Martin Keune, Inhaber einer Berliner Werbeagentur, sagte sich beim Anblick all der schrecklichen Bilder aus Syrien, dass er etwas tun müsse. Gemeinsam mit seiner Frau suchte er nach Möglichkeiten, die Not dieser Menschen zu lindern. Schließlich traf er Cheredin, einen seit mehreren Jahren in Deutschland lebenden Syrer, der ihn darum bat, eine Verpflichtungserklärung für seine noch in Syrien lebenden Eltern abzugeben.

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So sicher kann der Fluchtweg auch sein – wenn in Deutschland jemand eine Verpflichtungserklärung abgibt, im Bedarfsfall für die Kosten des Flüchtlings hier aufzukommen (Foto: privat)
So sicher kann der Fluchtweg auch sein – wenn in Deutschland jemand eine Verpflichtungserklärung abgibt, im Bedarfsfall für die Kosten des Flüchtlings hier aufzukommen (Foto: privat)


Die Hürde, solch eine Erklärung zu unterschreiben, sagt Martin Keune, sei sehr hoch. Laut Rechtsauffassung des Bundesinnenministeriums gilt die Verpflichtungserklärung unbefristet. Das bedeutet, dass man als Verpflichtungsunterzeichnender im Bedarfsfall unbefristet für die Miete und die Lebenshaltungskosten, in einigen Bundesländern außerdem – immer noch – für die Krankheitskosten aufkommen muss. Allerdings interpretieren die Bundesländer diese Verordnung recht unterschiedlich: Während zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen oder Thüringen die Verpflichtungsgeber bei Anerkennung des Asylstatus des Flüchtlings aus der Haftung entlassen werden, gelten die Verpflichtungserklärungen in Brandenburg und Berlin ein Leben lang.Seit zwei Jahren ermöglichen befristete Aufnahmeprogramme vieler Bundesländer den Nachzug von Familienangehörigen syrischer Flüchtlinge. Bedingung ist jedoch, dass diese für alle Kosten aufkommen und daher beispielsweise in Berlin ein Nettogehalt von 2.150 Euro vorweisen können – die Höhe ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich. Da die meisten Syrer nicht über solche finanziellen Mittel verfügen, suchen sie einen Bürgen, der für sie mit einer Verpflichtungserklärung einspringt.

Obgleich ihm sein Anwalt davon abriet, hat Martin Keune Anfang Mai eine Verpflichtungserklärung für Cheredins Eltern Baderkhan (86) und Khaji (71) bei der Berliner Ausländerbehörde abgegeben. Keune sagt, dass Cheredin das Geld nicht hatte und er ihm helfen wollte. Außerdem hätte er den zwei alten Leuten die unsichere Flucht über das Mittelmeer ersparen wollen. Natürlich habe ihm die unbefristete Haftung auch ein wenig Angst gemacht. Aber er habe sich gesagt: „Es muss geholfen werden, und ich habe die Mittel. Also mach es doch einfach.“

Um das finanzielle Risiko einer solchen Verpflichtungserklärung zu minimieren, haben Martin Keune und sein Mitstreiter, der Berliner Rechtsanwalt Ulrich Karpenstein, im März dieses Jahres den Verein „Flüchtlingspaten Syrien“ gegründet. Auf ihrer Internetplattform kann man ab zehn Euro pro Monat Pate oder Patin werden. Der Verein sucht Menschen, die Verpflichtungserklärungen übernehmen oder mit Spenden zum Lebensunterhalt der Familien beitragen.

Noch liegen Steine im Weg der Initiative

Die Resonanz, sagt Martin Keune, sei überwältigend gewesen – inzwischen bekomme der Verein 20.000 Euro pro Monat von seinen Paten. Darüber hinaus habe man Einzelspenden in Höhe eines sechsstelligen Betrages erhalten, mit denen Rücklagen für schlechtere Zeiten gebildet worden seien. Mit diesen Beträgen könne man, so Keune, bis Ende des Jahres 40 Personen legal aus Syrien herausholen. Die ehrenamtlich engagierten „Flüchtlingspaten“ kümmern sich um Anträge, buchen Flüge, organisieren Sprachkurse, suchen Kita-Plätze, zahlen die Miete und sorgen für die Lebenshaltungskosten der Flüchtlinge.

Durch die finanzielle Absicherung des Vereins, erläutert Martin Keune, sei es ihnen gelungen, auch immer mehr Verpflichtungsgeber zu finden. Dennoch sei dieser Zustand der unbefristeten Haftung natürlich sehr unbefriedigend. Deswegen versuche der Verein, durch politische Aufklärungsarbeit die Ministerien davon zu überzeugen, die Verpflichtungserklärungen in allen Bundesländern auf den Zeitraum bis zur Anerkennung des Asylstatus zu begrenzen. Martin Keune sagt: „Es ist schwer zu verstehen, dass man einer Initiative von Bürgerinnen und Bürgern, die die Flüchtlinge selbst aufnimmt und auf eigene Kosten unterbringt, solche Steine in den Weg legt.“

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Nach viel Bürokratie am Ende doch auch eine ganze Menge Gefühl: Martin Keune holt zusammen mit Cheredin dessen Eltern am Flughafen ab (Foto: privat)
Nach viel Bürokratie am Ende doch auch eine ganze Menge Gefühl: Martin Keune holt zusammen mit Cheredin dessen Eltern am Flughafen ab (Foto: privat)

Cheredins Eltern Baderkhan und Khaji sind Anfang August in Berlin-Tegel gelandet. Monatelang hätten sie, sagt Martin Keune, um die beiden Alten gebangt, ihnen das Visum besorgt, die Wohnung mit gespendeten Möbeln eingerichtet und schließlich das Flugticket gekauft. Und obwohl er sie nicht gekannt habe, sei dadurch eine emotionale Bindung entstanden. „Und als wir sie dann am Flughafen begrüßen durften, hatte ich Tränen in den Augen.“

Alem Grabovac lebt als freier Autor und Journalist in Berlin. Als er das Bild eines dreijährigen ertrunkenen syrischen Flüchtlingskindes an der türkischen Küste sah, hatte auch er Tränen in den Augen.