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„Was ist das, ein Mann sein?“

Er wächst behütet und sorglos auf – bis sein Körper beginnt, sich so gar nicht in seinem Sinne zu entwickeln. Die Graphic Novel „Nennt mich Nathan“ erzählt die Identitätskonflikte eines jungen Transmannes

  • 2 Min.
Nennt mich Nathan

Spätestens als die Brüste wachsen und die Menstruation einsetzt, ist für Nathan klar: Etwas mit ihm stimmt ganz und gar nicht! Je fraulicher sein Spiegelbild, desto größer wird sein Ekel vor dem eigenen Körper. Denn der sagt jedem, er sei eine Frau. Lila – so nennen ihn Bruder, Mutter, Vater und Oma, für sie ist er Schwester, Tochter, Enkelin. Doch Lila gibt es eigentlich gar nicht. Nathan wohnt in diesem Körper – schon immer. Und Nathan, das ist der Name, den er sich selbst gibt. 

Die Graphic Novel begleitet ihn von seinem 12. bis zum 18. Lebensjahr. Sie ist in weiten Teilen an die reale Geschichte eines jungen Transmannes angelehnt. Der Zeichner Quentin Zuttion wollte beim Umsetzen des Skriptes von der Journalistin und Autorin Catherine Castro ganz bewusst nicht wissen, an welchen Stellen sie sich von der Biografie löst. Die LeserInnen kommen Nathan dabei sehr nahe: in Momenten der Verwirrung, der Ratlosigkeit, bald tiefster Verzweiflung, doch auch als er neuen Mut schöpft.

Weiche Farben, harte Konflikte 

Zeichner Zuttion findet starke Bilder für Nathans Zerrissenheit, für die Diskrepanz zwischen seinem Innenleben und dem Aussehen seines Körpers. Die Pastellfarben und die Strichführung sind weich, teils skizzenhaft. Wenn hingegen harte Linien und dunkle Farben verwendet werden, wirkt der Kontrast umso stärker – wenn sich Nathan in seiner Verzweiflung auf dem Bett zusammenrollt und das Zimmer um ihn herum im Schwarz verschwindet, wenn Blut leuchtend rot an seinen Armen hinabläuft. 

Zwischendurch tauchen wir auch in die Gedanken seiner Eltern und seines Bruders ein. Doch der Comic bleibt hier oberflächlich, da es nur kurze Momente sind, in denen die Erzählperspektive wechselt. Das kann schon mal für Verwirrung sorgen, weil man selbst herausfinden muss, wer gerade spricht. 

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Nennt mich Nathan

„Nennt mich Nathan“ ist bei Splitter erschienen. 141 S./ 22€

Was schwerer wiegt: Viele Konflikte, mit denen Trans*Menschen zu kämpfen haben, tauchen gar nicht auf. Noch im Körper einer Frau sammelt Nathan, wie es scheint, durchweg positive erste sexuelle Erfahrungen, was für Heranwachsende allein schon eine große Belastung sein kann. Seine Freunde unterstützen ihn vom ersten Tag an; auch, dass er noch im Körper einer Frau mit einer Frau zusammen ist, scheint gar kein Problem zu sein. Und auch seine Familie steht hinter ihm, trotz der Kosten und Risiken der Geschlechtsanpassung. Man kann wohl nicht davon ausgehen, dass dieser schwierige Prozess normalerweise auf so wenig Widerstand trifft. Dass „Nennt mich Nathan“ diese Aspekte nicht problematisiert, birgt die Gefahr, dass LeserInnen, die Ähnliches durchlebt haben, sich nicht in der Geschichte wiederfinden, oder sogar denken könnten, die Konflikte in ihrem Umfeld seien ihre eigene Schuld.

Andererseits: Am Verhalten von Nathans Umfeld kann man sehen, wie Eltern und Freunde von Trans*Menschen reagieren können, um sie bestmöglich zu unterstützen. Letztlich macht Nathans Geschichte vor allem Mut – den Mut, zu sich zu stehen und für das eigene Glück zu kämpfen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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