Sonne und sambatanzende Strandschönheiten prägen unser Bild von Brasilien. Als Tourist in Rio de Janeiro fallen einem aber erst einmal andere Dinge ins Auge: soziale Spaltung, eine veraltete Infrastruktur und dass nur wenige Englisch sprechen. Ein Gespräch mit dem Schweizer Journalisten und Buchautor Ruedi Leuthold, der seit sieben Jahren in Brasilien lebt.

fluter.de: „Jetzt sind wir nicht einmal mehr das Fußballland, was sind wir dann noch?“ So wurde ein brasilianischer Fan nach dem 1:7-Debakel gegen Deutschland zitiert. Ist das Ausscheiden wirklich so schlimm für das Land?

Ruedi Leuthold: Eine Niederlage hätten die Brasilianer akzeptieren können, denn die Mannschaft spielte vorher schon nicht gut. Aber das Resultat ist eine Demütigung, die sich niemand in den schlimmsten Träumen hat vorstellen können. Sie wird das Land bestimmt noch lange beschäftigen. Fußball hält Brasilien zusammen, es ist etwas, wo alle mitreden können, und diese als Schmach und Tragödie empfundene Niederlage wird bestimmt auch einen Prozess der Selbstbefragung auslösen.

Ist es nicht sogar ganz gut, dass Brasilien bei der WM rausgeflogen ist, damit die Missstände nicht durch die Fußballeuphorie verdeckt werden?

Nein, denn Brasilien ist schon seit dem Beginn der Proteste im vergangenen Jahr viel erwachsener geworden. Den naiven Glauben, dass der Fußball quasi eine Religion ist, haben selbst die Ärmeren nicht mehr.

Wenn man als Tourist am Flughafen in Rio ankommt, wähnt man sich in einem sehr armen Land: Das Flughafengebäude sieht alt und verkommen aus, die Kabel hängen aus der Decke. Ich dachte, Brasilien hätte einen enormen Aufschwung hinter sich ...

Es gibt schon auch andere Flughäfen, aber es ist tatsächlich so, dass die Infrastruktur enorm vernachlässigt wurde. Die Regierung hat stattdessen viel getan, um das tägliche Elend der Leute zu lindern, auch wenn man für deren Zukunftschancen zu wenig tut. Der wirtschaftliche Aufschwung beruhte vor allem auf den bis vor wenigen Jahren steigenden Weltmarktpreisen für Rohstoffe und weniger auf einem nachhaltigen wirtschaftlichen Wandel. 

Mich hat überrascht, dass es in den Favelas eine Stromversorgung gibt und unheimlich viele Handymasten.

Der Strom wird gestohlen, indem man die Leitungen anzapft, beim Funknetz ist es genauso. Dagegen sagt aber niemand etwas, weil man die Millionen Menschen in den Favelas als Stimmen für die nächste Wahl benötigt. Was fehlt, sind langfristige Investitionen, etwa in die Bildung. Es ist schon dramatisch, wie wenig selbst eine linke Regierung langfristig für die Aufstiegschancen der Armen tut.

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Franciele aus dem Barra de Tijuca in Rio de Janeiro. Es war lange unklar, ob ihre Familie ihr Haus verlassen muss. (SHIFT)
Franciele aus dem Barra de Tijuca in Rio de Janeiro. Es war lange unklar, ob ihre Familie ihr Haus verlassen muss. (SHIFT)

Apropos Bildung: Es ist auffallend, dass selbst in den Touristenzentren kaum jemand Englisch spricht. Nicht mal am Flughafen oder bei der Autovermietung.

Brasilien war lange Zeit ein sehr verschlossenes Land und sich selbst genug. Was sicher auch mit der Größe zu tun hat – ähnlich wie in den USA. Viele junge Menschen fragen sich heute noch: Wozu soll ich Englisch lernen?

