Er hatte sich das alles anders vorgestellt. Er wollte schnell Arbeit finden, Geld verdienen, etwas von dem Verdienten seiner Familie nach Ghana schicken, der Mutter, den Geschwistern, der Tochter. Stattdessen, sagt er, durchwühlt er die Mülleimer am Bahnhof. Keinen Cent konnte er überweisen. Und die anderen Ghanaer, die Jonathan in Hamburg traf, machten ihm wenig Hoffnung: Das sei halt alles nicht so einfach mit der Anerkennung, den Papieren, den Behörden, viele Asylanträge würden abgelehnt. Seit Oktober ist Jonathan in Deutschland. Jetzt will er zurück: So schwer sei es, wirklich anzukommen, unmöglich fast. „I have taken the decision to go.“

Jonathan, 35 Jahre alt, ist einer von mehreren Migranten, die in jüngster Zeit die Rückkehrberatung des gemeinnützigen Hamburger Flüchtlingszentrums aufsuchen: Mit der großen Zuwanderung nach Deutschland steigt auch die Zahl derer, die umkehren wollen. Was durchaus paradox ist. Warum kommt man, um wieder zu gehen?

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Unsere Bilder zeigen die Geschichte eines anderen Mannes: Ajad Mohammed, 28 Jahre, den es nur 100 Tage in Deutschland hielt. Dann hat er sich in einem Berliner Reisebüro, das auf Kurdistan spezialisiert ist, sein Rückflugticket besorgt (Foto: Fabian Weiss)
Unsere Bilder zeigen die Geschichte eines anderen Mannes: Ajad Mohammed, 28 Jahre, den es nur 100 Tage in Deutschland hielt. Dann hat er sich in einem Berliner Reisebüro, das auf Kurdistan spezialisiert ist, sein Rückflugticket besorgt (Foto: Fabian Weiss)

Neben dem Ticket gibt es eine Reisebeihilfe von 200 Euro, außerdem eine Starthilfe, um in der Heimat wieder Fuß zu fassen

Viele hätten sich das Leben hier anders vorgestellt, erklären sie im Beratungszentrum. Da sind die Aufnahmeeinrichtungen, die kaum Privatsphäre zulassen, in denen Ankommende mitunter monatelang ausharren müssen. Nicht wenige stellen erschrocken fest, dass es dauert und dauert und dauert, bis sie ihre Angehörigen zu sich holen können. Wenn das überhaupt klappt. „Hier auszuharren und nichts tun zu können, während die Familie weiter in Unsicherheit lebt, ist zermürbend“, sagt die Sozialarbeiterin Anne Helberg vom Flüchtlingszentrum Hamburg. Rund 200 Migranten hat die Beratungsstelle allein in diesem Jahr beim Weg zurück unterstützt – so viele wie selten zuvor.

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Ajad hatte in Deutschland eine Schussverletzung behandeln lassen wollen. Aber dann fand er es schwer, sich hier zurechtzufinden. Eine Arbeit hat er auch nicht bekommen. Irgendwann sagte er zu seinem Mitbewohner in der Flüchtlingsunterkunft: „Ich halte es  (Foto: Fabian Weiss)
Ajad hatte in Deutschland eine Schussverletzung behandeln lassen wollen. Aber dann fand er es schwer, sich hier zurechtzufinden. Eine Arbeit hat er auch nicht bekommen. Irgendwann sagte er zu seinem Mitbewohner in der Flüchtlingsunterkunft: „Ich halte es nicht mehr aus, ich will zurück“ (Foto: Fabian Weiss)

Bund und Länder erleichtern Migranten die Umkehr in ihr Herkunftsland und zahlen ihnen sogar Geld dafür. Das größte Förderprogramm zur „dauerhaften freiwilligen Ausreise“ verbirgt sich hinter dem Kürzel „REAG/GARP“: Neben dem Ticket gibt es eine Reisebeihilfe von 200 Euro (100 Euro für Kinder unter zwölf Jahren), außerdem eine Starthilfe, um in der Heimat wieder Fuß zu fassen. Dieser Zuschuss variiert je nach Land: 300 Euro bekommen zum Beispiel Syrer oder Ägypter, 500 Euro Afghanen und Iraker. Vor allem Ende der 90er-Jahre sind viele Menschen, die nach den Kriegen auf dem Balkan in Deutschland Schutz suchten, mit dem Programm in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Gut 37.000 Rückkehrer wurden im vergangenen Jahr mit diesem Programm unterstützt. Dieses Jahr dürfte die Zahl weiter steigen: Allein in den ersten drei Monaten wurden 14.085 Anträge bewilligt, dreimal so viele wie im gleichen Zeitraum 2015. Die meisten Rückkehrer gingen auch in diesem Jahr in die Westbalkanstaaten, gefolgt von Irak, Afghanistan und Iran.

