Dies ist eine Erfolgsgeschichte. Sie handelt von Ruandas Frauen, von ihrer rasanten Entwicklung, ihrer Befreiung. Doch so verheißungsvoll die Geschichte heute klingt, so grauenvoll ist ihr Anfang. Sie beginnt vor 22 Jahren mit einem Völkermord. Angehörige der Hutu-Mehrheit brachten mehrere Hunderttausend Tutsi und moderate Hutu um. Epiphanie Mukashyaka, 57 Jahre alt, erinnert sich vor allem an den Geruch der Leichen. Man könne vieles vergessen, aber nicht diesen süßlichen Gestank, der über jeder Straße, jedem Feldweg lag, den man selbst mit der besten Seife nicht aus den Kleidern waschen konnte und der einen noch Jahre später wieder einhole – wegen einer verwesenden Maus unter dem Sofa oder einem toten Vogel im Innenhof.

Das Morden dauerte 100 Tage. Nachbarn töteten Nachbarn, Lehrer ihre Schüler, Nonnen verbrannten Gläubige, Kinder erschlugen Kinder. Die Flüsse führten mehr Leichen als Schwemmholz. Fast eine Million Menschen wurden umgebracht. Epiphanie Mukashyaka verlor ihren Mann, ein Kind, ihren Dorfladen und fast ihren ganzen Besitz. „Ich wusste nicht, wie ich weiterleben sollte. Tagelang lag ich auf dem Boden, weinte und weinte.“ Heute ist sie eine gestandene Unternehmerin, bezieht von fast 7.000 Kleinbauern Kaffee, wäscht und bearbeitet die Bohnen und exportiert sie ins Ausland. Bufcoffee heißt die Firma, deren alleinige Chefin sie ist.

Sie klettert einen rutschigen Pfad hinauf und bleibt auf einem Feld stehen. Von hier oben hat man einen Postkartenausblick auf das „Land der tausend Hügel“, wie Ruanda von Reiseveranstaltern genannt wird. „Gorillas im Nebel“ ist noch so ein Slogan, denn die Touristen kommen hauptsächlich wegen der Menschenaffen. Ruanda ist winzig und liegt wie ein Bauchnabel inmitten des afrikanischen Kontinents, nur gut halb so groß wie die Schweiz, aber mit einem Drittel mehr Einwohnern. Die Kaffeeunternehmerin poliert die beschlagenen Gläser ihrer Schmetterlingsbrille. Sie bewundert nicht die Aussicht, sondern die Qualität der Kaffeepflanzen, untersucht die Früchte und lobt dann den Bauern, der ihr keuchend folgt: „Es hat sich ausgezahlt, dass du den Boden mit Kompost und Zweigen bedeckt hast.“ Während sie spricht, reißt sie Unkraut aus. Es ist ihre Art, den Mann auch auf Versäumnisse hinzuweisen. Die meisten Frauen in Ruanda kritisieren nicht direkt, sondern diskret, selbst wenn sie in der stärkeren Position sind.

Man wagt es kaum auszusprechen, aber der Genozid löste auch eine positive Entwicklung aus: die Emanzipation der Frauen. „Wir lernten, selbstständig zu handeln“, sagt die Kaffeeunternehmerin. Sie war dazu erzogen worden, zu dienen, durfte nur sechs Jahre in die Schule gehen, heiratete mit 17, gebar acht Kinder und hatte keinerlei Rechte. „Als mein Mann noch lebte, durfte ich das Haus nicht ohne seine Erlaubnis verlassen. Wenn wir eine Straße überquerten, hielt ich mich an seiner Hose fest.“ Mit seinem Tod 1994 änderte sich alles, sie war jetzt Witwe. Weil Frauen damals weder erben noch Land besitzen durften, war sie auf einen Schlag vollkommen verarmt. „Ich dachte, wir würden alle verhungern.“ Doch dann tat sie sich mit anderen Witwen zusammen und baute sich Schritt für Schritt ihr eigenes Unternehmen auf.

