Dies ist die Geschichte des Ackerbauern Yacouba Sawadogo, der in der Provinz Yatenga im Norden von Burkina Faso, am Rande der Sahelzone, alleine einen Wald von 30 Hektar pflanzte. Er ließ Hirse sprießen, wo Ödnis war, schuf kühlenden Schatten, wo heiße Sonne war. Er rang dem unbarmherzigen Nichts einen Garten Eden ab.

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Früher nannten sie ihn einen Verrückten – heute ist Yacoubo für viele so etwas wie ein Heiliger (Foto: Andrea Jeska)
Früher nannten sie ihn einen Verrückten – heute ist Yacoubo für viele so etwas wie ein Heiliger (Foto: Andrea Jeska)

Die Geschichte beginnt in den späten 1950er-Jahren, als Yacouba Sawadogo, Kind armer Bauern, auf einer Koranschule trotz aller Anstrengungen nicht lesen und nicht schreiben lernte. Nur eines wusste der Junge besser als alle anderen: wo und wie die Bäume am besten wachsen und wie man aus ihrer Rinde, ihren Blättern Medizin macht. Als junger Mann, noch immer schreibunkundig, kehrte er in sein Dorf zurück. Er verkaufte Waren auf dem Markt einer nahe gelegenen Stadt, doch er war nicht zufrieden. „Ich führte das Leben eines Mannes, der vergessen hatte, dass ein Mann niemals für seinen eigenen Zweck leben sollte.“

Anfang der 1980er-Jahre dann kam eine große Dürre wie ein Schreckgespenst über die Sahelzone auf Yatenga zugekrochen. Sie kam zu einer Zeit, als die Getreidespeicher ohnehin schon leer waren und die Menschen geschwächt. Kein neuer Halm wuchs, kein Tropfen befeuchtete den Boden. Rund 50 Millionen Menschen in den Ländern der Sahelzone hungerten. Wie viele genau starben, weiß niemand, manchen Schätzungen zufolge waren es eine Million. Und niemand hatte mehr Kraft, die Toten zu begraben. In Scharen flohen die Menschen aus ihren Dörfern, nach Ouahigouya und in andere Städte. Sie hofften, dem Hungertod zu entkommen, doch in den Städten gab es oft nur überfüllte Lager und Krankheiten.

Entsetzt von all diesem Leid, gab Yacouba seine sichere Existenz auf, um anderen zu helfen. Er besaß kein eigenes Land, das er hätte fruchtbar machen können. Er hatte nur eine Hacke. Die nahm er und ging dahin, wo nichts war. Nur leere Wüste. Ging mit dem Willen, die Wüste fruchtbar zu machen. „Ein Verrückter“ haben ihn die anderen damals genannt.

Zaïégré, das bedeutet übersetzt: früh aufstehen und den Boden bearbeiten

Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es ist unter anderem bewohnt von den nomadisierenden Fulbe und den sesshaften Mossi, die vom Ackerbau und der Viehzucht leben. Der größte Teil des Landes sind Savanne und wüster, trockener Boden. Je weiter man nach Norden kommt, desto karger werden Erde und Himmel. Schließlich öffnet sich die Landschaft wie ein Delta, und nur vereinzelte Bäume unterbrechen die Linie des Horizonts.

Yacouba besann sich auf Zaï, eine uralte Art des Ackerbaus, die praktiziert wird, wo der Boden verkrustet ist und das Regenwasser nicht aufnimmt, sondern abfließen lässt, wo Bäume keinen Schatten geben, wo heiße Sonne und Wasserarmut eine menschenfeindliche Allianz bilden. Es ist die Abkürzung des Wortes Zaïégré, das übersetzt bedeutet: früh aufstehen und den Boden bearbeiten. 60 Tage lang muss ein Mann fünf Stunden täglich die Erde aufhacken und Löcher graben, 20 Zentimeter breit, 20 Zentimeter tief, will er einen Hektar mit Zaï haben.

Jahrhundertelang hatten die Menschen in Burkina Faso Zaï betrieben, doch Zaï war langen Dürrezeiten nicht gewachsen. Die Erträge reichten nicht mehr aus, als die Bevölkerung wuchs, die Dürren länger wurden. Zu erkennen, dass man die alten Methoden verbessern muss, war vielleicht Yacoubas wichtigste Tat. Er vergrößerte die Zaï-Löcher, ummantelte den Samen mit einer Mischung aus Blättern, Dung und Asche, legte Reihen von Steinen, um den Abfluss des Regenwassers aufzuhalten. Er begann mit dem Hacken der Löcher im späten Frühling, nicht, wie es Tradition war, erst zur Regenzeit. Schon die erste Ernte war ein Erfolg, sie füllte Yacoubas Hirsespeicher, und die Nachricht von seinem Tun drang bis nach Ouahigouya. Jetzt kamen die Hungernden zu ihm, und er gab, solange er zu geben hatte.

