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Ein Megafon, um zurückzubrüllen

In der Leipziger Ausstellung „Virtual Normality“ erkunden 13 Netzkünstlerinnen das Verhältnis von gesellschaftlichen Normen und Selbstbestimmungen im Internet

  • 4 Min.
Arvida Bystrom Self Portrait 2013

Der Spot dauert nur 15 Sekunden. Und eigentlich sind es auch nur ein paar Haare – bloß sprießen die an den Waden einer Frau, der schwedischen Künstlerin Arvida Byström, die sich im September in einem Adidas-Werbespot so inszenierte. Prompt erhielt sie Beschimpfungen und Vergewaltigungsdrohungen auf ihrem Instagram-Account.

Mit solchen Shitstorms hat Byström reichlich Erfahrung. Und nicht nur sie. Wie schwer es vor allem für Frauen ist, den Zustand der Selbstbestimmtheit in den sozialen Medien zu erreichen, verhandelt eine Ausstellung im Leipziger Museum der bildenden Künste. „Virtual Normality. Netzkünstlerinnen 2.0“ lautet der Titel der von Anika Meier und Sabrina Steinek kuratierten Schau. Die gezeigten Werke stammen ausschließlich von Frauen. Das hat inhaltliche Gründe: Bis heute werden das Verhalten und das Auftreten von Frauen – vor allem das optisch sichtbare – stärker gesellschaftlich reglementiert als das von Männern. Daran hat das Aufkommen des Internets wenig bis gar nichts verändert.

Izumi Miyazaki, Tomato, 2015
Izumi Miyazaki, Tomato, 2015
 

„Können wir unserem Geschlecht online entkommen?“, fragen sich Cyberfeministinnen schon seit den 1980er-Jahren. Die Antwort lautet: Nein. Das Netz spiegelt nur, was es auch zuvor schon gab. Frauen, die sich im Netz bewegen, lassen sich online vielleicht sogar noch leichter beurteilen und bewerten als zuvor.

„Viele der Arbeiten befassen sich mit der Darstellung weiblicher Sexualität und mit Schönheitsidealen“, sagt die Journalistin und Kuratorin Anika Meier. Sie greifen Themen auf, die ihre unmittelbaren Erlebnisse widerspiegeln. „Männer haben beispielsweise weniger mit Bodyshaming zu tun als Frauen“, sagt Meier. „Wenn ein Mann Haare an den Beinen hat, dann stört das keinen.“ Präsentiert sich eine Frau unrasiert, fühlen sich andere Menschen dazu berechtigt, genau das zu verurteilen.

Vorsicht! Schamhaare

Auch die Plattformen greifen normierend ein, wenn Frauen „über Schönheitsideale reflektieren und Unbequemes wie ihre Periode und Körperhaare zeigen“, so der Begleittext zur Ausstellung. Basierend auf den Richtlinien des Netzwerks hat Instagram in der Vergangenheit immer wieder weibliche Brustwarzen zensiert. Und als die kanadische Fotografin Petra Collins 2013 ein Foto von sich im Badeanzug postete, auf dem ihr Schamhaar am Rand hervorlugte, sperrte Instagram den Account.

The Honeymoon Suite aus der Serie: The Honeymoon, 2015
Juno Calypso, The Honeymoon Suite, aus der Serie: The Honeymoon, 2015

Collins hatte nicht gegen die Regeln des Netzwerks verstoßen, wohl aber gegen die allgemeine Vorstellung von Weiblichkeit und das unausgesprochene Gebot, dass weibliche Körper nicht unretuschiert in ihrer natürlichen Form gezeigt werden.

Gegen diese Form der Fremdbestimmung gehen die Künstlerinnen vor, wenn sie sich im Netz und in sozialen Netzwerken entweder so authentisch wie möglich zeigen oder aber den gesellschaftlich anerkannten Schönheitsidealen widersprechen beziehungsweise diese überzeichnend inszenieren. Oft in übertrieben sexualisierten Posen und in mit „Weiblichkeit“ assoziierten Farben wie Pink, Pastelltönen und Neon. Die Grenzen zwischen Authentizität und Inszenierung sind oft fließend und werden häufig auch von Kunstkritikern missverstanden. „Der Instagram-Account einer Netzkünstlerin ist nicht automatisch deren Werk“, betont Kuratorin Meier immer wieder. Er erfüllt oft eine hybride Form, ist also Fototagebuch und künstlerisches Medium zugleich. „Die Künstlerinnen übertragen ihr Leben via Smartphones, Tablets und Computer in den sozialen Medien, sie spielen Charaktere, erschaffen ein Alter Ego, schlüpfen in Rollen und führen so Stereotype, Klischees und Archetypen vor Augen.“

Prügel für das „hyersexualisierte Wesen“

Die US-Netzkünstlerin und selbst erklärte Online-Exhibitionistin Molly Soda lebt quasi im Netz. Entsprechend vielfältig ist, was sie dort hinterlässt. Auf ihrem Youtube-Kanal, ihrem Tumblr-Blog und seit einiger Zeit auch auf der Online-DIY-Plattform NewHive reproduziert und verfremdet sie Onlinetrends und archiviert gleichzeitig ihr eigenes Leben. „Auch das ist eine Form von Aktivismus: einfach zu existieren und sich als Frau in die Öffentlichkeit zu stellen und sich dabei nicht dafür zu schämen, wer du bist und worum es dir geht“, wird Soda in einem Begleittext zur Ausstellung zitiert.

Das erschütterndste Exponat der Ausstellung ist das Video „American Reflexxx“ der US-Netzkünstlerin Signe Pierce. Als „hypersexualisiertes Wesen“ geht Pierce darin in blauem Minikleid, High Heels und einer verspiegelten Alienmaske in Myrtle Beach in South Carolina einen Boulevard entlang; sie posiert und tanzt in aufreizenden Bewegungen. Sofort bildet sich ein Mob aus Schaulustigen, die sie filmen, sich über sie lustig machen und verzweifelt versuchen, ihr Geschlecht zu identifizieren. Schließlich wird sie von einer anderen Frau im wörtlichen Sinne zu Fall gebracht und liegt mit aufgeschlagenem Knie auf dem Asphalt. „Die Menschen fürchten, was sie nicht verstehen“, sagt Pierce über das Video.

Es zeigt: „Es ist ein radikaler Akt, sich freiwillig nicht an die Regeln zu halten, anders und non-konform zu sein.“ Und er wird sofort sanktioniert – online ebenso wie im echten Leben, nur mit anderen Mitteln. Für sie sei das Internet deshalb eine Technik, die eine größere Plattform biete, „ein Megafon, um zurückzubrüllen“.

 

Titelbild: Arvida Byström, Selfportrait, 2013

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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