Die sogenannten Trümmerfrauen wurden im Nachkriegsdeutschland zum Symbol für die Gleichberechtigung von Mann und Frau gemacht. Auch in Ruanda bestellten die Frauen nach Kriegsende die Felder, reparierten Häuser, teilten die rund 100.000 Waisenkinder unter sich auf und machten politisch Karriere. Viele Männer waren tot, eingesperrt oder außer Landes geflohen. Schätzungen gehen davon aus, dass unmittelbar nach dem Konflikt 70 Prozent der Bevölkerung weiblich waren. Deshalb war Emanzipation für viele Frauen geradezu überlebenswichtig. 2003, neun Jahre nach dem Völkermord, gab sich das Land eine neue Verfassung. Von nun an waren Frauen vor dem Gesetz vollkommen gleichberechtigt, was zu einem außergewöhnlichen Wirtschaftswachstum beigetragen hat, von dem bis heute eine breite Bevölkerungsschicht profitiert. Zahlen der Weltbank belegen, dass Ruanda weltweit zu denjenigen Ländern gehört, die sich in den vergangenen 15 Jahren am schnellsten entwickelt haben.

„Die Frauen sind der Motor von Ruandas Wirtschaft“, sagt Alice Nkulikiyinka in perfektem Deutsch, während sie auf Zahnstocherabsätzen durch die Hauptstadt Kigali eilt. Die 49-jährige Ökonomin hat in der Schweizer IT-Branche Karriere gemacht, bevor sie zurück in ihre Heimat zog. Heute arbeitet sie in Kigali für die Schweizer Stiftung BPN, die Unternehmerinnen und Unternehmer mit Schulungen und Krediten unterstützt. In Ruanda könne man in nur einem Tag seine eigene Firma registrieren lassen. Das sei kinderleicht und gratis und nicht zu vergleichen mit dem bürokratischen Aufwand, den man in der Schweiz betreiben müsse.

Sie hatte ein Treffen in der Fußgängerzone vorgeschlagen. Kigali ist eine der wenigen afrikanischen Metropolen mit einem verkehrsberuhigten Zentrum. Hier gibt es Straßenlaternen (die funktionieren), Lichtsignale (an die sich alle Verkehrsteilnehmer halten) und eine Helmpflicht für Motorradfahrer. Was es nicht gibt: Plastiktüten. Die wurden vor ein paar Jahren von der Chefin der Umweltbehörde verboten. 

Alice Nkulikiyinka erklärt, dass sich die Menschen in Ruanda gemeinsam um den öffentlichen Raum kümmern. „Am letzten Samstag im Monat wischt man zusammen mit den Nachbarn den Bürgersteig, pflanzt ein Blumenbeet oder saniert eine Straße.“ Nach der Arbeit bespricht man die Probleme im Quartier. „Bei diesen Treffen fällt mir auf, wie sensibel die Leute auf die Unterdrückung von Frauen reagieren. Wenn einer seine Tochter nicht in die Schule schickt oder seine Frau schlägt, wird er öffentlich zur Rede gestellt.“ 

Wenige hundert Meter von der Fußgängerzone entfernt steht der Kigali City Tower. Im Schatten des verspiegelten Hochhauses liegt das Bourbon Coffee, eine Art ruandischer Starbucks, wo die Mittelschicht Cappuccino trinkt und Schwarzwälder Kirschtorte isst. Dort treffen wir Teta Diana, 23 Jahre alt, eine der erfolgreichsten Musikerinnen des Landes und schlagfertig wie eine Woody-Allen-Figur. Wie geht es den jungen Frauen in Ruanda? „Exzellent! So gut, dass die Jungs nachts nicht mehr schlafen. Sie haben Angst, dass sie auf der Strecke bleiben.“ Ihr Smartphone klingelt, eine Anfrage für eine Hochzeit. „Das macht 600 Dollar für mich und die Band“, sagt sie selbstbewusst. Teta Diana gehört zur Post-Genozid-Generation, sie möchte die Vergangenheit zwar nicht vergessen, aber sich davon auch nicht lähmen lassen. „Es gibt hier Tonnen von Möglichkeiten. Wenn du was im Kopf hast, wirst du Erfolg haben.“

Eine Aussage, die auch von Clarisse Iribagiza stammen könnte. Sie ist erst 27 Jahre alt, aber bereits eine von Ruandas Vorzeigefrauen: CEO einer aufstrebenden Softwarefirma namens HeHe Labs mit acht Festangestellten. In einer Neubauvilla am Stadtrand präsentiert sie ihren Businessplan. „Uns inte-ressiert es nicht, den Westen zu kopieren. Wir entwickeln Apps für Afrika.“ Wie kriege ich möglichst schnell ein Motorradtaxi und wo eine volle Kochgaskartusche? Das sind Alltagsfragen in Ruanda, für die das junge Start-up Antworten entwickelt hat. Und weil man ihre Apps im Google- und iTunes-Store nur schwer finden konnte, haben sie Nuntu entwickelt, einen App-Store für Afrika, den bereits über eine Million Leute nutzen.