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Unterwegs in seinem Wunderwald: 42 Fußballfelder misst Yacoubos Werk inzwischen (Foto: Andrea Jeska)
Unterwegs in seinem Wunderwald: 42 Fußballfelder misst Yacoubos Werk inzwischen (Foto: Andrea Jeska)

Mehr als drei Jahrzehnte ist es nun her, dass Yacouba zum ersten Mal seine Hacke schwang. Seither sind die Menschen nach Yatenga zurückgekehrt, beseelt von einer Hoffnung, die keine der großen Hilfsorganisationen brachte, sondern einer der Ihren. In diesen Jahren hat sich der Grundwasserspiegel rund um Yacoubas Wald gehoben, und Hunderte Hektar Wüste sind Ackerland geworden. Nie wieder musste Yacoubas Familie – drei Frauen und inzwischen 60 Kinder und Enkelkinder – hungern. Yacouba veränderte die Düngerzusammensetzung, so dass Termiten angezogen werden, die den Boden aufwühlen. Das Regenwasser dringt nun leichter ein. Er stellt aus Rinde und Blättern, aus Früchten und Blüten Medizin her. Und sein Wald wuchs: Heute ist er 42 Fußballfelder groß, und darin stehen 60 verschiedene Bäume und Sträucher, die größte Artenvielfalt in diesem Teil der Sahelzone.

Mitte der 1980er-Jahre hörten die Menschen auf, in Yacouba einen Verrückten zu sehen, und fingen an, mit Respekt von ihm zu sprechen. Damals reiste der Wissenschaftler Chris Reij durch den Norden von Burkina Faso. Reij hörte von diesem Mann, der ödes Land begrünt, und war elektrisiert. „Ich hatte so viele schlechte, sinnlose Projekte gesehen, dass ich schon glaubte, wir würden das Problem des Hungers nie in den Griff bekommen. Dann traf ich Yacouba, und es war wie ein Lichtstrahl. Dieser Mann ist ein Visionär.“

In den 1990er-Jahren holte Reij Bauern aus dem Niger und aus Mali nach Gourga, damit ihnen Yacouba sein Wissen vermittle. „Im Niger ist Yacoubas Zaï inzwischen noch viel erfolgreicher als hier. Abertausende Farmer praktizieren es dort mit großen Erfolgen.“ Und immer noch kommen jede Woche Bauern zu Yacouba. Viele von Yacoubas Schülern sind Frauen, die von ihren Männern verlassen wurden oder verwitwet sind. Ödes Land zu beackern, das ihnen keiner streitig macht, ist für die Frauen die einzige Möglichkeit, sich zu ernähren. „Wenn ihr bereit seid, hart zu arbeiten, dann wird Zaï euch und euren Kindern Essen und Frieden bringen“, sagt Yacouba zu den Frauen, und sie nicken und schwingen die Hacken in den Himmel.

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So wird's gemacht: Bei Yacoubo lernen andere Landwirte, wie man Zaï praktiziert (Foto: Andrea Jeska)
So wird's gemacht: Bei Yacoubo lernen andere Landwirte, wie man Zaï praktiziert (Foto: Andrea Jeska)

Wer Reij fragt, warum Yacouba das gelang, woran die Entwicklungshilfe und teuer bezahlte Spezialisten scheiterten, vernimmt vorsichtige Sätze über das Überlegenheitsgefühl der Weißen. Konzepte seien erfunden worden, die den Bedingungen, der Kultur und den Traditionen nicht angepasst waren und schon nach kurzer Zeit fehlschlugen.

2007 traf der Kameramann Mark Dodd auf Yacouba. „Ich sah Yacouba, wie er allein vor dem Horizont stand und Loch um Loch hackte. Es war, als sei ich einem Titanen begegnet.“ Dodd drehte einen Dokumentarfilm über Yacouba. Dieser trägt den Titel: „Der Mann, der die Wüste aufhielt“.

Yacouba Sawadogo ist heute ein geachteter Mann in Burkina Faso. Er hat an internationalen Konferenzen teilgenommen und von Zaï erzählt. Nun aber ist er 73 Jahre alt und müde. Vor einiger Zeit war sein Wald in Gefahr. Das Land, das er beackert, gehört ihm nicht. Eines Tages kamen Landvermesser und schlugen Grundsteine in Yacoubas Boden. Einen setzten sie in Yacoubas Wald und sagten, die Hälfte des Waldes müsse abgeholzt werden. Yacouba ging zur Provinzregierung. Man sagte ihm, er könne das Land für umgerechnet 50 000 Euro kaufen. Yacouba sagte, so viel Geld werde er niemals besitzen. Seither sind einige Jahre vergangen, und Yacouba hat seinen Wald einfach weiter vergrößert. Rundherum sind Häuser entstanden, doch noch hat niemand es gewagt, einen einzigen von Yacoubas Bäumen zu fällen. Vielleicht wird es so bleiben. Yacouba wird sterben, doch der Wald wird ein ewiges Zeugnis seiner Kraft sein.

Die Journalistin Andrea Jeska ist nicht umsonst viel in Afrika unterwegs: Sie schreibt lieber über Hütten als über Paläste.