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Marokkos Frauen schweigen nicht

In Leïla Slimanis Graphic Novel „Hand aufs Herz“ erzählen marokkanische Frauen von ihren sexuellen Erfahrungen. Es ist erschütternd und ermutigend zugleich – wie der Hashtag #masaktach, unter dem sich gerade Widerstand formiert

Hand aufs Herz ( Illustration: Laetitia Coryn, Avant Verlag)

Die Gleichstellung von Frau und Mann steht seit 2011 in der marokkanischen Verfassung. Seit September ist Gewalt gegen Frauen unter Strafe gestellt. Doch der Alltag für viele Frauen sieht bisweilen ganz anders aus. Davon erzählt Leïla Slimani in der Graphic Novel „Hand aufs Herz“. 

In Frankreich ist Slimani ein Star. Die 37-Jährige wird dort für ihre Romane wie „Dann schlaf auch du“ gefeiert. Präsident Emmanuel Macron engagierte sie als „Botschafterin für Frankofonie“. In Marokko, wo sie geboren wurde, ist sie hingegen umstritten. In ihren Romanen erzählt sie auch über schreckliche Dinge, die dort passieren. So auch wieder in ihrem neuen Werk „Hand aufs Herz“. 

Die Graphic Novel zeigt, wie sehr es in Marokko an sexueller Aufklärung mangelt

Diese Geschichte beginnt mit ihrer Lesereise durch Marokko. In der Stadt Rabat trifft Slimani auf eine Frau namens Nour, die kaum älter als sie ist. Ihre Leben könnten hingegen kaum unterschiedlicher sein. Nour war mit Männern zusammen, die sie nicht gut behandelten und ihr einredeten, sie sei als Frau weniger wert. 

Was Slimani hört, erschüttert sie. Weil Nour auch von den Geschichten ihrer Freundinnen berichtet und sich damit ein grundlegendes Problem andeutet, beginnt Slimani, mehr Frauen und auch Männer zu ihrer Sexualität zu befragen.

Hand aufs Herz ( Illustration: Laetitia Coryn, Avant Verlag)

In „Hand aufs Herz“ erzählen alle, mit denen Slimani spricht, ihre eigene Geschichte. Mit jeder offenbart sich ein bisschen mehr, wie sehr es an sexueller Aufklärung und weiblicher Selbstbestimmung mangelt. Männer teilen die Frauen in zwei Kategorien: die, mit denen sie schlafen, und die, die sie heiraten. Jungfräulichkeit und die Ehre der Frau (arab.: Haschuma) dürfen nicht befleckt werden, sonst sinkt die ganze Familie in ihrem Ansehen. Wenn es Probleme in der Ehe gibt, dann ist es immer die Schuld der Frau. Prostitution und Porno sind „harām“, also verboten, und trotzdem gehört Marokko zum fünftgrößten Online-Pornokonsumenten der Welt

Ein Jahr nach #MeToo startete die marokkanische Kampagne #masaktach: Ich schweige nicht

Das alles zeichnet die Graphic Novel in weichen Pastelltönen, untermalt von Stränden, prächtigen Kleidern und sandfarbenen Häusern. Slimani wollte auch diese Facetten des Landes zeigen und eben kein einseitiges Bild entwerfen. Die Szenen der Gewalt sind durch die Farben keineswegs verharmlost, die Grausamkeiten wirken deutlich.

 

Tatsächlich bewegt sich gerade in Marokko etwas, das in dem Buch noch nicht zur Sprache gekommen ist. Saad Lamjarred, ein beliebter marokkanischer Sänger, wird der Vergewaltigung mehrerer Frauen beschuldigt und saß deshalb in Südfrankreich im Gefängnis. Nachdem auch die Gruppenvergewaltigung und Zwangs-Tätowierung der 17-jährigen Khadija bekannt wurde, entstand eine Art marokkanisches #MeToo. Über die Twitter-Kampagne #masaktach (Ich schweige nicht) berichten viele Frauen von Übergriffen. Die Gründerinnen von #masaktach, die Anwältin Laila Slassi und die Künstlerin Maria Karim, hoffen: Wenn sich viele marokkanische Bürger zusammentun, mehr Frauenrechte fordern und damit Erfolg haben, könnten sie ja auch auf die Idee kommen, mehr Demokratie zu fordern. Für dieses Umdenken ist das Buch ein wichtiger Beitrag, auch wenn es Slimani noch viel Ärger in Marokko einbringen kann. 

 Leïla Slimani: „Hand aufs Herz“, Illustrationen: Laetitia Coryn. Avant-Verlag, 108 Seiten, 25 Euro

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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