Beim Namen Copacabana denken viele an Bikinischönheiten und Caipirinha in Strandbars. Stattdessen fällt einem erst mal eine sechsspurige Straße und eine Reihe Hochhäuser ins Auge.

Die Copacabana ist völlig überaltert, ein Projekt, das bereits in den 30er-Jahren begann und in den 60er- und 70er-Jahren boomte, als Brasilien einen Aufschwung erlebte. Die meisten jungen Brasilianer gehen längst an die Strände außerhalb der Stadt, wo jetzt auch eine kreative Kultur existiert.

Dagegen wirken die Copacabana und das einst legendäre, von Astrud Gilberto besungene Ipanema wie Kulissen aus RTL2.

Ja, das ist recht trashig. Die Ärmeren, die nun ein wenig mehr Geld haben, wollen zeigen, was sie haben. Da wird vieles nachgeholt. Zum Status gehören daher viele Tätowierungen oder auch Schönheitsoperationen – also etwa ein größerer Busen. Es gibt auch ein großes Problem mit Fettleibigkeit.

Wenn man sich die Ferienkataloge in Deutschland ansieht, werden darin immer noch die Girls von Ipanema beschworen. Wem nutzen eigentlich diese immer wieder aufgewärmten Klischees?

Es ist schwer, in Brasilien eine Wahrheit zu finden. Die Touristen kommen hierher und suchen das Exotische und Fremde, selbst in den Favelas, die manchen ja recht malerisch vorkommen. Aber niemand schaut den Menschen in die Köpfe, in denen es immer noch viel soziale Diskriminierung gibt. Eine Mentalität fast wie zur Zeit der Sklaven, als ganz klar war, wer Herr ist und wer Diener.

Sind die momentanen Proteste nicht ein sichtbares Zeichen für den Willen nach Veränderung?

Das stimmt, und es ist etwas, was es in den Jahren davor so nicht gegeben hat – dass die Brasilianer auf die Straße gehen und ihre Stimme erheben. Anders als in den umliegenden Staaten hat es nie einen Unabhängigkeitskrieg gegeben, keinen Aufstand einer breiten Masse gegen die Mentalität der sozialen Abgrenzung. Es gab immer einen Weg, etwas Neues zu machen, damit alles beim Alten bleibt.

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cms-image-000043034.jpg (Foto: privat)
(Foto: privat)

Der Schweizer Journalist Ruedi Leuthold lebt seit vielen Jahren in Brasilien, seit längerem unweit der Copacabana. Er wurde unter anderem mit dem Columbus-Preis für die beste deutschsprachige Reisereportage ausgezeichnet. Sein Buch „Brasilien. Der Traum vom Aufstieg“ ist bei Nagel & Kimche erschienen.

Die Fotos

Am 12. Juni 2014 begann in Brasilien die Fußballweltmeisterschaft, 2016 werden die Olympischen Spiele ausgerichtet – Sport-Events, die dem Land ökonomische Vorteile sichern sollen. Die Medien berichten über gigantische staatliche Investitionen in neue Stadien und Infrastruktur, gewaltige Haushaltslöcher, Privatisierung öffentlicher Räume, polizeiliche Übergriffe und die Verdrängung von AnwohnerInnen durch Immobilienspekulation.

Im vergangenen Jahr reisten FotografiestudentInnen der Hochschule für Künste Bremen und eine Kulturwissenschaftsstudentin der Universität Lüneburg nach Brasilien, um sich diesen Umstrukturierungsprozessen zu nähern. Das Fotoprojekt SHIFT analysiert und kommentiert die sozialen und urbanen Veränderungen im Vorfeld der WM, bewegt sich dabei zwischen Dokumentation und Inszenierung, Fiktion und Analyse. Eine Ausstellung der Arbeit läuft bis noch bis zum 13. September 2014 im Theater Bremen. Das Buch „SHIFT BRAZIL 14/16“ ist bei Peperoni Books erschienen.

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