Wenn Kerstin Loeh tanzen will, drückt sie einen Knopf auf der Fernbedienung, die per Bluetooth mit ihrem linken Bein verbunden ist, und schaltet auf „Tanzmodus“. Denn der größte Teil dieses Beines besteht seit dem schweren Motorradunfall der Magdeburgerin vor zweieinhalb Jahren nicht mehr aus Fleisch, Haut und Knochen, sondern aus Titan, Karbon und Silikon. Und er enthält eine Menge Elektronik. Die macht es möglich, dass Kerstin Loeh trotz der Amputation tanzen kann.

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Zwar noch nicht so gut wie das biologische Original – aber die Prothesentechnologie macht ziemliche große Fortschritte (Foto: Corbis)
Zwar noch nicht so gut wie das biologische Original – aber die Prothesentechnologie macht ziemliche große Fortschritte (Foto: Corbis)

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten bedeutete es eine dramatische Veränderung im Leben, wenn Menschen einen Körperteil verloren. Sie bekamen dann zwar Prothesen, aber sie mussten mit Schmerzen, Stützen und einem stark eingeschränkten Alltag zurechtkommen. Eine Treppe einigermaßen flott hinunterlaufen? Rückwärtsgehen? Beim Laufen nicht ständig auf dem Boden nach Hindernissen Ausschau halten? Das war für viele mit einer Beinprothese undenkbar.

Ende der 80er-Jahre hat dann eine Technikrevolution eingesetzt, die es Menschen wie Kerstin Loeh ermöglicht, mit ihren künstlichen Beinen und Füßen nicht nur zu gehen und zu laufen. Wer vor der Amputation normal laufen und gehen konnte, bekommt die neuen Prothesen von der Krankenkasse in der Regel bezahlt. So können sie auch tanzen, wandern, Rad fahren und nach der Reha wieder arbeiten. Holzbeine oder Plastikstelzen gehören der Vergangenheit an. Auch Prothesen sind längst Hightechprodukte. Wie Smartphones sind sie heutzutage voll mit Prozessoren, Sensoren und Rechenpower. Auf diese Weise versuchen Prothesenhersteller die Bewegungsabläufe echter Gliedmaßen immer besser zu simulieren.

Uli Maier, Orthopädietechniker-Meister beim niedersächsischen Prothesenhersteller Ottobock: „Früher mussten die Patienten mit ihren Prothesen immer ‚aktiv mitarbeiten‘: sich abstützen, das Prothesenkniegelenk durch Muskelkraft sichern, permanent aufpassen, nicht zu stolpern oder hinzufallen. Sie mussten damit leben, langsamer und eingeschränkt zu sein. Und man hat sehr schnell gemerkt, dass sie eine Prothese tragen.“

Die Technik in modernen Beinprothesen hingegen misst permanent, wie stark und wie schnell das künstliche Kniegelenk gerade gebeugt wird, welche Kräfte am Prothesenfuß wirken, und steuert entsprechend das künstliche Bein. Ohne dass der Träger dies aktiv beeinflussen müsste. „Dadurch kann man viel intuitiver und natürlicher gehen. Die Patienten, die ich betreue, sagen mir immer, wie angenehm es ist, sich nicht mehr aufs Gehen konzentrieren zu müssen“, sagt Maier.

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Jetzt zugreifen: Das neueste Ding sind Hände, die mit einem Tastsinn ausgestattet sind (Foto: Corbis)
Jetzt zugreifen: Das neueste Ding sind Hände, die mit einem Tastsinn ausgestattet sind (Foto: Corbis)

Auch für Menschen, denen Arme und Hände fehlen, ist vieles besser geworden. Mit sogenannten „myoelektrischen“ Prothesen können sie über die verbliebenen Muskeln in ihrem Arm eine künstliche Hand steuern. Wenn wir unsere Muskeln benutzen, entstehen auf der Haut elektrische Spannungen. Elektroden messen diese Spannungen und steuern damit die Prothesenhand. So kann man sich ohne Probleme die Schuhe zubinden oder sich ein Glas Wasser eingießen. Dinge, die für Gesunde selbstverständlich sind, für Menschen mit Amputationen aber erst dank der neuen Prothesentechnik möglich werden.

Doch die fortschrittliche Technologie hat ihren Preis. Sie kostet mitunter so viel wie ein Auto der gehobenen Mittelklasse. Uli Maier hört häufiger, dass solche Prothesen doch ein ziemlicher Luxus seien – und hat dafür kein Verständnis: „Für mich hat die Mobilität von Amputierten nichts mit Luxus zu tun, es geht um Lebensqualität“, sagt er. Für Kerstin Loeh ist entscheidend, was sie von der neuen Technik im Alltag hat. „Ich muss mich zwar immer noch mehr konzentrieren, als wenn ich mit meinem eigenen Bein gehen würde. Aber die neuen Prothesen kompensieren so viel, dass das Sturzrisiko sehr klein ist“, sagt Loeh.

Extremitäten aus dem 3D-Drucker

Forscher auf der ganzen Welt arbeiten daran, die Prothesen für Beine und Arme künftig noch besser zu machen. Handprothesen zum Beispiel könnten dem Träger über eine direkte Nervenverbindung zumindest einen Teil der Sinneseindrücke zurückgeben. Wie groß ist das, was ich gerade anfasse? Ist es weich, ist es hart? Am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart forschen Experten auch daran, wie man Teile für künstliche Extremitäten mit 3-D-Druckern herstellen könnte. „Damit würde die Herstellung günstiger werden. Und wir könnten die Teile viel leichter individuell anpassen“, sagt Urban Daub, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut.

Könnten die künstlichen Körperteile irgendwann sogar besser sein als unsere biologischen Exemplare? Werden wir in der Zukunft unsere Körper mit den neuesten Errungenschaften der Technik upgraden, weil wir mit künstlichen Beinen weiter springen und mit künstlichen Händen fester greifen können? Auch wenn die Technik in der jüngsten Vergangenheit einen riesigen Sprung nach vorne gemacht hat, hält Orthopädietechniker Maier solche Spekulationen für unsinnig.

Auch weil sie zum Teil falsche Erwartungen schaffen. Manche Patienten seien schon zu ihm gekommen und hätten erwartet, innerhalb weniger Stunden wieder normal laufen zu können. Dabei geht ohne Physiotherapie, Training und Gewöhnung auch heute nichts, wie Maier betont: „Die Natur bleibt der Marktführer, wenn es um die Funktionalität von Armen und Beinen geht.“

Stefan Kesselhut arbeitet als freier Autor und lebt in Berlin. Die Fortschritte der Prothesentechnik verfolgt er mit Begeisterung. Er würde trotzdem nicht freiwillig auf seine biologischen Gliedmaßen verzichten.