Die Idee ist nicht ausschließlich deutsch: Unterstützung zur Rückkehr bieten auch andere Länder

Die Idee ist keineswegs neu: Anfang bis Mitte der 80er-Jahre hatte die damalige Bundesregierung bereits versucht, arbeitslose Ausländer mit massiven Geldangeboten zur Rückkehr in ihr Heimatland zu bewegen. Bis zu 10.500 DM versprach das Rückkehrhilfegesetz Migranten, die etwa durch die Stilllegung ihres Betriebs arbeitslos geworden waren, wenn sie dem deutschen Arbeitsmarkt den Rücken kehren – was tatsächlich viele, vor allem türkische Gastarbeiter taten. Und die Idee ist zudem keineswegs ausschließlich deutsch: Unterstützung zur Rückkehr bieten auch andere Länder in Europa und weltweit.

Koordiniert werden viele dieser Programme von der Internationalen Organisation für Migration (IOM), der 162 Staaten angehören. Sie versteht ihre Arbeit als humanitäre Hilfe, geriet in der Vergangenheit aber auch als Handlanger einer restriktiven Einwanderungspolitik in die Kritik. 2007 produzierte die IOM im Auftrag der Schweiz einen Werbespot, der Afrikaner mit Schockbildern von der Einreise in Europa abhalten sollte. Zwischenzeitlich betrieb die Organisation für die australische Regierung ein Internierungslager, in dem afghanische Asylsuchende eingesperrt wurden. Und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bemängelte 2003, die IOM schicke Migranten in Länder zurück, in denen sie nicht unbedingt sicher seien.

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In seiner Heimatstadt Arbil wird Ajad von seiner Familie empfangen. Freudentränen fließen, obwohl es kein glückliches Ende ist. Heute denkt Ajad, dass er sich vor seiner Flucht besser über Deutschland hätte informieren sollen. Und es nagen Zweifel  an ihm (Foto: Fabian Weiss)
In seiner Heimatstadt Arbil wird Ajad von seiner Familie empfangen. Freudentränen fließen, obwohl es kein glückliches Ende ist. Heute denkt Ajad, dass er sich vor seiner Flucht besser über Deutschland hätte informieren sollen. Und es nagen Zweifel an ihm, ob er sich einfach nur nicht genug bemüht hat in dem fremden Land (Foto: Fabian Weiss)

„Es ist die institutionelle Auffassung der IOM, dass zu einer selbstbestimmten Rückkehr in Würde der Aspekt der Reintegrationsunterstützung zählt“, heißt es hingegen in einem IOM-Bericht zu Rückkehrhilfen. Die IOM Deutschland verweist auch darauf, dass sie mit diversen Bundesministerien eng zusammenarbeite, darunter auch mit dem Bundesministerium des Innern und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Zweischneidig bleiben die Ausreiseprämien wohl immer. Sie mögen eine ehrliche Hilfe sein für Migranten, die in Deutschland unglücklich sind und unter schlechten Bedingungen leben. Oder auch die in Geld bezifferte Ablehnung – ein paar hundert Euro, für die Zuwanderer in ihrer Verzweiflung auch noch dankbar sein müssen.

Ausreiseprämien mögen eine ehrliche Hilfe sein für Migranten, die in Deutschland unglücklich sind – oder auch die in Geld bezifferte Ablehnung

Ein kleines Vermögen, rund 2.000 US-Dollar, hat Jonathan für seine Flucht bezahlt, für eine gefährliche Fahrt mit dem Boot über das Mittelmeer. Es verlieren Menschen ihr Leben dabei, werden tot an die Strände gespült. Er wolle die Erinnerung an diese Fahrt am liebsten auslöschen, sagt er.

Als Jonathans Mutter gehört hatte, dass ihr Sohn es nach Deutschland geschafft hat, war sie überglücklich. Und umso verständnisloser, als er ihr kürzlich erzählte, dass er zurückwill. Er solle doch noch warten, habe sie ihm empfohlen. Natürlich, sagt Jonathan, er hat viel riskiert. Und ja, es frustriert ihn, das alles wieder aufzugeben. Sehr. Mit großen Hoffnungen ist er nach Europa gekommen. Heute hofft er nur noch, dass sein Antrag auf ein Rückreiseticket Erfolg hat.