„Diese James-Bond-Brille, diese Spionage-für-Jedermann-Technologie: Die ist böse.“ Pablo Rothmann hat da eine ziemlich klare Meinung. Der Erdkundelehrer wurde im „ZDF-Morgenmagazin“ beim Betreten eines Schwulenclubs gezeigt und verlor anschließend seinen Job am konservativen Internat Schloss Griebsburg. Bei einem kleinen Live-Versuch mit der Real-o-Rama, der neuen Datenbrille made in Germany, wurde er mittels Gesichtserkennung identifiziert, seinen vollen Namen wusste die Brille ebenfalls.

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Eine Frau mit Brille betrachtet sich im Spiegel - die Brille ist eine Datenbrille
Eine Frau mit Brille betrachtet sich im Spiegel - die Brille ist eine Datenbrille

Keine Sorge: Das ist nur ausgedacht. Der Vorfall stammt aus der Mockumentary „Operation Naked“, einem Film also, der eben nur so tut, als ob er gerade die Realität zeigt.

Regisseur und Drehbuchautor Mario Sixtus, der in seinem Videoformat „Elektrischer Reporter“ bereits seit rund 10 Jahren das Internet erklärt, spielt in „Operation Naked“ ein Szenario durch: Was würde in Deutschland passieren, wenn es eine Datenbrille gäbe? Eine Brille mit vielen harmlosen und praktischen Funktionen aus dem Bereich der „Augmented Reality“, also der Anreicherung der realen Welt mit Daten, die dank der Brille direkt ins Blickfeld der Nutzer gelegt werden, etwa: Wie haben andere Gäste dieses Restaurant bewertet? Was erzählt mir Wikipedia über dieses Gebäude? Und wartet in dieser Straße womöglich ein Blitzer? Eine Brille, die ihrem Träger aber auch, dank Gesichtserkennung und einem schnellen Abgleich mit den im Internet hinterlegten Daten, alles Mögliche über die Menschen zeigen kann, denen er auf der Straße begegnet: was sie zuletzt gelesen haben, wie viel Geld sie auf dem Konto haben, womöglich sogar, ob sie in psychischer Behandlung sind.

Ein Horrorszenario? In „Operation Naked“ sieht das Michelle Spark, die Chefin des fiktiven Start-ups Real-o-Rama, anders. Für sie ist die Brille ein Instrument der Ermächtigung und auf die Vorwürfe von Pablo Rothmann hat sie auch eine Antwort: „Genau die Preisgabe des Privaten ist doch ein politischer Schritt. Geheimnistuerei stärkt immer die Diskriminierer, die Unterdrücker, die, die immer bestimmen wollen, was normal ist und was nicht. Für die menschliche Gemeinschaft müssen wir mit aggressiver Offenheit kämpfen.“

Sixtus geht es in seiner Fake-Dokumentation aber nicht bloß um eine  Datenbrille. Die Real-o-Rama ist nur eine Blaupause, anhand der er zeigt, wie skeptisch Deutschland gegenüber neuen Technologien ist und wie in den Medien über diese Neuerungen berichtet wird –  man denke an die Aufregung um Google Street View im Jahr 2010, die auch in „Operation Naked“ aufgegriffen wird.

So treten die üblichen Verdächtigen auf den Plan: Ein Technik-Blogger, der sich freut, den Real-o-Rama-Prototypen testen zu dürfen. Ein Netzaktivist, der wie die Real-o-Rama-Gründerin contra Datenschutz argumentiert und das Konzept Privatsphäre komplett neu denken will. Der Konservative, für den Soziale Medien zur Entwürdigung des Menschen führen und „all die Privatheitströpfchen“, die wir dort preisgeben, „sich zu einer stinkenden Flut addieren, die alles Echte, alles Menschliche hinwegspült“. Und mit den „Aluköpfen“ eine obskure Widerstandsgruppe, die an die Anonymous-Bewegung angelehnt ist.

