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Falsches Dauerlächeln

Alle suchen ihren Platz in der Welt. Manche finden ihn in der Eislaufhalle. Aber für wie lange? In „Pirouetten“ erzählt Tillie Walden von Anpassung, Ehrgeiz und ihrem Coming-out

  • 2 Min.
Pirouetten

Sie wirken wie Skizzen, die Zeichnungen von Tillie Walden, schnell hingeworfen. Mit wenigen Strichen zaubert sie Gesichter, Figuren, Szenen, rasch mit Aquarellfarben ausgetuscht, mitunter nicht mal sauber entlang der Linien. 1996 wurde Walden geboren und hat schon den Eisner Award gewonnen, einen der wichtigsten Comicpreise überhaupt. Ein Wunderkind, ganz offenbar, dem nichts leichter fällt als zeichnen. 

Aber das ist natürlich nicht leicht. Es ist das Ergebnis harter Arbeit. Dass Tillie Walden keine ist, die es sich leicht macht, das wissen wir, weil wir sie kennenlernen in ihrem Comicdebüt „Pirouetten“. Hier erzählt sie ihre Geschichte. Die findet vor allem in der Eislaufhalle statt. Schon als Elfjährige fährt sie jeden Morgen, wenn es noch dunkel ist, zum Kunstlauftraining, nach der Schule ebenfalls, Einzel und Mannschaft, in New Jersey genau wie in Texas, wohin ihre Eltern ziehen und wo sich Tillie erstmal in ihrem neuen Umfeld zurechtfinden muss.

Eislaufen? Ein einziger Krampf

„Alle musterten mich. Wie ich hieß, spielte keine Rolle. Aber sie mussten wissen, dass ich eine Bedrohung für sie war“, beschreibt sie ihr erstes Training in Texas. Die junge Tillie ist ehrgeizig, perfektionistisch, hart zu sich selbst. Sie will gewinnen. Und sie gewinnt. Sie erreicht vordere Plätze bei Wettbewerben, besteht immer alle Leistungsprüfungen. 

Doch auch hier gilt: Leicht sieht es bloß aus. Jeder weiß, dass das Dauerlächeln der Eistänzerinnen nicht echt ist. „Die Prüfungen waren ein einziger Krampf. Genau das bedeutete Eislaufen für mich: nicht etwa elegante Sprünge oder schwungvolle Gleitpassagen. Sondern komplizierte Muster und penible Geschwindigkeit – alles unter einer dicken Schicht Make-up und in Eiseskälte.“ Auch das soziale Drumherum mit den anderen Mädchen aus dem Team ist für Tillie, die eher spröde, introvertiert, nerdy ist, kein leichtes Vergnügen. Aber sie findet Freundinnen.

 

Empfindungen statt Erinnerungen 

Bei der Arbeit an ihrem Buch hat Tillie Walden die Orte ihrer Vergangenheit nicht besucht, sie hat keine alten Fotos angeschaut und auch die alten Chats mit ihren Freundinnen und Teamkolleginnen nicht noch mal gelesen. Nicht ihre Erinnerungen wolle sie teilen, sondern ihre Empfindungen, schreibt sie im Nachwort. 

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Tillie Walden: „Pirouetten“, Reprodukt, Berlin 2018, 400 Seiten, 29 Euro

Tillie Walden: „Pirouetten“, Reprodukt, Berlin 2018, 400 Seiten, 29 Euro

Das tut sie auf satten 400 Seiten. Eine Menge Stoff, und so um die Mitte herum hat „Pirouetten“ gewisse Längen – um anschließend so richtig Fahrt aufzunehmen. Denn Tillie verändert sich. Die Kunst wird immer wichtiger, sie hat ihr Coming-out und ihre erste Beziehung, erlebt sexuelle Belästigung, Mobbing, Leere im Kopf. Wie in allen Coming-of-Age-Geschichten geht es in „Pirouetten“ um Anpassung, um Normen und um die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt und es wird immer klarer, dass dieser Platz für Tillie Walden nicht mehr die Eislaufhalle ist. Doch es ist ein langer zäher Prozess der Entfremdung, bis sie endlich loslassen kann. 

400 Seiten bergen auch die Gefahr, dass man beim Blättern zu schnell wird. Das wäre schade, denn wie Tillie Walden Szenen, Situationen, Ereignisse in Bildfolgen auflöst, verdient mehr als einen flüchtigen Blick. Sie ist hier offensichtlich vom japanischen Manga inspiriert, zieht einzelne Momente auch mal über ein halbes Dutzend Bilder in die Länge, variiert die Panelgrößen von seitenfüllend zu winzig klein, arbeitet exzessiv mit Licht und Schatten. Farbe braucht Walden kaum, alles ist in dunkel- und hellvioletten Schattierungen gehalten. Nur manchmal setzt ein goldgelb gleißender Farbton die Ereignisse in ein anderes Licht.

Wenn man gut genug ist beim Eislaufen, dann ist es keine Frage der Technik mehr, ob man einen schweren Sprung besteht, schreibt Tillie Walden im Nachwort. Es ist eine Frage des Mutes. Das gilt auch fürs Leben.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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