„Würde mir heute jemand ein Monatsgehalt von 10.000 Euro netto bieten dafür, dass ich für irgendeinen Kunden PR mache – ich würde das Angebot ausschlagen“

Ein gut bezahlter Job? Nicht um jeden Preis, sagt Rebecca Randak. Lieber Yoga unterrichten und darüber bloggen, als finanziell abgesichert im Hamsterrad zu rotieren:

Nach der Uni hatte ich das Gefühl, erst mal einen festen Job und ein festes Einkommen zu brauchen. Ich fing also bei einer PR- und Social-Media-Agentur an, einer Berliner Agentur namens Mashup Communications. Die knapp 2.000 Euro netto monatlich, die ich dort als Beraterin bekam, waren mir sehr willkommen. Außerdem lernte ich viel, das Arbeitsklima war toll und überhaupt der ganze Laden sehr nett. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich allein vom Bloggen und Yoga-Unterrichten überhaupt leben konnte. Pro Stunde gibt es 30 bis 80 Euro. Würde ich immer noch in einer PR-Agentur arbeiten, ich würde sicher um einiges mehr verdienen als heute. In einer Führungsposition könnte ich 60.000 Euro im Jahr machen. Aber ich bin zufrieden.

Aber schon nach kurzer Zeit machte sich bei mir das Gefühl breit, in einem Hamsterrad zu leben. Ich arbeitete den ganzen Tag, und wenn ich abends noch zum Yoga gehen wollte, wurde alles schon sehr viel. Am Wochenende musste ich erst mal mein Leben verwalten: einkaufen, putzen, Wäsche waschen. Und wenn dann noch eine Party anstand – bumm-tschak –, war schon wieder Montagmorgen. Kurz: Ein wahnsinnig großer Teil meiner Zeit war vorbestimmt. Und zwar nicht von mir, sondern von jemand anders.

Nach zwei Jahren überkam mich dann das klischeehafte, aber tatsächlich dringende Bedürfnis, noch einmal eine große Reise zu machen. Ich kündigte meinen Job und haute alle meine Ersparnisse in Südostasien und Australien auf den Kopf. Als ich zurückkam, machte ich mich selbstständig. Der Plan war, freiberuflich PR zu machen und mit meiner damaligen Geschäftspartnerin einen professionellen Yoga-Blog zu gründen. Später machte ich dann noch eine Ausbildung zur Yogalehrerin und begann zu unterrichten. 

Der Wunsch, mich selbstständig zu machen, war so groß, dass ich einfach darauf vertraute, dass es klappen würde. Geholfen hat mir die Frage: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Die Antwort beruhigte mich: Dann muss ich mir halt wieder einen Job suchen. Es hat dann aber ganz gut geklappt.

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Rebecca in der Yogaklasse (Foto: Grit Siwonia)
Rebecca Randak, 34, ist Yogalehrerin und betreibt den Blog fuckluckygohappy.de (Foto: Grit Siwonia)

Es geht mir nicht darum, möglichst wenig, sondern so frei und selbstständig wie möglich zu arbeiten. Natürlich mach ich auch Dinge, auf die ich keinen Bock hab, meine Steuererklärung zum Beispiel. Aber ich kann auch an einem Dienstagnachmittag schwimmen gehen, wenn ich das unbedingt möchte. 

So kitschig das auch klingen mag, ich will der Welt mit meiner Arbeit etwas zurückgeben. Ich will nicht irgendein Produkt, das niemand braucht, in irgendeinem Magazin platzieren, das auch niemand braucht. Lieber arbeite ich für meine Leserinnen. Ich bekomme viele Rückmeldungen wie „Das hat mir so geholfen!“ oder „So habe ich das noch nie gesehen!“. Und von Yogaschülern nach jeder Unterrichtseinheit ein Lächeln. Ich darf Menschen dabei begleiten, sich selbst kennenzulernen und zu wachsen, das ist toll.

Worin ich noch nicht so gut bin: Arbeit von Freizeit zu trennen. Wo fängt die Rebecca an, die ich auf meinem Blog bin, und wo hört sie auf? Ich könnte auch den Avocadotoast und den Cappuccino hier instagrammen. Aber es muss eine Grenze geben zwischen der Selbstverwirklichung durch den Job und meinem Leben als Privatperson. 