2.500 Kilometer Glasfaserkabel wurden in Ruanda verlegt. Zwar wollten die internationalen Geldgeber lieber die Ärmsten unterstützen, aber die Regierung beharrte auf ihrem Anliegen – und Clarisse Iribagiza hat profitiert. Ohne das schnelle Netz gäbe es ihre Firma nicht, und auch zahlreiche andere Unternehmen wären nie entstanden. Die Technologiebranche wächst rasant, bereits rund zwei Drittel der Ruander haben ein Handy.

Der Frauenanteil im ruandischen Parlament ist weltweit am höchsten und beträgt 64 Prozent, auch das Amt des Parlamentspräsidenten hat eine Frau inne. Die Parlamentarierinnen haben einiges bewirken können, doch man darf ihren Einfluss nicht überschätzen. Die Leitplanken setzt ein Mann, Präsident Paul Kagame, bei ihm konzentriert sich die Macht. Der sehnige Machthaber mit dem schmalen Gesicht duldet kaum Kritik. Eben erst wurde Kagame von den USA und der EU gerügt, weil er die Verfassung ändern ließ, damit er für eine dritte Amtszeit antreten kann. Amnesty Interna-tional und Human Rights Watch berichten, die Menschen in Ruanda seien in ihrer Meinungsfreiheit stark eingeschränkt, politische Gegner würden verfolgt und nicht selten ohne angemessene Gerichtsverfahren inhaftiert. Beide Organisationen dokumentieren ungelös-
te Mordfälle von politischen Gegnern und regierungskritischen Journalisten.

Im Volk ist der Rückhalt für Kagame dennoch groß: Ohne seine klare Linie und seine feste Hand, so sagen viele, hätte sich das Land niemals so rasch entwickelt. Es ist ein Handel, den viele bewusst eingehen: wirtschaftliche Entwicklung gegen politische Freiheit. Eine Ruanderin erzählt uns aber, sie habe auch schon erwogen, das Land zu verlassen – und sich dann doch entschieden, zu bleiben. „Noch überwiegt für mich das Positive“, so ihr Fazit. Ruandas Korruptions-index ist niedriger als in zahlreichen europäischen Ländern, so gut wie alle Einwohner haben eine Krankenversicherung, die meisten Arbeitnehmer eine Pensionskasse, es gibt einen staatlich geregelten Mutterschaftsurlaub, und der Schulbesuch ist obligatorisch. In Ruanda gehen die Menschen heute doppelt so lange in die Schule wie noch vor zwei Jahrzehnten und leben beinahe doppelt so lange. Im „Global Gender Gap Report 2015“, der den Unterschied zwischen den Geschlechtern misst, liegt Ruanda auf Platz 6 und schneidet besser ab als Deutschland, das auf Platz 11 steht. Doch vor allem auf dem Land gibt es auch in Ruanda noch alte Rollenbilder. 

Der wirtschaftliche Boom in Ruanda ist der sichtbare Fortschritt der vergangenen zwei Jahrzehnte. Die unsichtbare, aber mindestens ebenso wichtige Entwicklung ist die Versöhnung zwischen Hutu und Tutsi. Sowohl in Ruanda selbst als auch unter internationalen Wissenschaftlern ist man der Meinung, dass die Frauen das Land befriedeten. Eine UNO-Studie stellt fest: „Sie konnten besser vergeben.“ Kaffee-Exporteurin Epiphanie Mukashyaka formuliert es eine Nuance anders: „Wir mussten verzeihen.“ Nachdem sie die Kaffeepflanzen des Bauern untersucht hat, klettert sie den Hang wieder hinunter, ihre Assistentin stützt sie an den steilen Stellen, Hand in Hand, eine Tutsi und eine Hutu. Unten angekommen, blickt die Unternehmerin ihre Mitarbeiterin an und sagt: „Wir hatten keine Wahl. Entweder du entscheidest dich, zu vergeben, oder du wirst wahnsinnig. Heute haben wir tatsächlich verziehen.“