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Eine Aufforderung zum Beten, hier an der Supermarktkasse? Mit den Augen von Zugewanderten betrachtet, hat der sprachliche Alltag in Deutschland so seine Fallstricke
Eine Aufforderung zum Beten, hier an der Supermarktkasse? Mit den Augen von Zugewanderten betrachtet, hat der sprachliche Alltag in Deutschland so seine Fallstricke

Als Mahmoud Al Luwaisi gerade in das Dörfchen Buch im Hunsrück gezogen war, konnte er es gar nicht fassen, als er eines Abends beim Supermarkt vor verschlossenen Türen stand: „Ich wollte Zigaretten haben. In Syrien haben die meisten Supermärkte 24 Stunden geöffnet.“ Nach solch einem Supermarkt sucht man in der Abgeschiedenheit dieses Landstrichs aber vergeblich. Und der einzige Zigarettenautomat im Ort war auch kaputt. Dem 28-Jährigen, der vor sechs Monaten aus Damaskus geflohen ist, blieb also nichts anderes übrig, als seiner Sucht einen Abend Widerstand zu leisten.

Das passiert Mahmoud nicht noch einmal, inzwischen weiß er besser Bescheid: „Heute bin ich um 19 Uhr zum Supermarkt gegangen. Die App ist echt gut“, sagt er. Er meint die App „Ankommen“, die gemeinsam vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Bundesagentur für Arbeit, dem Goethe-Institut und dem Bayerischen Rundfunk entwickelt wurde.

Dort wird nicht nur auf die Gleichberechtigung von Männern und Frauen hingewiesen, sondern zum Beispiel auch die Arbeit der Polizei beschrieben

Ziel der kostenlosen App ist es, eine schnelle und umfassende Orientierung während der ersten Wochen in Deutschland zu bieten. Ein Abschnitt erklärt alles Wichtige zum Asylverfahren, zu Ausbildung und Arbeit. Ein anderer widmet sich dem „Leben in Deutschland“. Dort wird nicht nur auf die Gleichberechtigung von Männern und Frauen hingewiesen, sondern zum Beispiel auch die Arbeit der Polizei beschrieben. Dem Abschnitt „Politische und rechtliche Ordnung“ hat sich Mahmoud allerdings noch nicht so intensiv gewidmet: „Ich kann ja selbst auswählen. Je nachdem, was mich interessiert“, sagt er. Und das ist zum Beispiel, wie lange Supermärkte in der Regel geöffnet haben.

Wie umfassend die Orientierung letztendlich ist, liegt also in der Hand der Nutzerinnen und Nutzer. Neben Deutsch und Englisch steht „Ankommen“ in Arabisch, Französisch und Farsi zur Verfügung. Ein multimedialer Sprachkurs ist ebenso Bestandteil der App, die seit Anfang Januar für Android-Geräte, inzwischen aber auch in einer iOS-Version verfügbar ist. Mahmoud nutzt die App zwar auch zum Sprachlernen, aber das würde niemals reichen, um wirklich Deutsch sprechen zu können: „Wenn ich beim Lesen Fragen habe, beantwortet mir die App die ja nicht. Du lernst am meisten, wenn du mit Menschen sprichst. Der Sprachkurs ist am besten“, sagt er.

In vielen Kommunen können Flüchtlinge sogar jahrelang keinen Integrationskurs besuchen

Dass wohl keine App dazu in der Lage ist, einen Sprachkurs zu ersetzen, wissen auch die Entwickler von „WhatsGerman“, einem anderen digitalen Sprachlernangebot. Ihr Ansatz sei deshalb von Anfang an gewesen, ein Angebot zu entwickeln, das die Wartezeit bis zum Beginn des Sprachkurses überbrückt. Die kann drei Monate oder länger sein, da die Menge an Anträgen, um zu einem Integrationskurs zugelassen zu werden, seit 2013 erheblich gestiegen ist und die Nachfrage insgesamt die Kapazitäten an freien Plätzen übersteigt – manche Flüchtlinge aus Ländern wie Somalia oder Pakistan können in vielen Kommunen sogar jahrelang keinen Integrationskurs besuchen, da sie generell keine gute Bleibeperspektive haben, die Voraussetzung für die Teilnahme an den Kursen ist, und da sie viel länger auf ihren Asylbescheid warten müssen als Flüchtlinge anderer Nationalitäten.

Laut Kathrin Vogl von der Internetagentur plan.net ist „WhatsGerman“ „für Anfänger gedacht, die etwa das lateinische Alphabet noch gar nicht kennen“. Die Agentur hat das Angebot zusammen mit einem Deutschlehrer und einem arabischen Muttersprachler entwickelt. „Die Kurse gehen jeweils einen Monat. Registriert man sich nacheinander für alle drei Kurse, kann man so die durchschnittliche Wartezeit sinnvoll für sich nutzen“, sagt Friederike Fröhlich, die ebenfalls an der Konzeption von „WhatsGerman“ beteiligt war.

Die Erklärungen der Grammatik auf Deutsch, Englisch und Arabisch sind mit passenden Emojis versehen

Das Prinzip dahinter ist simpel: Auf der Website „whatsgerman.de“ sucht man sich einen der drei angebotenen Kurse aus: „Alphabet“, „Grammatik“, „Sätze für den täglichen Gebrauch“. Dann wird eine entsprechende Telefonnummer angezeigt, an die man einfach über WhatsApp das Wort „Start“ sendet.

So beginnt der kostenlose Deutschkurs. Jeden Tag kommt via WhatsApp eine Lektion. Bei Mahmoud bestanden die in den letzten Tagen aus den vier Fällen. Wie bei den Vokabeln sind auch die Erklärungen der Grammatik auf Deutsch, Englisch und Arabisch und mit passenden Emojis versehen. Zudem gibt es ein Video, in dem alles auf Deutsch vorgelesen wird. Da Mahmoud die Fälle bereits in seinem Sprachkurs durchgenommen hat, war es für ihn eine kurze Wiederholung.

Für die Nutzerinnen und Nutzer, die mit der Grammatik noch nicht vertraut sind, wäre aber sicherlich mehr Übung und ein aktives Anwenden erforderlich, damit sich ein Lerneffekt einstellt. Mahmoud nutzt die App auf jeden Fall weiter, auch wenn er manches schon kennt. Denn für ihn steht fest: „Alles Zusätzliche ist gut.“