Würde mir heute jemand ein Monatsgehalt von 10.000 Euro netto bieten dafür, dass ich für irgendeinen Kunden PR mache – ich würde das Angebot ausschlagen. Ohne mit der Wimper zu zucken.

„Die Freiheit, die mir mein Gehalt bietet, möchte ich nicht mehr missen“

Ist ein ordentliches Gehalt wichtig? Klar, sagt Michael Pfötsch. So viel Spaß ihm der Job als Designer auch machen mag, aufs Geld will er nicht schauen müssen:

Viele würden mich wahrscheinlich als Workaholic bezeichnen. Für mich ist der Begriff negativ konnotiert, weil er ein bisschen soziophob klingt: Leute, die außer Arbeiten nichts auf die Reihe kriegen. Auf mich trifft das nicht zu. Wenn ich etwas mache, das mich erfüllt und worin ich gut bin, dann gucke ich halt einfach nicht auf die Uhr. Offiziell arbeite ich 40 Stunden die Woche, aber das haut natürlich nicht hin: In Konzeptionsphasen habe ich Zehn- oder Elf-Stunden-Tage. Und freie Wochenenden sind eher die Ausnahme. Ich habe mir lange nicht eingestanden, dass ich Sicherheiten brauche, Stichwort: festes Gehalt. Als ich noch Freelancer war, arbeitete ich mal zweieinhalb Jahre am Stück. Erst da ist mir aufgefallen: Hey, ich habe Schiss, keine Aufträge zu bekommen. Angst, nicht zu wissen, wovon ich mein Leben bezahlen soll. Also suchte ich mir einen festen Job bei einer großen Berliner Content-Marketing-Agentur.

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Micha Pötsch (Foto: privat)
Michael Pfötsch, 37, ist Senior Art Director in einer Berliner Content-Marketing-Agentur (Foto: privat)

Als Wendekind, das im Osten aufgewachsen ist, hab ich oft gehört: „Gib alles, was du kannst, und dann reicht’s vielleicht.“ Meine Eltern lebten mir vor, dass Arbeit einfach dazugehört und einen Großteil des Lebens bestimmt. Wenn das schon so ist, dachte ich mir als Jugendlicher, dann muss es wenigstens Spaß machen. So entschied ich mich, Design zu studieren.

Als ich frisch aus der Uni gepurzelt bin und noch keine Ahnung hatte, wie der Hase läuft, arbeitete ich bis zum Umfallen. Ich musste und wollte mich beweisen. Aber irgendwann hatte ich es geschafft, Leute von mir zu überzeugen und auf Augenhöhe mit ihnen zu kommunizieren. Als ich dann noch ein paar Awards gewonnen und große Kundenbudgets geholt hatte, konnte ich in Ruhe mein Ding machen. Das war mein Ziel, weiter muss es nicht gehen.

Kurz nach dem Studium kamen mir 2.000 Euro netto pro Monat schon viel vor. Hätte mir damals jemand gesagt, dass es für mich in ein paar Jahren total normal sein wird, am Wochenende für eine Ausstellung nach Barcelona zu fliegen oder mal eben Freunde in Kanada zu besuchen, hätte ich ihm wahrscheinlich einen Vogel gezeigt. 

Aber dummerweise steigen ja mit der Zeit die Ansprüche. Zwar muss ich auch heute noch kein Auto oder Haus besitzen. Aber ich will nicht mehr aufs Geld achten müssen, will mich mit Freunden zum Essen treffen können, sooft ich eben Bock habe. Wie viel Geld ich genau mache, will ich lieber für mich behalten. Ich fühle mich aber auf keinen Fall ausgebeutet und kann mich nicht beschweren. Wenn mein Gehalt in zehn Jahren noch ein bisschen höher ist, wäre das aber natürlich auch schön. 

Nach einem anderen Job umschauen würde ich mich nur, wenn ich das Gefühl hätte, auf der Stelle zu treten. Eine Arbeit ohne Herausforderung und persönliche Weiterentwicklung? Das wäre mir kein Geld der Welt wert. Gleichzeitig würde ich aber wahrscheinlich auch keinen Job machen, bei dem die Bezahlung hinter dem zurückbleibt, was ich jetzt verdiene. Die Freiheit, die mir mein Gehalt bietet, möchte ich nicht mehr missen.

Titelbild: Jan Q. Maschinski