine „soziale und ethnische Apartheid“. Das sagt kein besorgter Sozialarbeiter, sondern der französische Ministerpräsident Manuel Valls. 

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Schutthalde und Autowrack vor Wohnblock in der Pariser Banlieue (Foto: Steven Wassenaar/Polaris/laif)
(Foto: Steven Wassenaar/Polaris/laif)
La Gouverne liegt nur fünf Kilometer von Paris entfernt. Das Quartier heißt auch „Cité des 4.000“, weil dort 4.000 Wohnungen in teils 15-stöckigen Gebäuden untergebracht sind. Einige der maroden Komplexe sind bereits leer und sollen bald abgerissen werden. 

Vor allem in den 1960er-Jahren entstanden rund um die französischen Großstädte große Hochhaussiedlungen, in denen Einwanderer aus den ehemaligen französischen Kolonien wie Senegal, Mali oder der Elfenbeinküste unterkamen. Viele stammten auch aus Algerien, das erst nach einem verlustreichen Befreiungskrieg 1962 unabhängig geworden war. Dieser Krieg, für den sich Frankreich nie offiziell entschuldigt hat, spielt in vielen algerischstämmigen Familien immer noch eine große Rolle. Der alltägliche Rassismus, dem viele Nordafrikaner ausgesetzt sind, hat den Hass auf die neue Heimat bis heute genährt. 

Das macht es radikalen Islamisten leicht, in den sozialen Brennpunkten Mitkämpfer für den Heiligen Krieg zu finden. Die desillusionierten Jugendlichen sind für sie eine leichte Beute. Aus keinem anderen -europäischen Land kämpfen so viele von ihnen an der Seite des sogenannten IS in Syrien. Und sowohl beim Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ als auch bei der Attentatsserie in Paris im November 2015 hatten einige der Terroristen algerische Wurzeln. In manchen Banlieues seien der Druck des Islamismus und die Regeln des Islam allgegenwärtig, sagt der französische Islamwissenschaftler Gilles Kepel. Die Kinder aus Einwande-rerfamilien seien empfänglich für die radikalen Parolen der Hassprediger, weil sie kaum berufliche Aufstiegschancen hätten. „Jeder weiß, dass es in der Banlieue Waffenlager gibt“, sagte Hassen Chalghoumi neulich dem „Spiegel“. „Aber aus falsch verstandener Toleranz lässt der Staat die Arme hängen.“ Chalghoumi ist Imam von Drancy, einer weiteren Vorstadt von Paris. Weil er einen liberalen Islam predigt, wird er ständig von Leibwächtern begleitet.

 

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Lost
Banlieue heißt eigentlich nur Vorstadt, und die kann reich und arm sein. Mittlerweile steht der Begriff aber vor allem für die Problemviertel rund um die großen Städte, in denen hohe Arbeitslosigkeit herrscht

Frankreich ist ein Land, das zur Bildung von Eliten neigt. Schon das Schulsystem ist auf Ungleichheit angelegt, der Erfolg der Schüler hängt stark mit deren Herkunft zusammen. „Wer bei der Bewerbung im Lebenslauf eine schlecht angesehene Banlieue als Wohnort angibt und dann noch einen ausländisch klingenden Namen hat, wird sofort aussortiert“, sagt Tithrith Kasdi vom Verein CPCV, der sich um die soziale und berufliche Eingliederung junger Menschen in sozialen Brennpunkten kümmert.

Zumindest in Clichy-sous-Bois soll sich nun etwas ändern: Marode Beton-burgen werden durch schönere Häuser ersetzt, es gibt nun eine Polizeiwache, ein Arbeitsamt und ein Schwimmbad – all das ist tatsächlich neu. „Die Menschen wissen, dass wir daran arbeiten, die Dinge zu verbessern“, sagt Bürgermeister Olivier Klein. „Aber sie wollen heute besser leben, nicht erst in zehn Jahren.“