Das Engagement freiwilliger Helfer in der Flüchtlingskrise ist ungebrochen. Sie sammeln Spenden, sie organisieren Unterkünfte, sie übersetzen Bürokratendeutsch – und sie hacken. Denn die Flüchtlinge können gerade auch digitale Unterstützung gut gebrauchen. Und so sind in den vergangenen Wochen etliche Anwendungen entstanden, die Flüchtlingen den Start in Deutschland erleichtern sollen, etwa das Projekt „Germany says Welcome“, eine App und Website, mit der Zuwanderer leichter Ämter und WLAN-Spots finden, Güter auf einem Schwarzen Brett tauschen und Menschen einfacher zueinanderfinden sollen.

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Zum Kabelsalat werden Kaffee und Club-Mate gereicht – das Leibgericht eines jeden Hackathon-Teilnehmers (Foto: Heinrich Holtgreve)
Zum Kabelsalat werden Kaffee und Club-Mate gereicht – das Leibgericht eines jeden Hackathon-Teilnehmers (Foto: Heinrich Holtgreve)

Eine Gruppe Jugendlicher hat das Projekt im Rahmen des Hackathons „Jugend hackt“ programmiert. Auf Hackathons entwickeln Softwareexperten, Grafikdesigner und andere technikaffine Menschen binnen kurzer Zeit neue Programme – häufig für einen guten Zweck, oft aus Spaß an der Sache. Meistens geht das innerhalb eines Tages und einer Nacht vonstatten, durchwacht mit Hilfe von Kaffee und Club-Mate. „Germany says Welcome“-Mitentwickler Patrice Becker ist Stammgast bei „Jugend hackt“. Mit einem Freund hat er zuerst eine Tauschplattform für Flüchtlinge geschaffen, die er jetzt in eine All-in-one-Lösung umgestalten möchte. „Solche Tauschbörsen funktionieren hervorragend“, sagt Patrice. „Egal, ob ich meine Hilfe anbieten will, ein Praktikum oder einen Partner suche.“

Germany says Welcome will möglichst viele Funktionen miteinander verknüpfen, sodass sich die Nutzer nicht länger mehrere Programme zusammensuchen müssen. Integriert ist ein regionaler FAQ-Bereich mit Antworten aus den kommunalen Behörden; je nachdem, in welcher Stadt die App aufgerufen wird, stellt sie unterschiedliche Inhalte bereit. Enthalten ist auch eine Karte, in der unter anderem WLAN-Spots, Ämter und Krankenhäuser markiert sind. Außerdem haben die jungen Entwickler das „Refugee Phrasebook“ eingebunden, ein Wörterbuch, das erste Verständigungsbarrieren in mehreren Sprachen überbrücken soll. Die App ist seit Neuestem in zeitliche Etappen unterteilt: Erst hilft sie mit wichtigen Begriffen und Orten bei der Erstaufnahme, später bei der Jobsuche.

Früher habe ich meine Zeit vor der Konsole vertrödelt

Patrice arbeitet mittlerweile mit einem zwanzigköpfigen Team zusammen. Sie suchen sich Unterstützung aus der Politik und binden andere Projekte wie die Jobbörse „Workeer“ oder das soziale Netzwerk „WeConnect Berlin“ mit ein. Germany says Welcome ist aber nur eines von mehreren Softwareprojekten, die Patrice zu verdanken sind – und das mit 17 Jahren: „Ich habe auch mal Serien geguckt und vor der Konsole meine Zeit vertrödelt“, erinnert sich Patrice. „Das hat mich aber geärgert. Also habe ich die Playstation verkauft und das Geld in ein MacBook investiert.“ Seitdem ist sein Hobby das Coden.

Damit ist Patrice nicht allein. Die „Open Knowledge Foundation“ und die Organisation „Mediale Pfade“ haben vor drei Jahren mit den „Jugend hackt“-Events begonnen. Zuerst waren 60 Jugendliche dabei, ein Jahr darauf bereits 120. Inzwischen haben solche Hackathons in Dresden, Ulm, Köln, Hamburg und Berlin stattgefunden. Die jungen Technikfreaks mögen den Open-Source-Gedanken, den Hacker weltweit unterstützen. Alle entwickelten Codes können von allen verwendet werden und sollen der Gemeinschaft dienen. „Wir haben nicht das Geld zum Spenden und keine Autos für Fahrdienste“, sagt Patrice. „Aber wir sind im Netz aufgewachsen und verfügen über die technischen Kenntnisse, die andere nicht haben.“

Nicht nur Software schreiben, auch die Welt verbessern

Bei „Jugend hackt“ lernen die Jugendlichen voneinander und werden dabei von Mentoren betreut – allesamt ehrenamtliche Software- und Hardwareentwickler. „Wir planen gemeinsam, welche der Ideen sich auf welche Art realistisch umsetzen lassen“, erklärt Daniel Seitz, einer der Mentoren. Und welche Entwicklungen überhaupt nützlich sind. Schließlich sollen die Kids nicht nur Software schreiben, sondern auch ein bisschen die Welt verbessern. Häufig übertreffen sie sogar die Erwartungen ihrer Mentoren: „Wir sind immer wieder überrascht von manchen Projekten“, erzählt Seitz.

Gerade entstand „CrowdFlow“ – ein Programm, mit dem sich die Bewegungen großer Gruppen mithilfe von Smartphones und ihrer Signale messen lassen, die bei der Suche nach WLAN-Spots gesendet werden. Damit können sich Staus oder Engpässe auf Großveranstaltungen vorhersehen lassen – oder eben, wie viele Menschen gerade an einer Landesgrenze warten. Weil solche Daten aber auch missbraucht werden könnten, mussten die jungen Entwickler dafür sorgen, dass so eine Messung anonym erfolgt. „Da haben die Kids auf Bitebene an Nullen und Einsen getüftelt“, sagt Mentor Seitz mit unverholenem Stolz.

Philipp Brandstädter ist freier Journalist in Berlin. Als 17-Jähriger hat er sich lieber der digitalen Film- und Musikpiraterie gewidmet, anstatt mit einem Code die Welt zu verbessern.