Der Politik wird dabei eine recht trampelige Rolle zugedacht. Erst hofiert der zuständige Staatssekretär das Start-up Real-o-Rama als Hoffnungsträger für den Digitalstandort Deutschland. Als die Datenbrille dann in der öffentlichen Meinung immer kritischer gesehen wird, reagiert er mit einem Verbot der „Datensichtgeräte“, wie sie im Amtsdeutsch heißen. Mit dem Ergebnis, dass die Real-o-Rama-Gründerin – inzwischen mit missionarischem Eifer – die Brillen-Baupläne kostenlos ins Netz stellt und so dafür sorgt, dass sich die Technik in der Hacker- und Makerszene weiterentwickeln kann.

Verbote können neue Technologien nicht aufhalten, glaubt Regisseur Mario Sixtus: „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Digitalisierung keine Pause- oder gar Stopp-Taste besitzt.“ Was dies bedeutet, überlässt er dem Zuschauer. In seinem Film kommen einerseits Kritiker und Datenschützer zu Wort, andererseits auch Menschen, die fragen: Wäre es nicht weitsichtiger, sich mit dem Ende der Privatsphäre abzufinden und zu überlegen, wie wir damit umgehen wollen? Auch in der Realität gibt es seit einigen Jahren die Post-Privacy-Bewegung, die wenig vom klassischen Weg der Datenschützer hält, möglichst wenig preiszugeben. Ihrer Meinung nach könne man sich sowieso nicht mehr verstecken – die Daten seien alle da. Daher halten sie die Flucht nach vorne für den besseren Weg – bei einer totalen Offenlegung hätten wenigstens alle Menschen Zugriff auf diese Daten und nicht nur einige staatliche Stellen und Konzerne. Die Informationen wären so jedenfalls demokratisiert.

Inszeniert hat Sixtus seinen Film als Aneinanderreihung von Fernsehausschnitten, quasi ein Fast-Forward-Zappen durch die Datenbrillen-Diskussion. Hierfür halfen ihm viele ZDF-Redaktionen und -Fernsehgesichter: Claus Kleber, Markus Lanz, Dunja Hayali, Jan Böhmermann, Oliver Welke und viele mehr haben Cameo-Auftritte in den Kulissen vom „heute journal“, von „frontal21“, „Aktenzeichen XY ungelöst“, „aspekte“ und so weiter. Das Ergebnis ist eine lehrreiche und hochrasante, mitunter ein wenig holzschnittartige Mockumentary mit Seitenhieben gegen Techniknerds und Politiker, gegen Kulturpessimisten und sogar gegen das ZDF selbst. 

Dem Realitätsgehalt des Ganzen geht Mario Sixtus in einer begleitenden Dokumentation nach. Für „Ich weiß, wer du bist“ ist er unter anderem ins Silicon Valley gereist, auf eine Biometrie-Messe und zeigt uns Geschichte und den aktuellen Stand der Technik. Sein Fazit: „Datenbrillen kommen. Gesichtserkennung funktioniert prima. Und aus Online-Verhaltensmustern lassen sich wunderschöne Persönlichkeitsprofile stricken“, sagt er. „Man müsste diese drei Technologien nur noch zusammenfügen und schon hätten wir unsere allsehende Brille.“

Was das mit uns macht, darüber sind die von Mario Sixtus für seine Dokumentation befragten Kulturwissenschaftler und Futurologen geteilter Meinung. Nicht alle teilen den Fatalismus der Post-Privacy-Vertreter. Die Sozialpsychologin und emeritierte Professorin der Harvard Business School Shoshana Zuboff sieht die Post-Privacy-Idee als „Kapitulation vor einem Albtraum“. Sie widerspricht, dass Technologie unaufhaltsam und quasi vorbestimmt ihren Weg gehe und sieht die Datensammelwut als Ausdruck eines „Überwachungskapitalismus“. Für Zuboff geht es in dieser Diskussion ganz grundlegend um unser Selbstverständnis als Menschen, um unser Zusammenleben als soziale Wesen. „Wir müssen uns manchmal einfach einigeln und uns auf uns zurückziehen, ohne dass jemand weiß, was wir machen. Denn nur in solchen Momenten werde ich wirklich zu mir selbst, lerne ich mich überhaupt erst selbst kennen.“

Die Diskussion um Privatsphäre und Transparenz hat gerade erst begonnen. Erst in einigen Jahren wird sich zeigen, welche Strategie die beste ist.